Schuldenkrise

Goldman Sachs pocht auf EZB-Hilfe für Italien

Für Dirk Schumacher, den Chefvolkswirt von Goldman Sachs, gibt es nur noch einen Ausweg aus der Schuldenkrise. Die EZB muss im Zweifel Italien stützen.

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Morgenpost Online: Herr Schumacher, wird es den Euro Ende 2012 noch geben?

Dirk Schumacher: Unser Basisszenario für 2012 bleibt, dass es den Euro auch Ende des Jahres geben wird, und zwar mit all seinen 17 Mitgliedern.

Morgenpost Online: Wie wird die Schuldenkrise in diesem Jahr weitergehen?

Schumacher: Es gab auf den zurückliegenden Gipfeln eine Reihe sinnvoller Beschlüsse. Es wird künftig deutlich schwieriger, Schuldenregeln zu umgehen. Aber diese Fortschritte haben bislang nicht ausgereicht, die Krise zu entschärfen. Die alles entscheidende Frage ist nun, wie Italien und Spanien ihren Staatshaushalt finanzieren, bis sie ihr Schuldenproblem in den Griff bekommen haben.

Morgenpost Online: Was schlagen Sie vor?

Schumacher: Sollten einige Regierungen sich gar nicht mehr am Markt finanzieren können, bleibt am Ende nur die Europäische Zentralbank als echte Rückfalloption. Es geht wohlgemerkt nur um eine Überbrückung, um diesen Ländern Zeit zu geben, notwendige Anpassungen vorzunehmen.

Morgenpost Online: Hilft die EZB den Staaten nicht längst? Sie hat schon 200 Milliarden Euro an Staatsanleihen aufgekauft.

Schumacher: Irland und Portugal haben diese Zeit ja auch genutzt. Um Italien und Spanien über Finanzierungsengpässe hinweg zu helfen, wird das bisherige Ankauf-Volumen aber nicht ausreichen. Ein klares Signal der EZB zu helfen - sollte dies notwendig sein - wäre sicherlich hilfreich.

Morgenpost Online: Warum sollte die EZB größere Aufkäufe ankündigen?

Schumacher: Würde man den Weg über eine Ausweitung der Ankäufe nehmen, ist eine glaubwürdige Ankündigung wichtig, da sonst die Gefahr groß ist, dass der Effekt verpufft. Die Idee hinter solch einem Schritt ist ja gerade, dass Banken wissen, dass sie ihre Staatspapiere zur Not bei der EZB loswerden können, dadurch wieder Vertrauen in Staatsanleihen gewinnen und mehr Papiere kaufen.

Morgenpost Online: Würde die EZB dann nicht die politische Unterstützung in Deutschland verlieren?

Schumacher: Strikte Konditionalität ist Voraussetzung aller Maßnahmen – so haben es alle Gipfel bestätigt. Die Frage des Volumens des EFSF stellt sich erst, wenn Italien oder Spanien ihn in Anspruch nehmen. Eine Lösung wäre dann die Aufstockung der Mittel durch die übrigen Sponsoren des EFSF oder die Banklizenz.

Morgenpost Online: Dann hätten die Regierungen eine Gelddruckmaschine und würden die Schulden einfach weginflationieren.

Schumacher: Diese Gefahr bestünde natürlich. Aber dann muss die Politik die Regeln so gestalten, dass alle Staaten und die EZB solchen Hilfen einstimmig zustimmen müssen. Anders formuliert: Jede Hilfe muss an Konditionen geknüpft werden und kann immer nur temporär sein. Werden die Bedingungen nicht erfüllt, muss die Hilfe eingestellt werden.

Morgenpost Online: Die Regierungschefs wollten den IWF ins Boot holen. Welchen Unterschied macht es, wenn die Notenbanken Geld an den IWF geben, damit er es nach Europa verleiht? Es bleibt doch monetäre Staatsfinanzierung.

Schumacher: Absolut. Eines ist klar: Wir werden aus dieser Krise nicht ohne Schrammen rauskommen, es wird Abschreibungen geben müssen. Der Umweg über den IWF macht Sinn, da er Erfahrung im Umgang mit Staaten in finanzieller Schieflage hat und die EZB aus der Schusslinie nehmen könnte. Dafür reicht die angepeilte Kapitalaufstockung des Fonds von 200 Milliarden Euro aber sicher nicht aus.

Morgenpost Online: Warum sollten die Länder noch sparen, wenn die EZB – über welchen Weg auch immer – ihnen einfach Geld zur Verfügung stellt?

Schumacher: Die Gefahr, Fehlanreize zu setzen, muss man sehr ernst nehmen. Tut man aber gar nichts, droht der Euro auseinanderzubrechen. Der Preis eines Zusammenbruchs wäre aber so hoch, dass Europa vorher besser alle anderen Optionen ausprobieren sollte. Wenn die Länder nicht liefern, kann die EZB die Hilfe immer noch einstellen.

Morgenpost Online: Wenn die EZB die Schleusen aufmacht, werden die Investoren, die das heute fordern, morgen vor einer Inflation warnen. Dann wäre die Glaubwürdigkeit der EZB ruiniert.

