Wirtschaftsskandale

Das waren die großen Absteiger im Jahr 2011

Lustreisen haben 2011 das Saubermann-Image der Versicherungsbranche zerstört. Das war nur der Auftakt in einer langen Reihe von Fehl- und Abtritten.

E10 – Das Öko-Benzin kommt nicht in Fahrt

Autofahrer packen lieber den Tiger in den Tank als den Maiskolben – und verweigern das Öko-Benzin E10. Die hehre Idee der Bundesregierung, mit einem höheren Anteil von Bio-Ethanol im Benzin dem CO 2 -Problem zu begegnen, kommt bei den Deutschen nicht an.

Sie haben in der großen Mehrzahl Sorge, dass der mit zehn Prozent nun doppelt so hohe Ethanol-Anteil im Benzin die Dichtungen oder Aluminiumteile im Motor angreift und irgendwann doch zu Schäden führt. Da helfen alle Angaben der Autohersteller oder auch Garantien der Ölkonzerne nichts. Das Superbenzin E10 hat sich bis heute als Flop erwiesen. Es hat laut Branchendienst Europe Oil-Telegram bei den großen Anbietern einen Absatzanteil zwischen 8,5 Prozent und 10,3 Prozent.

Vom herkömmlichen Eurosuper mit fünf Prozent Bio-Beimischung verkaufen die Stationen dagegen zwischen 76,5 Prozent und 81,5 Prozent. Dabei ist E10 mit einem Preisabstand von rund drei Cent die günstigste Benzinsorte im Tankstellenangebot. Ändert sich das alles nicht, werden 2012 Strafzahlungen der Ölkonzerne an den Bund fällig. nic

Rupert Murdoch – Abhörskandal stürzt News Corp tief in die Krise

Rupert Murdoch weiß um die Kraft von Bildern. Der Moment, als dem Medienunternehmer im Juli eine Torte aus Rasierschaum ins Gesicht knallte, könnte zum Symbol seines Niedergangs werden. „Das ist der demütigste Tag meines Lebens“, sagte Murdoch bei seinem Auftritt vor dem britischen Parlamentsausschuss und sollte für das dann folgende, fast dreistündige Verhör Recht behalten.

Als ihm dann schließlich ein Zuschauer die Torte ins Gesicht drückte, war die Blamage perfekt. Der Skandal um die mittlerweile eingestellte Zeitung „News of the World“ stürzte News Corp in die tiefste Krise der Unternehmensgeschichte. Über 12.000 Telefone von Schauspielern, Royals, Politikern, Popsängern und Opfern von Gewaltverbrechen hatte das Blatt illegal abgehört.

Die bisherigen Ermittlungsergebnisse legen nahe, dass die illegalen Praktiken Methode in Murdochs Medienreich hatten. Murdoch hat in seinem Leben viel erreicht. Er teilt jedoch das Schicksal vieler Männer, die zu lange zu mächtig waren: Er hat den richtigen Zeitpunkt verpasst, in Würde abzutreten. tik

Axel Weber – Ungeschickter Rücktritt von der Bundesbank-Spitze

Zum Jahresbeginn galt Axel Weber noch als Top-Favorit auf den Posten des Chefs der Europäischen Zentralbank (EZB). Doch dann trat der 54-Jährige im Februar völlig überraschend von seinem Amt als Bundesbank-Präsident zurück. Weber selbst begründete seinen Abgang mit mangelndem Rückhalt im EZB-Rat und wollte seinen Rückritt als Fanal gegen die von ihm verteufelten Staatsanleihenkäufe der Notenbank verkaufen.

Doch das misslang völlig, weil Weber seinen Abgang unnachahmlich verpatzte. Drei Tage ließ er die Öffentlichkeit im Unklaren, ob er hinwirft oder nicht. Gleichzeitig machten Gerüchte die Runde, er werde neuer Chef der Deutschen Bank.

Sein Rücktritt bekam so den faden Beigeschmack, er gehe nicht aus Überzeugung, sondern des lieben Geldes wegen. Das wird der Pfälzer nun künftig tatsächlich einstreichen, wenn auch nicht bei der Deutschen Bank. Im Frühjahr 2012 tritt er seinen Job als Verwaltungsratsvorsitzender der schweizerischen Großbank UBS an. mgr

Herr Kaiser – Lustreisen haben das Sauber-Image zerstört

Da hatte Herr Kaiser 37 Jahre lang an einem blitzsauberen Image gearbeitet. Und dann das: „Herr Kaiser auf Lustreise“, lauteten die Schlagzeilen im Mai dieses Jahres. Berichtet wurde Unfassbares: Während einer Belohnungsreise für mindestens 70 Versicherungsvertreter verwandelten die Organisatoren die Budapester Gellert-Therme in eine Art Freiluftbordell, in dem Herr Kaisers vermeintlich biedere Kollegen eine wilde Orgie feierten.

