Luftfahrt

Mehdorns Neustart auf fremde Kosten

Air Berlin nimmt die Nonstop-Verbindung nach Abu Dhabi in Betrieb, Sitz des neuen Großaktionärs Etihad. Die beiden Fluggesellschaften haben große Pläne.

Foto: dapd

Air-Berlin-Gründer Joachim Hunold wirkt nachdenklich. Offenbar fällt ihm diese Reise nicht ganz leicht. Sie führt nach Abu Dhabi, der Heimatbasis des neuen Großaktionärs Etihad Airways. Ein arabischer Staatsbetrieb, dem jetzt ein knappes Drittel der Anteile von Air Berlin gehört. Es ist der Erstflug des von Hunold gegründeten und mittlerweile in schwere Turbulenzen geratenen Unternehmens auf dieser Strecke. Und er soll die Partnerschaft besiegeln, von der sich Air Berlin so viel verspricht.

Die Entscheidung, sich mit Etihad einen finanzstarken Aktionär ins Haus zu holen, der strategische Weichen mitstellen will, wäre Hunold wohl sehr schwergefallen. Deshalb hatte er bis zu seinem Abgang als Vorstandschef im vergangenen August auch kein solches Angebot angenommen. Und neben der acht Jahre alten Etihad im Besitz der Herrscherfamilie Al-Nahyan gab es auch andere wie Air France oder die chinesische Hainan Airlines, die Interesse hatten.

Hunolds Nachfolger Hartmut Mehdorn konnte einen solchen Schritt viel leichter tun, denn der finanzielle Druck war riesengroß geworden. Die Millionenspritze der Etihad und vor allem die eingeräumte Kreditlinie verschafft dem Management der hoch verschuldeten Air Berlin jetzt eine Atempause, um die schnell gewachsene zweitgrößte deutsche Airline zu sanieren und neu zu positionieren. Am Ende dieses Prozesses soll eine Fluggesellschaft stehen, die sowohl Geschäftsreisende wie Urlauber befördert – und nach vielen Jahren auch endlich Gewinn erzielen soll.

In diesem Jahr könnten es im schlimmsten Fall wohl erst noch einmal bis zu 200 Mio. Euro Verlust werden. In den ersten neun Monaten waren es bereits 124 Mio. Euro. Der Weg in die Gewinnzone wird also ziemlich anstrengend. Denn neben den hausgemachten Problemen kriselt es mal wieder kräftig in der Branche: ein hoher Ölpreis, die Turbulenzen in Nordafrika und hohe Extrasteuern in Europa drücken bereits viele Fluggesellschaften aus der Gewinnzone. Etihad rechnet dagegen laut Vorstandschef James Hogan für das vergangene Jahr erstmals mit einer schwarzen Null und 2012, ist er sich sicher, „werden wir netto Gewinn machen“.

Hunold ist immer noch Air Berlin verbunden

Dass Hunold auf dem Erstflug nach Abu Dhabi dabei ist, zeigt, wie sehr er innerlich immer noch mit dem Unternehmen verbunden ist. Der 62-Jährige, Mitglied des Verwaltungsrats, scheint seinen neuen Platz mittlerweile gefunden zu haben. Bereitwillig setzt er sich in die Reihe hinter dem neuen Frontmann Hartmut Mehdorn. Und als der Airbus A330-200 auf dem Flughafen Abu Dhabi an der Brücke angelegt hat und Mehdorn gut gelaunt aus dem Cockpit kommt – wo er sich von den Piloten verabschiedet hat – steht Hunold bereits an der Tür und ruft seinem Nachfolger zu: „Hartmut, geh' du voran.“ Und er scheint ein klein wenig in sich hineinzulächeln.

Mehdorn hatte vor Weihnachten kurzerhand per Kapitalerhöhung rund 30 Prozent an die Staatsairline der Vereinigten Arabischen Emirate, kurz VAE, verkauft. „Air Berlin saß eingezwängt zwischen Lufthansa, Air France, British Airways und Iberia. Deshalb mussten wir uns einen Partner suchen“, begründet Mehdorn im Gespräch mit der „Welt“ die bislang einzigartige Kapitalverflechtung zwischen einer europäischen und einer arabischen Fluggesellschaft. Und Etihad-Chef Hogan ergänzt schon fast euphorisch: „Das hat super gepasst.“ Die beiden scheinen sich blendend zu verstehen. Alles klingt gut.