Schumacher: Ob Europa aus der Krise kommt, hängt davon ab, ob den Ländern genug Zeit gegeben wird zu zeigen, dass sie ihre Schulden abbauen können. Italien und Spanien sind nicht insolvent und können ihre Schuldenstände reduzieren, auch wenn dies kein einfacher Weg wird. Inflationsgefahren drohen nicht, wenn die halbe Euro-Zone historische Sparpakete aufgelegt hat.

Morgenpost Online: Viele US-Investoren glauben nicht, dass Italien die Kurve noch bekommt. Warum?

Schumacher: Italien hat ein Wachstumsproblem. Das Potentialwachstum ist in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gefallen. Das verunsichert Investoren. Die Entwicklung der letzten Monate hat allerdings nicht nur mit den strukturellen Wirtschaftsdaten zu tun, sondern viel mit Herdenverhalten auf den Finanzmärkten. Die große Gefahr ist, dass die Untergangsstimmung dort zu einer selbst erfüllenden Prophezeiung wird.

Morgenpost Online: Reichen die Sparbeschlüsse in Italien aus, damit das Land sich retten kann?

Schumacher: Italien hat ein gewaltiges Sparprogramm aufgelegt, viel mehr kann das Land nicht machen, will es die Konjunktur nicht völlig abwürgen. Sparen allein wird aber nicht reichen, das Land braucht Strukturreformen. Da gibt es viele niedrig hängende Früchte. Schon seit Jahren fordert die OECD Italien auf, seinen Arbeitsmarkt und seinen Dienstleistungssektor zu liberalisieren.

Morgenpost Online: Investoren befürchten, dass auch im europäischen Bankensektor noch ein paar Bomben liegen, die zur großen Belastung für die Staatshaushalte werden könnten.

Schumacher: Soweit wir es bewerten können, steht der europäische Bankensektor insgesamt ganz gut da. Das größte Risiko in den Büchern der Banken sind die Staatspapiere der Krisenländer, die sie bei einer Pleite abschreiben müssen. Ist die Schuldenkrise gelöst, hat sich auch das Bankenproblem entschärft.

Morgenpost Online: Fordern deshalb ausgerechnet so viele Bankenvolkswirte ein stärkeres Eingreifen der EZB?

Schumacher: Aus meiner Sicht hat das nichts mit Banken- oder Nicht-Banken-Volkswirt zu tun. Ich denke, dass ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone mit immensen wirtschaftlichen Risiken für alle Beteiligten verbunden ist. Eine solche Situation könnte leicht außer Kontrolle geraten.

Morgenpost Online: Droht Europa eine Kreditklemme?

Schumacher: Die Finanzierungsbedingungen einiger Banken waren sehr kritisch, hinzu kommen die Gefahr einer Rezession und die strengeren Eigenkapitalanforderungen. Die EZB hat mit ihrem Schritt, dass sich Banken für drei Jahre unbegrenzt Geld bei ihr leihen können, die unmittelbare Gefahr einer Kreditklemme aber deutlich verringert. Zudem gibt es viele Banken, die Kreditvergabe an Unternehmen als ihr neues Kerngeschäft betrachten. Der deutsche Bankensektor hat relativ günstige Refinanzierungsbedingungen, weshalb sich auch deutsche Unternehmen günstig Kredite besorgen können.

Morgenpost Online: Wie sehr wird der drohende Abschwung den Euro-Krisenländern den Schuldenabbau erschweren?

Schumacher: Das Wachstumstempo hat sich deutlich verlangsamt, wir geraten in eine Rezession. Wir erwarten einen Rückgang der Wirtschaftsleistung von minus 0,8 für die Euro-Zone in diesem Jahr. Das ist nicht schön, aber verkraftbar. Sollte der Abschwung tiefer ausfallen, wird es eng.

Morgenpost Online: Was passiert dann?

Schumacher: Ich könnte mir vorstellen, dass die Länder ihre Konsolidierungspläne etwas zurückstellen mit der Rechtfertigung, dass die Programme aufgelegt wurden, als die Konjunktur noch lief. In Italien verursacht allein das Sparprogramm einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 2,7 Prozent über die nächsten zwei Jahre. Zudem könnte die EZB die Zinsen weiter senken. Ein Prozent muss ja nicht die in Stein gemeißelte Untergrenze sein.

Morgenpost Online: Können die Länder die Sparprogramme politisch überhaupt durchstehen?

Schumacher: Griechenland wird voraussichtlich 2013 fünf Jahre in Folge einen massiven Rückgang der Wirtschaftsleistung hinter sich haben. Das ist ein Test für das soziale Gefüge eines Landes. Aber die Alternativen sind nicht angenehmer.

Morgenpost Online: Warum? Griechenland könnte doch aus der Euro-Zone austreten?

Schumacher: Außerhalb der Euro-Zone wäre der Druck auf das Land, die nötigen Strukturreformen durchzuziehen, doch deutlich geringer. Griechenland bekäme auch nicht mehr die nötige Hilfe, um seinen Staatsapparat funktionsfähig zu machen.

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass Europa seine Lektion aus der Krise gelernt hat und sich künftig an Regeln halten wird?

Schumacher: Die Krise hat allen einen ordentlichen Schrecken eingejagt. Die Regierungen haben unterschätzt, wie negativ sich unsolide Finanzpolitik in manchen Ländern auf andere Staaten auswirkt. Jetzt weiß jeder: Wir sitzen alle in einem Boot, wenn auch nur ein Land in Schieflage gerät. Das gibt Grund zur Hoffnung.