Schlecker-Pleite

Die dringendsten Aufgaben des Insolvenzverwalters

Die Drogeriemarktkette Schlecker kann nicht mehr und strebt eine sogenannte Planinsolvenz an. Morgenpost Online erklärt die wichtigsten Fakten rund um das Insolvenzverfahren

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Was ist eine Planinsolvenz?

Anders als bei der normalen Insolvenz soll das Unternehmen bei einer Planinsolvenz weitgehend vom bisherigen Management und dem alten Eigentümer saniert werden. Voraussetzung ist allerdings, dass zuvor schon ein ausgewiesener Sanierungsexperte in der Firmenleitung tätig ist – sozusagen als Aufpasser und Ideengeber.

Dieser Experte sei bei Schlecker an Bord, hat das Unternehmen erklärt, ohne Namen zu nennen. Daneben hat das Amtsgericht Ulm hat Wirtschaftsprüfer Arndt Geiwitz aus Neu-Ulm zum Insolvenzverwalter bestellt.

Geiwitz sei ein „sehr guter Insolvenzverwalter“, der schon viele Verfahren betreut habe, sagte der zuständige Richter Benjamin Webel der Nachrichtenagentur dapd. Seine Wirtschaftsprüfergesellschaft Schneider, Geiwitz & Partner verwaltet auch die Insolvenz des Druckmaschinenherstellers Manroland und die des Autovermieters Budget.

Geiwitz wird damit zum obersten Chef und würde mit dem bisherigen Management eng zusammenarbeiten. So soll verhindert werden, dass zu viel Zeit für die Einarbeitung des von außen kommenden Verwalterteams verloren geht. Ziel des Planverfahrens ist der Erhalt des Unternehmens, wenn auch in reduzierter, auf Dauer überlebensfähiger Form. Vorbild ist ein Verfahren aus dem amerikanischen Insolvenzrecht, „Chapter 11“.

Kann sich das betroffene Unternehmen das Verfahren aussuchen?

Schlecker kann das Planverfahren zwar vorschlagen, genehmigen muss es aber der Richter. Die Gläubiger entscheiden, ob das Verfahren zum Tragen kommt. Das Gericht muss prüfen, ob die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind. Wenn er oder die Gläubiger ablehnen, gibt es kein Planverfahren, sondern die klassische Insolvenz, bei die Gefahr einer Zerschlagung höher ist.

Die wichtigsten Gruppen, denen Schlecker Geld schuldet – Lieferanten wie die Einkaufsgemeinschaft „Markant“, Banken, Vermieter, Mitarbeiter, Krankenkassen oder Finanzämter – werden im Gläubigerausschuss zusammengefasst. Es ist das entscheidende Gremium. Die Gläubiger werden in aller Regel für das Planverfahren stimmen, wenn sie sich hier mehr Geld versprechen als im klassischen Verfahren.

Bei der Abwicklung von Arcandor und Quelle im klassischen Verfahren 2009 etwa bekamen die Gläubiger bestenfalls ein Prozent ihrer Forderungen – also praktisch nichts. Bei der Fortführung eines Unternehmens mit Hilfe des Planverfahrens kann für die Gläubiger dagegen immerhin die Hoffnung bestehen, später von der Erholung der Firma zu profitieren.

Was beinhaltet ein Insolvenzplan?

Der Plan ist die Blaupause für den Neustart des Unternehmens. Neben einem neuen Konzept mit mutmaßlich reduzierter Standortzahl und weniger Personal steht im Plan, welcher Gläubiger auf wie viel Geld verzichtet. Diese Zusagen muss das Team des Insolvenzverwalters in den kommenden Wochen mühsam aushandeln.

Dazu muss das Team den Gläubigern mit einer glaubhaften Zukunftsstory schmackhaft machen, warum es sich lohnen könnte, jetzt auf viel Geld zu verzichten. Nämlich dann, wenn dadurch das Unternehmen wieder auf die Beine kommt und danach weiterhin – beispielsweise – Kunde für einen Lieferanten ist.

In der Regel muss auch der Eigentümer erhebliche finanzielle Opfer bringen, damit die Gläubiger zu einem Verzicht bereit sind. Ansonsten könnte in diesem Fall die Familie Schlecker ihr Privatvermögen schonen und das Unternehmen auf Kosten anderer Leute sanieren lassen – und das ist nicht das Ziel des Verfahrens.

Auch die Eigentümer-Zusagen stehen im Insolvenzplan. Die Mehrheit der Gläubiger muss das Papier unterschreiben. Wenn das Gericht den Plan akzeptiert, hat er die Rechtskraft eines ganz normalen Vertrages: Jeder muss seine Zusagen also auch wirklich einhalten, sonst kann er verklagt werden.