Und die Sexreise nach Budapest blieb nicht der einzige Skandal für den Mutterkonzern Ergo: Kurz darauf kamen Fehler in Riesterverträgen und fragwürdige Beratungspraktiken ans Licht. Und das alles bei einer Tochter des Rückversicherers Munich Re, der Herrn Kaiser sonst in Sachen Biederkeit noch übertrifft.

Zumindest kann dieser sich das ?Ganze mit etwas Abstand anschauen: Die Ergo hatte die Werbefigur bereits 2009 in den Ruhestand ?geschickt. Neues Aushängeschild wurde der Fußballtrainer Jürgen Klopp – der allerdings nach dem Budapest-Skandal auch die Flucht ergriff. jos

AKW – Energiewende verdirbt den Betreibern die Bilanz

In dem Gesetzespaket zur Energiewende vom 6. Juni legte die Bundesregierung fest, dass der letzte Reaktor in Deutschland bis 2022 abgeschaltet werden muss. Die Aktie des größten deutschen Energiekonzerns E.on, die vor drei Jahren noch bei 50 Euro notiert hatte, brach daraufhin auf 13 Euro ein.

Deshalb – aber auch wegen konjunkturbedingter Absatzeinbrüchen und Problemen im Gasgeschäft – erklärte E.on-Chef Johannes Teyssen, bis zu 11.000 Arbeitsplätze abbauen zu müssen. Der Konzern kündigte zum Jahresende den ersten Nettoverlust seiner Geschichte an.

Auch der Börsenwert des Rivalen RWE halbierte sich im Jahresverlauf. Vattenfall vollzog den Rückzug aus bisherigen Kernmärkten wie Polen, Dänemark, Finnland und Belgien. Weil die Bundesregierung die acht deutschen Atomkraftwerke entschädigungslos und mit zweifelhafter Rechtsgrundlage hatte stilllegen lassen, legten die Betreiber E.on und RWE Verfassungsbeschwerde beim BGH in Karlsruhe ein. Vattenfall, als schwedischer Staatskonzern, machte seine Rechte vor einem internationalen Schiedsgericht geltend. dgw

SAP – Softwareriese hat kein Glück mit seinem Personal

Was hatte SAP für einen Coup gelandet: Ganz Deutschland diskutierte darüber, wie wichtig Frauen fürs Topmanagement sind – und ausgerechnet der Walldorfer Softwareriese, der wie die anderen Dax-Konzerne nicht gerade als Nährboden für Frauenkarrieren galt, konnte sich mit dem Engagement einer der wenigen Topmanagerinnen brüsten.

Angelika Dammann, die zuvor bei Shell und Unilever Karriere gemacht hatte, zog in den Vorstand ein. Ein PR-Coup vom Feinsten – allein er war nicht von Dauer: Schon ein gutes Jahr später warf die Managerin das Handtuch.

Offiziell nahm die Juristin den Hut, nachdem die Kritik an ihren Heimflügen im Firmenjet zu groß geworden war – obwohl die Teil ihres Arbeitsvertrags waren. Was darüber hinaus zur Trennung führte, bleibt Spekulation. Offensichtlich ist aber die Glücklosigkeit von SAP in Sachen Personalpolitik: Auch Ex-Vorstandschef Léo Apotheker musste vorzeitig gehen. gra

Eckhard Cordes – Metro-Chef verlor vor Gericht und an der Börse

Eckhard Cordes sieht sich überhaupt nicht als Verlierer. Doch wer mit seinem Versuch scheitert, den Metro-Konzern umzustrukturieren und wertvoller zu machen, und wer am Ende sogar seinen Versuch aufgibt, einen neuen Chefvertrag zu bekommen – der gehört ganz sicher nicht zu den Siegern.

Gleich zu Jahresbeginn 2011 begab sich der frühere Mercedes-Chef Cordes in eine der Schlachten, die er nicht gewinnen konnte. Er wollte Erich Kellerhals, dem Gründer und Minderheitsgesellschafter von Media-Saturn dessen Veto-Rechte im entscheidenden Gesellschafterausschuss streitig machen. Doch vor Gericht in Ingolstadt gab es bisher nur Watschen für Cordes. Auch aus seinen Verkaufsplänen für die Firmentöchter Kaufhof und Real wurde nichts im ablaufenden Jahr.

An der Börse fiel der Metro-Kurs, was insbesondere den größten Aktionär Haniel in Schwierigkeiten brachte. Denn der hatte 2007 auf Anraten von Cordes auf Pump Metro-Aktien für eine Milliardensumme gekauft. Jetzt sind die Papiere nur noch die Hälfte wert.

