Menschen und Märkte

Wer 2011 in der Wirtschaft aufgestiegen ist

Die deutsche Wirtschaft boomte 2011 trotz Euro-Krise. Auch an den Spitzen der Dax-Konzerne und Finanzinstitutionen gab es überraschende Wechsel.

Jens Weidmann – Aus dem Hintergrund an die Spitze der Bundesbank

Zu Beginn des Jahres 2011 zog Jens Weidmann noch im Hintergrund die Fäden. Als wirtschaftspolitischer Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel arbeitete er im Verborgenen an der Euro-Rettung mit, in der breiten Öffentlichkeit kannte den Mann mit dem blonden Haaren und dem akkuraten Seitenscheitel aber kaum jemand.

Bis völlig überraschend Bundesbank-Präsident Axel Weber im Februar zurücktrat. Der damals erst 42-jährige Weidmann wurde nicht – wie ursprünglich vorgesehen – Vize, sondern gleich Präsident der Deutschen Bundesbank. Befürchtungen, sein Wechsel beschädige die Unabhängigkeit der Bundesbank, weil Weidmann zu regierungsnah sei, zerstreute er schnell. Kaum im Amt, ging er bei der Debatte um eine Umschuldung Griechenlands auf Kollisionskurs zur Bundesregierung.

Auch die Sorge, er sei zu grün für den Job, widerlegte Weidmann rasch, indem er der Bundesregierung das ein oder andere Mal ein Schnippchen schlug: So verhinderte er erfolgreich, dass die europäischen Regierungschefs auf dem G-20-Gipfel in Cannes durch die Hintertür Notenbank-Reserven anzapften, um damit ihre Haushalte zu finanzieren. Die große Gefahr ist allerdings, dass sich Weidmann mit seinen harten Positionen im EZB-Rat ähnlich isolieren könnte wie sein Vorgänger. Zuletzt wurde ihm schon der Spitzname „Mr. No“ verpasst, weil er sich gegen alle Lösungsvorschläge sperre. mgr

Apps – Die Anwendung hat das Alltagsleben erobert

Sie hat zweifelsohne in kurzer Zeit die Mobilfunkwelt revolutioniert – und wird inzwischen bei ihrem Kurznamen von Nutzern jeden Alters gerufen: die App (sprich: Äp). Sie steht für Applikation und meint schlichtweg „Anwendung“. Gleich 18 Mrd. Mal haben die iPhone-Nutzer seit dem Start des AppStores zugegriffen, zehn Mrd. Mal luden die Smartphone-Besitzer eines Handys mit dem Google-Betriebssystems Android Anwendungen herunter.

Es gibt sie für das Radiohören, Rezeptesuchen, Navigieren, Taxirufen, Dolmetschen. Die Marktforscher von Forrester rechnen für das Jahr 2015 mit einem App-Umatz von 20 Mrd. Dollar. Einen AppStore gibt es inzwischen auch für die Computer von Apple, mit dem nächsten Betriebssystem Windows 8 kommt der Store auch in die Microsoft-Welt. Damit ist die Karriere der App nicht zu Ende. Apps wird es in Autos ebenso geben wie in Uhren oder Fernsehern. heu

Rüdiger Grube – Bahn-Chef bekommt Rückendeckung vom Volk

Zählt Rüdiger Grube zu den Gewinnern unter den deutschen Konzernchefs? Wer in einem verspäteten Zug der Bahn sitzt oder vergeblich auf selbigen wartet, mag daran zweifeln. Tatsächlich kann sich die Bilanz des Bahnchefs für 2011 aber sehen lassen. Da wäre vor allem die im wahrsten Sinn des Wortes Großbaustelle Stuttgart 21.

Das Projekt war eines voller Pech und Pannen und wird es bleiben – doch Grube hat die große Eskalation im Sommer und den Volksentscheid durchgestanden. Vielleicht hätte ein anderer Bahnchef irgendwann die Nerven verloren. Versucht auszusteigen. Oder zum Angriff geblasen und den Konflikt unkontrollierbar aus dem Ruder laufen lassen.

Für Grube wäre ein Scheitern von S?21 ein Debakel, nun aber wird der Tiefbahnhof gebaut, auch wenn die Angst ums Grundwasser und den Juchtenkäfer zu weiteren Verzögerungen führen. Jetzt muss nur noch der Winter so mild ausfallen, dass die Fernzüge in der Spur bleiben. Denn ob der Bahnchef tatsächlich ein Gewinner auf ganzer Linie ist, zeigt sich meist erst in den letzten Tagen des Jahres. do

Ökostrom-Anbieter – Erstmals eine Million Kunden in Deutschland

Das Begriff „Restrisiko“ wurde auf erschreckende Weise Realität, als nach dem Tsunami in Japan im März das Atomkraftwerk Fukushima überflutet wurde und es daraufhin zu Kernschmelzen in mehreren Reaktorblöcken kam. In den Wochen und Monaten nach der Katastrophe gab es in Deutschland eine nie dagewesene Nachfrage nach Ökostrom.