Gibt es Beispiele für dieses Verfahren?

Bei der Textilhandelskette SinnLeffers hat das Planverfahren 2008/2009 gut funktioniert: Eigentümer Peter Zühlsdorff verzichtete in der wochenlang vorbereiteten Planinsolvenz auf millionenschwere Forderungen an sein Unternehmen, das zuvor zu Karstadt gehört hatte. Die Kette hat das Insolvenzverfahren überlebt – wenn auch in Filial- und Mitarbeiterzahl deutlich reduziert.

Inzwischen wächst das Unternehmen wieder. Zühlsdorff ist bis heute Eigentümer. Bei Arcandor 2009 kam es dagegen nicht zum angestrebten Planverfahren. Denn die Haupteigentümer Madeleine Schickedanz und die Bank Sal. Oppenheim konnten die geforderten Beträge in dreistelliger Millionenhöhe nicht leisten. Daraufhin wurde der Konzern zerschlagen, die Aktien wurden praktisch wertlos und die Eigentümer – Kleinaktionäre ebenso wie Schickedanz und Oppenheim – erlitten praktisch einen Totalverlust.

Wie wird der Insolvenzverwalter ausgewählt?

Die Auswahl der Schlüsselfigur des Insolvenzverwalters ist im deutschen Recht noch immer erstaunlich intransparent. Der Richter bestimmt einfach einen – nach welchen Kriterien, bleibt ihm überlassen. Gerichte wählen gern Verwalter aus der Umgebung des Unternehmenssitzes aus.

Erst ab dem 1. März wird das Insolvenzrecht geändert. Dann können die wichtigsten Gläubiger starken Einfluss darauf nehmen, welchen Verwalter sie haben wollen. Dann gibt es für die Gläubiger auch die Möglichkeit, Forderungen in Unternehmensanteile umzuwandeln. Wer vom insolventen Unternehmen noch Geld bekommt, könnte dann Mit-Eigentümer werden.

Welches sind die ersten Aufgaben eines Insolvenzverwalters nach der Berufung?

Bei Insolvenzverwaltern gelten die ersten Tage nach Übernahme des Mandates als entscheidend für den Erfolg. Das Team muss sich so schnell wie möglich ins Unternehmen einarbeiten, Zahlen, Daten und Strukturen kennen lernen und gleichzeitig dafür sorgen, dass der Betrieb weiterläuft und das Geld nicht ausgeht.

Im Handel sind zunächst die Gespräche mit den Vermietern und Lieferanten wichtig. Die müssen davon überzeugt werden, dass sie trotz der Insolvenz weiterhin Waren schicken sollen. Tun sie das nicht, werden die Lücken in den Regalen noch großer und der Absturz beschleunigt sich. Bestellungen, die der Insolvenzverwalter unterschreibt, sind allerdings besser besichert als jene aus der Zeit vor der Insolvenz. Die Wahrscheinlichkeit für den Lieferant, die Rechnung auch bezahlt zu bekommen, ist also höher.

Neben der Information der Geschäftspartner über das weitere Vorgehen muss das Verwalterteam den Mitarbeitern sage, wie es weitergeht – etwa in Betriebsversammlungen. Das allerdings ist bei Unternehmen wie Schlecker mit rund 7000 bundesweit verstreuten Standorten eine echte Herausforderung.

Um die Mitarbeiter weiterhin bezahlen zu können, bezahlt die Bundesagentur für Arbeit (BA) drei Monate lang Löhne und Gehälter. Allerdings tut sie das erst nachträglich. Also gehört es zu den ersten Pflichten des Insolvenzverwalters, eine Bank zu finden, die diese Beträge vorschießt. Das ist in der Regel unproblematisch, weil die Rückzahlung über die BA stets gewährleistet ist. Bei Schlecker dürfte es sich um einen Betrag im dreistelligen Millionenbereich handeln.

Was verdient ein Insolvenzverwalter?

Die Honorare können in langfristigen Verfahren astronomische Höhen erreichen. Im Karstadt-Verfahren etwa geht es um mehr als 30 Millionen Euro. Dafür ist allerdings auch der Großteil einer Kanzlei mit hoch qualifizierten und teuren Juristen sowie Wirtschaftsexperten monatelang im Einsatz. Am Ende schreibt der Verwalter auf Basis der Gebührenordnung die Rechnung. Wie viel tatsächlich bezahlt wird, entscheidet der Richter.