Dennoch hätten Haniel und der zweite Großaktionär Schmidt-Ruthenbeck den Ende 2012 auslaufenden Vertrag des Metro-Chefs gerne verlängert. Cordes’ Metro-Rekordjahr 2010 und eine Rekorddividende hatten die Eigentümer nicht vergessen. Doch der Dauerzoff mit seinem ungeliebten Aufsichtsratsvorsitzenden Jürgen Kluge brachte Cordes nach vier Jahren an der Metro-Spitze schließlich dazu, vorzeitig seinen Hut zu nehmen. sl

Staatsanleihen – Das Vertrauen der Investoren ist erschüttert

Der 21. Juli 2011 wird als Datum in die Geschichtsbücher eingehen, an dem europäische Staatsanleihen ihre Unschuld verloren. An diesem Tag einigten sich die 17 Euro-Staaten auf einen Schuldenschnitt für Griechenland. Auf 21 Prozent sollten Banken und Versicherungen verzichten – freiwillig. Noch nie zuvor hatten Investoren mit Anleihen eines Euro-Landes Geld verloren. Als auf dem Krisengipfel am 27. Oktober die Gläubiger dann sogar auf die Hälfte ihres Geldes verzichten sollten, war der Tabubruch endgültig und das über Jahre hinweg blinde Vertrauen der Anleger dahin.

Waren es anfangs Länder wie Griechenland, Irland und Portugal, die für das zusätzliche Risiko höhere Renditen bieten mussten, traf es seit den Gipfelbeschlüssen verstärkt auch Länder wie Spanien und Italien, und sogar Frankreich und Deutschland gelten seit diesem Jahr nicht mehr als unverwundbar. Das ganze System rückte damit an den Rand des Kollapses. Für die Zukunft haben die Ereignisse des Jahres 2011 weitreichende Konsequenzen: Gerade die großen institutionellen Investoren wie Banken, Versicherer und Pensionskassen werden sich mit Sicherheit genau überlegen, welchen Anteil ihres Portfolios sie dem Ausfallrisiko von Staaten aussetzen wollen.

Zumal auch aus den Vereinigten Staaten in diesem Jahr keine positiven Signale kamen: Die USA verloren das höchste Rating AAA. Dennoch, nicht alle Staatsanleihen gehören zu den Absteigern des Jahres. Viele Schwellenländer erleben das Gegenteil: Sie können sich derzeit dank besserer Verschuldungskennziffern nicht über einen Mangel an bereitwilligen Geldgebern beschweren. sei

Stefan Mappus – Die Managerkarriere endete nach drei Monaten

Er war noch nicht einmal umgezogen, da war es auch schon wieder vorbei mit der Managerkarriere an der Copacabana: Stefan Mappus verlor erst im März die Wahl und damit seinen Job als Ministerpräsident in Baden Württemberg, dann gab er den Posten als Direktor fürs Brasilien-Geschäft beim Darmstädter Chemiekonzern Merck auf.

Dessen Vorstandsvorsitzender Karl-Ludwig Kley hatte den glücklosen CDU-Politiker ins Unternehmen gerufen und damit für Aufruhr unter Aktionären wie Beschäftigten gesorgt. Denn Mappus kann keinerlei formelle Qualifikation fürs Pharma- und Chemiegeschäft vorweisen. Doch der Versuch war schnell wieder vorbei: Mappus nahm nach nur drei Monaten seinen Hut. Er reagierte damit auf anhaltende Kritik an dem von ihm geführten Einstieg des Landes Baden-Württemberg beim Energie-Versorger EnBW .

Das Geschäft war im Oktober vom Staatsgerichtshof verurteilt worden. Mappus hatte den Landtag zu spät über seine Kaufabsichten informiert, urteilten die Richter. Nun muss Mappus sich einen neuen Job suchen, was nicht einfach werden dürfte. Einen Gewinner gibt es aber trotzdem: Merck-Brasilien-Chef Celso Braga darf nun seinen Job vorerst behalten. bfu

Teldafax – Stromkunden wollten sparen und zahlten drauf

Für viele Stromkunden war die Versuchung einfach zu groß. Oft standen die Tarife von Teldafax ganz oben in den Vergleichsrechnern, unschlagbar günstig. Hunderttausende Verbraucher erlagen dem Lockruf des billigen Stroms und schlossen einen Vertrag bei dem Troisdorfer Unternehmen.

Viele von ihnen ließen sich auf das Vorkasse-Modell des Lieferanten ein. Das heißt: Sie zahlten ihre Stromrechnung für das gesamte Jahr im Voraus. Die Rechnung der Kunden ging jahrelang auf. Bis zum 14. Juni 2011. An diesem Tag meldete Teldafax Insolvenz an.

Die Leidtragenden sind die Kunden. Sie konnten sich zwar schnell einen neuen Versorger suchen. Ihr Geld, das sie dem Billig-Anbieter per Vorkasse überwiesen hatten, werden sie aus der Insolvenzmasse aber wohl nie mehr zurückbekommen – und wenn, dann höchstens einen Teil davon. kg