Ende Juni überschritt die Zahl der Ökostrom-Kunden in Deutschland erstmals die Zahl von einer Million. Als Marktführer behauptete sich Lichtblick mit knapp 620.000 Kunden, gefolgt von Naturstrom mit rund 190.000. Der Schock von Fukushima beeinflusste das Verbraucherverhalten aber nicht lange. Im November sank die Nachfrage nach Ökostrom-Angeboten auf 45 Prozent, was dem Niveau vor der Fukushima-Katastrophe entspricht. dgw

Franz Koch – Sportlich: 32 Jahre alt und schon Puma-Chef

Franz Koch hat einen klaren Auftrag. Der 32 Jahre alte Chef des Herzogenauracher Sportartikelherstellers Puma soll die Marke mit dem springenden Raubtier wieder voranbringen. Bis 2015 soll Puma zur begehrten Marke im Sportsektor werden.

Sein junges Alter mag dazu beigetragen haben, dass ihn Jochen Zeitz, der zum Mutterkonzern PPR nach Paris wechselte, zum Nachfolger kürte. Seither reist Koch durch die Welt, stellt sich in den Betrieben vor, hört zu und lernt. Dieser jugendliche Elan nährt den Verdacht, er sei doch nur zweiter Mann hinter Zeitz, der als Puma-Aufsichtsratschef die Geschicke der Firma weiter lenkt. Koch winkt ab, betont, er habe volle Handlungsfreiheit. Im kommenden Jahr muss ?er zeigen, wie er sie nutzen will. tau

Das Päckchen – Der Internethandel verhilft ihm zu neuem Ruhm

Seit der Einkauf über das Internet fast so selbstverständlich geworden ist wie das Schreiben von Mails, gilt das Päckchen wieder als hip. Wie anders ist es zu erklären, dass das Kreischen vor Freude für den TV-Kenner fest mit einem Schuhkarton und einem Paketboten verbunden ist? Keine Frage, der Onlinehandel hat dem Paketversand Flügel verliehen.

Ob es die Bestellung bei Amazon, das Schnäppchen bei Ebay oder das Katzenfutter des Tiernahrungshändlers ist: Die Zahlen der Online-Pakete stiegen in den vergangenen Jahren stets um zweistellige Prozentraten. Rund 2,8 Mio. Pakete transportiert die Posttochter DHL jeden Tag, an Weihnachten sind es auch mal doppelt so viele. Im Dezember 2010 hat Konkurrent Hermes 37 Mio. Paketsendungen zugestellt – rein rechnerisch hat nahezu jeder Haushalt in Deutschland in jenem Monat eine Sendung allein von Hermes bekommen.

Noch größer ist die Zahl im Paketversand von Geschäftskunden zu Geschäftskunden, wenn etwa das Handy vom Hersteller zum Handy-Shop oder der Pullover vom Lager zum Modegeschäft geschickt werden. Insgesamt sind es in diesem Jahr nach Branchenangaben knapp zwei Mrd. Pakete. Damit vor Weihnachten keine Sendungen liegen bleiben, hatten Paketdienste Hunderte Kleinlaster zusätzlich angemietet. nic

Virginia Rometty – Eine Chefin für den IT-Dienstleider IBM

Ihre wichtigste Lektion lernte Virginia Rometty ganz am Anfang ihrer Karriere. Sie sollte im Unternehmen eine neue Stelle mit deutlich mehr Verantwortung übernehmen. Davor hatte Virginia Rometty großen Respekt, gestand sie auf einer Konferenz des US-Magazins „Fortune“.

So großen, dass sie ganz ehrlich sagte: „Für diesen Job bin ich noch nicht reif genug.“ Als sie das abends ihrem Mann erzählte, blickte er sie an und fragte den entscheidenden Satz: Ob ein Mann wohl auch so geantwortet hätte? Da wusste sie, dass sie einen Fehler gemacht hatte.

Doch das ist ihr nur einmal passiert. Anfang kommenden Jahres übernimmt Rometty als CEO die Leitung des amerikanischen Technologiekonzerns IBM. Sie wird dann die erste Frau an der Spitze des 100 Jahre alten Unternehmens sein. 426.000 Mitarbeiter sorgen dort für einen Jahresumsatz von knapp 100 Mrd. Dollar. Romettys Vorgänger Samuel Palmisano hatte den Posten seit 2002 inne.

