Unglück im Mittelmeer

"Wettrennen in der Kreuzfahrtbranche ist zu Ende"

Die Katastrophe der "Costa Concordia" wird Reedereien zufolge die Buchungen nicht verringern. Seit Jahren wächst das Kreuzfahrtgeschäft außergewöhnlich stark.

Foto: Welt Online/dpa/Aida/Tui

Möglicherweise wird das Unglück der "Costa Concordia" das Rennen um immer größere Kreuzfahrtschiffe beeinflussen. Die Reederei Carnival Cruises ist in diesem Vergleich die Nummer eins und betreibt ein Schiff mit bis zu 5400 Passagieren, plus 2000 Besatzungsmitglieder. Niemand mag sich heute vorstellen, welche Folgen die Havarie vor der Küste Italiens gehabt hätte, wenn annähernd doppelt so viele Menschen an Bord gewesen wären. Carnival ist der Mutterkonzern des Anbieters Costa.

Allein die Organisation von Rettungsabläufen für 7400 Frauen und Männer auf einem einzigen Kreuzfahrtriesen dürfte die besten Logistikexperten der Welt vor Herausforderungen stellen. "Je mehr Menschen an Bord sind, desto schwieriger wird natürlich eine Rettungsaktion. Ich glaube, dass das Wettrennen um Größe in der Kreuzfahrtbranche jetzt endgültig zu Ende ist", sagte Helge H. Grammerstorf Morgenpost Online. Der Eigentümer der Beratungsfirma Sea Consult und Branchenkenner ist lange Jahre als Kapitän zur See gefahren.

Auch wenn dies zynisch klingen kann: Reedereien und Experten erwarten keine Auswirkungen der Schiffskatastrophe auf das Geschäft mit Seereisen. "Genau wird man das erst in einigen Wochen sagen können. Aber wir glauben an das Wachstumspotenzial von Kreuzfahrten und werden unser Potenzial ausschöpfen", sagte Richard Vogel, Chef von TUI Cruises, Morgenpost Online. Die TUI-Tochter ist der Neustarter in dem Markt, betreibt zwei Schiffe und hat gerade ein drittes bei einer finnischen Werft in Auftrag gegeben.

Die Auslastung liegt nach eigenen Angaben bei 100 Prozent. "Trotz alledem, wir schauen weiter so in die Zukunft, wie wir es vor dem Wochenende getan haben", sagte der Manager weiter. Selbstverständlich habe Sicherheit und Sicherheitstraining höchste Priorität in seiner Reederei.

Beim Branchenführer in Deutschland, Aida Cruises, gab es keine Aussage zur Branche und den Geschäftserwartungen. Aida in Rostock ist – ebenso wie Costa – eine Tochtergesellschaft von Carnival. Aida verfügt derzeit über acht Kreuzfahrtschiffe, in den nächsten vier Jahren kommen vier weitere hinzu. Gebaut werden sie allerdings nicht mehr auf der Meyerwerft in Papenburg, sondern bei Mitsubishi in Japan.

Auch Taleb Rifai, Generalsekretär der Welttourismusorganisation (UNWTO) mit Sitz in Madrid, glaubt nicht, dass das rasante Wachstum der Kreuzfahrtbranche aus den vergangenen zehn Jahren nun von einem Tag zum anderen zum Stillstand kommen wird. "Solche tragischen Ereignisse führen in der Regel zu mehr Sicherheit an Bord, nicht aber dazu, dass die Einkünfte der Branche sinken werden", sagte Rifai in Madrid.

Deutlich gesunken ist dagegen der Kurs von Carnival an den Börsen in New York sowie London – den beiden wichtigsten Handelsplätzen für die US-Kreuzfahrtreederei. Die Aktie verlor am Montagnachmittag 17 Prozent. So stark ist der Aktienkurs seit mehr als zwei Jahren nicht eingebrochen. Zuvor hatte die Carnival-Tochtergesellschaft Costa in Italien bekannt gegeben, dass sie mit einem Schaden von mindestens 95 Mio. Dollar (75 Mio. Euro) für das eigene Unternehmen rechnet – trotz umfangreicher Versicherungen.