Aber zum Gesamtbild gehört eben auch, dass Air Berlin auf einem riesigen Schuldenberg von mehr als 600 Mio. Euro sitzt und dringend Geld braucht. Etihad hat Geld. Und ist nun auch bereit, den Berlinern Kredit zu akzeptablen Konditionen zu geben. Der Preis dafür ist allerdings, dass Air Berlin und die junge, in den vergangenen Jahren stark gewachsene arabische Airline künftig in Europa eng zusammenarbeiten sollen.

Deal mit Etihad hilft beiden Seiten

Das könnte durchaus gutgehen. Etihad hat jede Menge neue Großraumflugzeuge, darunter zehn A380, bestellt, und die müssen gefüllt werden. Der Flughafen Abu Dhabi wird gerade um die Kapazität von 40 Millionen Passagieren erweitert. Air Berlin wiederum hat in Europa ein großes Netzwerk und vor allem traditionell gute Drähte zu großen Pauschalreiseveranstaltern wie TUI oder Thomas Cook. Und mit deren Gästen rechnet Hogan jetzt. „Die Reisemärkte Deutschland, Österreich und die Schweiz sind auch für uns sehr lukrativ“, ist der Etihad-Chef überzeugt. Das hat auch der starke Konkurrent Deutsche Lufthansa mittlerweile erkannt und rüstet in diesem Kundensegment auf. Und weil Hogan in Europa nicht so viele Landegenehmigungen wie gewünscht bekommt, geht er jetzt den Umweg über eine Beteiligung an Air Berlin.

Mehdorn ist das recht. Air Berlin ist trotz des niedrigen Börsenkurses nicht weit unter Wert verkauft worden, und er sieht mehr Vor- als Nachteile darin, ein Stück operative Eigenständigkeit zugunsten einer engen Kooperation mit einer Golf-Fluglinie aufzugeben. Der Air-Berlin-Chef verspricht sich zum Beispiel jede Menge Synergien. Zahlen wollen beide Manager allerdings noch keine nennen, dazu sei es zu früh. Aber Air Berlin müsse zum Beispiel keine eigene Wartung für die bestellte Flotte der neuen Boeing „Dreamliner“ aufbauen, da auch Etihad 41 Maschinen des gleichen Typs bestellt habe, erklärt Mehdorn. Die Boeings könnten deshalb künftig am Golf gewartet werden. „Wir wollen gemeinsam Geld verdienen“, bringt es Etihad-Chef Hogan auf den Punkt. Und Mehdorn nickt freundlich.

Und um dies auch gegenüber Kunden und – genauso wichtig – gegenüber den eigenen Mitarbeitern unmissverständlich zu dokumentieren, war die Berliner Flughafengesellschaft beauftragt worden, in Windeseile neben dem Air-Berlin-Behelfsterminal auf dem Flughafen Tegel ein weiteres provisorisches Abfertigungsterminal für die neue deutsch-arabische Unternehmung aufzustellen. Dabei ist es nur noch ein knappes halbes Jahr, bis alle Fluggesellschaften in der deutschen Hauptstadt auf den neuen Großflughafen „Willy Brandt“ umziehen werden. „Wir machen das alles, um zusätzliche Kunden zu finden“, sagt Mehdorn. Dazu werden ab sofort auch beide Vielfliegerprogramme für die Passagiere des jeweils anderen geöffnet.

Auch Zusammenarbeit in der Frachtsparte wird überprüft

Ab Mai wollen Etihad und Air Berlin dann gemeinsam 42 Mal pro Woche von Deutschland aus nach Abu Dhabi fliegen. Derzeit bedient Etihad München, Frankfurt/Main und Düsseldorf. Air Berlin verbindet ab jetzt vier Mal in der Woche die beiden Hauptstädte. In Abu Dhabi sollen künftig die Kunden der Air Berlin umsteigen und dann weiterfliegen nach Asien oder nach Australien. „Wir überlegen auch, was wir in Afrika gemeinsam machen können“, sagt Mehdorn.

Auch eine mögliche Zusammenarbeit im Frachtbereich – der bei Etihad groß und bei Air Berlin klein ist – soll geprüft werden. Zwei Projektteams loten jetzt aus, wie die beiden Fluggesellschaften künftig gemeinsam weitermachen können. Hogan gib dabei die Richtung klar vor: „Das hier ist eine große Chance für beide Unternehmen“, sagt er mit einem Seitenblick auf Mehdorn und ergänzt: „Wir wollen insgesamt mehr Passagiere aus den Netzwerken der beiden Unternehmen generieren.“

Und der Weg dahin, scheint es, könnte sehr viel einfacher sein als befürchtet. „Die beiden Unternehmenskulturen sind sehr viel näher beieinander, als wir gedacht haben“, findet Mehdorn nach den ersten Gesprächen in Abu Dhabi.