Altersvorsorge

Firmen müssen sich für Rente mit 67 verändern

Fast die Hälfte der Arbeitnehmer geht vorzeitig in Rente. Das spricht nicht gegen die Rente mit 67. Nur damit sie erreicht werden kann, müssen Firmen umdenken.

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Für die einen ist es ein sozialpolitischer Skandal, für die anderen ein lang gehegter Traum: die Frührente. Fast jeder zweite Arbeitnehmer geht in Deutschland vor dem Erreichen des gesetzlichen Renteneintrittsalters in den Ruhestand – so viel wie noch nie. Sozialverbände und Gewerkschaften sehen hierin einen Beweis, dass die Rente mit 67, die von Sonntag an über Jahre hinweg schrittweise eingeführt wird, ein Irrweg ist.

Gerade im Niedriglohnsektor seien viele Jobs zu einer Knochenarbeit geworden, die man nicht bis ins Alter durchhalten könne, beklagt der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider. Und die Rentenexpertin des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Annelie Buntenbach, warnt vor Altersarmut als Folge der Anhebung des Rentenalters.

Ein Blick auf die Statistik zeigt indes, dass das Gros der Frührentner freiwillig aus dem Berufsleben ausscheidet. Vor allem Frauen akzeptieren diese Einbußen, wenn sie dafür nicht mehr zu arbeiten brauchen. Viele von ihnen sind verheiratet und kalkulieren, welche Kürzungen sie sich leisten können.

Für jeden Monat vorgezogenen Ruhestands werden die Altersbezüge dauerhaft um 0,3 Prozent verringert. Anders als bei den Frauen sinkt bei den Männern die Neigung zur Frührente seit Jahren. Insgesamt haben deshalb heute deutlich mehr der 60- bis 64-Jährigen einen sozialversicherungspflichtigen Job als noch 2005: Die Beschäftigungsquote in dieser Altersgruppe stieg von 16,6 auf 26,4 Prozent an.

Grüne und Sozialdemokraten finden die Quote noch immer viel zu gering und fordern deshalb einen Aufschub für die Rente mit 67. „Eine Anhebung des Renteneintrittsalters sollte erst erfolgen, wenn mindestens die Hälfte der 60- bis 64-Jährigen sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist“, fordert SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles und verlangt darüber hinaus Ausnahmeregelungen für besonders belastete Berufsgruppen. Die Linken plädieren gar für den Verzicht auf die Rente mit 67. Lieber steigende Beiträge für die Jüngeren als längeres Arbeiten für die Älteren, heißt ihre Devise.

Trotz der neu entbrannten Debatte um die unpopuläre Rente mit 67 hält die Bundesregierung an dem Gesetz fest, das 2007 während der Großen Koalition verabschiedet worden war. Und gern verweist die Union heute darauf, dass es mit Franz Müntefering ein Sozialdemokrat war, der als damaliger Arbeitsminister die Neuregelung als unbedingt notwendig bezeichnet hatte, um die Rentenversicherung dauerhaft stabil zu halten.

Erstmals verschiebt sich das reguläre Renteneintrittsalter

Ab 2012 verschiebt sich das reguläre Renteneintrittsalter um einen Monat pro Jahr. Zunächst trifft es Beschäftigte, die 1947 geboren wurden. Ab 2024 steigt die Altersgrenze dann jährlich um zwei Monate an, bis 2031 die Altersgrenze von 67 Jahren erreicht wird. Der Jahrgang 1964 wird der Erste sein, der wirklich erst mit 67 in den Ruhestand gehen kann.

Die Möglichkeit zur Frührente ab 63 Jahren soll aber weiterhin möglich bleiben. Mit dem Anstieg der gesetzlichen Altersgrenze nehmen jedoch die Einbußen deutlich zu – auf bis zu 14,4 Prozent. Experten rechnen deshalb damit, dass der Trend zum vorzeitigen Ruhestand in Zukunft nachlassen wird. Denn angesichts des drohenden Fachkräftemangels wird die Wirtschaft auf die Senioren auf Dauer gar nicht verzichten können. In den kommenden zwei Jahrzehnten schrumpft die Zahl der Erwerbstätigen hierzulande um sieben Millionen.

Fachleute verweisen allerdings darauf, dass sich in den Unternehmen einiges wird ändern müssen, damit die Menschen tatsächlich länger im Berufsleben bleiben können. Lebenslanges Lernen ist eine Voraussetzung, um bis ins Alter hinein fit zu sein. Bisher ist die Weiterbildungsquote der über 55-Jährigen in Deutschland extrem gering. So nimmt hierzulande nicht einmal jeder Zehnte dieser Altersgruppe an einer Fortbildung teil. In Schweden oder in den USA liegt der Anteil der Älteren, die sich beruflich weiterbilden, dagegen bei über 40 Prozent. Auch Investitionen in die Gesundheit sind nötig.

Die Zunahme von Rückenleiden oder psychischen Erkrankungen zeigt, dass Verschleißerkrankungen zunehmen, die vielfach vermeidbar sind. Der Chef der CDU-Arbeitnehmerschaft, Karl-Josef Laumann, will zwar anders als die Gewerkschaften an der Rente mit 67 nicht rütteln. Doch der Sozialpolitiker mahnt die Wirtschaft: In vielen Branchen müssten „noch die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass die Arbeitnehmer bis zur regulären Rente arbeiten können“.