Ein Grund sind entgangene Einnahmen, weil das Schiff für etliche Monate nicht eingesetzt werden kann. Weit stärker wird das Unglück die Versicherungen belasten: Auf sie dürften mehrere Hundert Mio. Euro Schadenersatzansprüche der Passagiere zukommen. Auch das Schiff selbst ist gegen Schäden versichert. Ohnehin leidet die Reederei unter den Treibstoff-Kosten – die Tonne Schiffsdiesel hat sich binnen Jahresfrist um ein Drittel verteuert.

Carnival Cruises mit Konzersitz in Miami – aus Steuergründen liegt der Rechtssitz jedoch in Panama – ist mit 15 Tochterfirmen vor dem Konkurrenten Royal Caribbean die klare Nummer eins der Branche. Auf den Plätzen drei und vier stehen Norwegian Cruise Line ebenfalls aus den USA und die Kreuzfahrttochter der Mediterranean Shipping Company aus der Schweiz. Carnival ist deutlich größer und erzielte im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatz von knapp 16 Mrd. Dollar. Im April 2011 wurde die "Carnival Magic" als 100. Schiff in Dienst gestellt. Die Tochterfirma Costa aus Genua wiederum verfügt über 15 Kreuzfahrtschiffe und ist Branchenführer in Europa. In Deutschland ist die Costa-Gesellschaft Aida der Platzhirsch.

Seit Jahren schon wächst das Kreuzfahrtgeschäft in Deutschland so stark wie kein anderer Tourismusbereich. Waren es 2010 noch 1,2 Millionen Deutsche, die eine Seereise buchten, so sollen es nach ersten Schätzungen im vergangenen Jahr bis zu 1,4 Millionen gewesen sein. Zuwachsraten von bis zu 20 Prozent waren in den vergangen Jahren Gewohnheit. Im Durchschnitt dauert eine Kreuzfahrt 9,3 Tage, der durchschnittliche Tagespreis liegt bei etwa 190 Euro.

Die Bandbreite ist allerdings enorm groß: Schnäppchenangebote beginnen bei 50 Euro, für Luxusreisen sind schon einmal 500 Euro für einen Tag auf See fällig. Der Umsatz der Kreuzfahrtbranche in Deutschland wird für das vergangene Jahr auf rund 2,3 Mrd. Euro geschätzt. Hinzu kommen Ausgaben an Bord. "Insgesamt dürfte der deutsche Markt auf mehr als drei Milliarden Euro kommen", sagte Experte Grammerstorf. Allerdings bleibt es ein Nischengeschäft: In Deutschland gehen lediglich 1,5 Prozent der Urlauber auf eine Seereise. In Großbritannien sind es doppelt und in den USA drei Mal so viele.

Zuversichtlich sind auch die Hafenbetreiber in Italien. "Wir hoffen, dass die Tragödie keine negativen Auswirkungen haben wird", sagte Pasqualino Monti, Präsident der Hafengesellschaft von Civitavecchia, Morgenpost Online. "Die Kreuzfahrtindustrie hat immer gezeigt, dass sie auch gegen den Trend wachsen kann", sagte der Manager. Für Italiens Häfen geht es um viel: Sie haben zuletzt stark vom Boom der Kreuzfahrten profitiert. So konnte der römische Hafen Civitavecchia vergangenes Jahr die Passagierzahlen um ein Drittel steigern und Barcelona als größten Zielhafen für Kreuzfahrten im Mittelmeer ablösen.

Verschärfte Sicherheitsbestimmungen könnten einige Häfen allerdings schon treffen. So hat Italiens Umweltminister Corrado Clini bereits angekündigt, erneut über die Frage sprechen zu wollen, ob Kreuzfahrtschiffe bei der Einfahrt in den Hafen von Venedig den Markusplatz passieren dürfen. Kritiker beklagen seit langem die Risiken. Der Hafen würde ohne diese Einfahrt jedoch an Attraktivität für Kreuzfahrttouristen verlieren.