Energiewende

Industrie fürchtet vermehrte Strom-Blackouts

Von großen Stromausfällen in Deutschland war bislang, anders als befürchtet, nichts zu merken. Jedenfalls nicht für den Normalverbraucher. In der Industrie dagegen scheint es Probleme wegen Energiewende und AKW-Abschaltung zu geben – Blackouts, die Millionenschäden zur Folge haben können.

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Im Mai 2011 hatte die Bundesnetzagentur gewarnt : Wenn das mit der Energiewende der Bundesregierung und der Atomkraftwerk-Abschaltung so ablaufe wie geplant, dann könnte es diesen Winter zu Stromausfällen kommen – abhängig vom Wetter. Falls – durchaus typisch für den deutschen Winter –Flaute herrschen sollte und die Windkraftwerke entsprechend keinen Strom liefern, wenn zudem noch die ohnehin überlastete Nord-Süd-Leitung ausfallen würde, dann würden an einem kalten Wintertag Kapazitäten in einer Größenordnung von rund 1000 Megawatt fehlen. Das entspricht der Leistung eines Atomkraftwerks.

Jetzt kam die Entwarnung : Trotz des Atomausstiegs droht in diesem Winter nach Einschätzung der Bundesnetzagentur kein Blackout. "Wir haben Situationen simuliert, die so gravierend nicht eintreten müssen: lang anhaltende Kälte, Windstille und mangelnden Sonnenschein", sagte Behördenpräsident Matthias Kurth.

Millionenschaden mit Mühe und Not verhindert

Allerdings scheint das zunächst für die deutschen Normalverbraucher zu gelten. Industriebetriebe haben offenbar schon Probleme mit dem Strom und mit Blackouts. Wie die Wirtschaftszeitung „Handelsblatt“ berichtet , hat sich der norwegische Aluminiumhersteller Norsk-Hydro in einem „Brandbrief“ an die Bundesnetzagentur gewandt und mehrfache Unterbrechungen in der Stromversorgung beklagt. Die seien so gravierend, dass Millionenschäden drohten. Für die Herstellung von Aluminium werden große Mengen an Strom benötigt.

Norsk-Hydro zählt in dem Schreiben an die Bundesnetzagentur auf eine Reihe von Fällen aus den vergangenen Monaten auf. So sei bei einem Stromausfall in einer Gießerei des Unternehmens in Hannover am 13. Juli ein Millionenschaden nur mit Mühe und Not verhindert worden. Ein überraschender Spannungseinbruch im Großwalzwerk in Neuss habe dagegen zu einem nachweisbaren direkten Schaden von rund 200.000 Euro geführt.

Energiewirtschaft widerspricht: angespannt, aber stabil

In der Energiewirtschaft stieß die Darstellung des Unternehmens allerdings auf Widerspruch. Der Sprecher des Netzbetreibers Amprion, Andreas Preuß, sagte, die genannten Ausfälle seien bei Arbeiten am Netz passiert und hätten nichts mit der Energiewende zu tun. Aus Sicht des Unternehmens gebe es zwar seit der Energiewende mehr Regelungsbedarf im Hochspannungsnetz, die Qualität leide aber darunter nicht. Auch eine Sprecherin des Netzbetreibers Tennet betonte, die Netzsituation sei seit dem Frühjahr zwar angespannt, aber stabil.

Norsk Hydrp jedenfalls sieht sich mit einer „beunruhigenden Häufung von Netz- und Frequenzschwankungen“ konfrontiert, wie es sie in den vergangenen Jahrzehnten nicht gegeben habe. Der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) sieht das ähnlich. Im VIK sind Energie-Großkunden aus Industrie und Wirtschaft zusammengeschlossen.

"Bedenkliche Qualitätsverlusten bei der Stromversorgung“

Die beschleunigte Energiewende habe „zu bedenklichen Qualitätsverlusten bei der Stromversorgung“ geführt, sagte der Vorstandsvorsitzende des VIK, Volker Schwich, dem „Handelsblatt“. Auf die VIK-Mitglieder entfallen rund 80 Prozent des industriellen Energieeinsatzes in Deutschland. Das Problem ist, dass schon kurze Stromunterbrechungen im Millisekundenbereich und Frequenzschwankungen, die für den „Normalbürger“ gar nicht bemerkbar sind, in der Industrie zu erheblichen Problemen führen können.

Die Bundesnetzagentur kündigte nun an, sie werde das Gespräch mit den Betroffenen suchen - allerdings gebe es bislang überhaupt keine belastbaren Zahlen zur Dimension des Problems. Bisher erfasst die Überwachungsbehörde nur Stromausfälle, die länger als drei Minuten dauern. Hier schneidet Deutschland mit Stromunterbrechungen von durchschnittlich nur 15 Minuten pro Jahr und Endverbraucher bislang im internationalen Vergleich sehr gut ab.

Pläne für neue Kraftwerke auf Eis gelegt

Netzagentur-Chef Kurth sieht ist zugleich der Auffassung, dass der Handlungsbedarf nach der Energiewende groß sei. Notwendig sei nicht nur der zügige Ausbau des Hochspannungsnetzes, sondern auch ein Zubau an konventionellen Kraftwerken vor allem in Süddeutschland.

Doch hier hakt es. Die Stromerzeuger haben Pläne für Kraftwerksneubauten vielfach auf Eis gelegt, weil sich aus ihrer Sicht die hohen Investitionen aufgrund der niedrigen Strompreise nicht rechnen. Zumal konventionelle Kohle und Gaskraftwerke wegen des Vorrangs erneuerbarer Energien bei der Einspeisung immer weniger laufen. Hier sieht Kurth Handlungsbedarf. "Wir sollten uns ansehen, wie wir im Erzeugungsbereich verlässliche Rahmenbedingungen schaffen können, die den Bau neuer konventioneller Kraftwerke in Deutschland ermöglichen", rät er.

Milliarden-Kosten werden verteilt

Gleichzeitig bemühte sich der Präsident der Bundesnetzagentur Ängste vor einer Preisexplosion durch den Atomausstieg zu dämpfen. "Die Strompreise an der Börse waren vor der Energiewende schon einmal viel höher als heute", sagte er. Seit der Abschaltung der Altreaktoren sei der Strompreis nur um 10 bis 15 Prozent gestiegen. Tatsächlich dämpften die erneuerbaren Energien den Strompreis, wenn sie am Netz seien. "Auch der Netzausbau wird trotz seiner Milliardenkosten daher nicht zu einem unmittelbaren Preisschock führen", stellte Kurth klar. Die notwendigen Milliardeninvestitionen würden über 20 bis 30 Jahre auf den Strompreis verteilt.

Vor dem Hintergrund der Beschwerde von Norsk-Hydro sagte ein Behördensprecher, die Netzagentur wolle in den Gesprächen erkunden, welche Konsequenzen möglicherweise aus den angesprochenen Problemen zu ziehen seien – ob etwa zusätzliche Netzinvestitionen notwendig seien, aber auch wer dafür zahle. Gerade die großen industriellen Stromverbraucher sind bislang allerdings weitgehend von der Zahlung der Netzgebühren befreit. Die Zeche zahlen stattdessen die „Normalverbraucher“.