Er wurde im Sommer 60 Jahre alt und bleibt dem Unternehmen künftig als Chairman erhalten. Grund für seinen Wechsel dürfte das Alter sein. Mit 60 Jahren ziehen sich die Top-Manager bei IBM in der Regel zurück aus dem Tagesgeschäft. Dies war auch einer der Vorteile von Virginia Rometty, die meist Ginni genannt wird. Die langjährige Vertriebschefin ist 54 Jahre alt und setzte sich gegen ihren sechs Jahre älteren Rivalen Steven Mills durch. viu

Das Handwerk – Neue Zukunftsbranche für Deutschland

Im Jahr der Euro-, Schulden-, Banken- Vertrauens- und sonstigen –krisen wäre es fast untergegangen. Es gibt in Deutschland einen riesigen Wirtschaftszweig, der ohne das K-Wort-Vokabular auskommt: Das Handwerk erlebt einen Boom wie selten zuvor – und das dürfte ein Grund sein, warum die deutsche Wirtschaft insgesamt sich noch so wacker schlägt.

Denn ungefähr jeder achte Beschäftigte hierzulande arbeitet in einem Meisterbetrieb. Es sind insgesamt rund fünf Millionen Menschen, die gut zu tun haben. Was vor allem daran liegt, das die Deutschen viel Geld in Häuser und Wohnungen stecken. In Zahlen sieht das so aus: Die Umsätze der Handwerksbetriebe sind um fünf Prozent auf rund 465 Mrd. Euro gewachsen.

Mit Terminen ist es schwierig, wie eine Umfrage des Zentralverbands des Deutschen Handwerks ergab. Durchschnittliche Wartezeit für Kunden: sieben Wochen. Bei allem, was mit Bau zu tun hat, sogar neun. Ein Ende dieses Wirtschaftswunders von nebenan ist nicht in Sicht. Und die Wartezeiten könnten länger werden. Denn im Ausland, so wurde kürzlich gemeldet, sind deutsche Handwerker äußerst begehrt. Offenbar gibt es eine neue Zukunftsbranche. hev

Mario Draghi – Italiener macht als EZB-Chef eine gute Figur

Mario Draghi galt im Rennen um den Chefposten bei der Europäischen Zentralbank (EZB) lange Zeit nur als zweiter Anwärter. Seine Vergangenheit bei der US-Investmentbank Goldman Sachs galt als ebenso problematisch wie seine Herkunft. „Mamma mia, für einen Italiener gehört Inflation zum Lebensstil wie Tomatensoße zur Pasta“, schrieb die „Bild“ im Februar über den damaligen Chef der italienischen Notenbank.

Doch nach dem Rücktritt von Bundesbank-Präsident Axel Weber war der Weg frei für den Finanzmarktexperten. Seit November schwingt Draghi das Zepter im Frankfurter Euro-Tower. In seinen ersten beiden Amtsmonaten machte er eine gute Figur.

Geldpolitisch führte er erzwungenermaßen den Krisenkurs von Trichet fort. Befürchtungen, Draghi sei zwar ein netter, aber auch spröder Charakter bewahrheiteten sich nicht. So sorgte er auf der Abschiedsfeier von Jean-Claude Trichet mit einer sehr persönlichen Rede für die Lacher. Wie sein Vorgänger gilt der 63-Jährige als Pragmatiker. Ein weicher Geldpolitiker, dem die Konjunktur ebenso wichtig ist wie Preisstabilität, ist der Italiener aber keinesfalls. Das Vertrauen der Deutschen hat er damit vorerst gewonnen. Die „Bild“ bildete ihn bereits mit preußischer Pickelhaube auf dem Kopf ab. mgr

Gold – Das Edelmetall genießt das volle Vertrauen der Anleger

Gold hat inzwischen ein Abonnement auf einen Platz unter den Gewinnern. Der Preis stieg auch 2011 wieder – das elfte Jahr in Folge. Um über 15 Prozent legte er diesmal zu. Während zu Beginn des Jahres für eine Feinunze (31,1 Gramm) noch 1420 Dollar bezahlt werden mussten, kletterte der Preis am Höhepunkt im August und September zeitweise sogar über 1900 Dollar.

Er gab dann in den folgenden Monaten zwar wieder rund 300 Dollar nach, am Ende blieb für Goldbesitzer dennoch ein sattes Plus – in Euro gerechnet fiel es sogar noch höher aus, da die Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar nachgab. Folgt 2012 das zwölfte Jahr mit Gewinnen? Dafür spricht, dass die Nachfrage ungebrochen scheint, inzwischen nicht mehr nur im krisengeplagten Europa.

Selbst die chinesischen Goldimporte sind auf Rekordstand und auch die Notenbanken kaufen wieder vermehrt. Andererseits scheint sich seit dem Herbst etwas verändert zu haben. Trotz einer Zuspitzung der Krise in der Euro-Zone und trotz der wachsenden Angst vor einer Rezession fiel der Preis. Dies hängt damit zusammen, dass die Volumina im Goldhandel inzwischen so groß sind, dass vor allem die großen Spekulanten den Preis bestimmen. Und mit deren unsicherer Lage wächst auch die Unsicherheit beim Goldpreis. fhs