Trauer um Unternehmer

Werner Otto - der letzte große Pionier

Der Versandhauskönig Werner Otto prägte die Wirtschaft der Nachkriegszeit. Der legendäre Unternehmer, Visionär und Mäzen hat auch zum Aufbau Berlins beigetragen.

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Sich selber nicht so wichtig nehmen und das Leben genießen, das konnte Werner Otto vortrefflich. Er bewies das immer wieder, zum Beispiel bei dieser Begebenheit: Werner Otto feierte die Einweihung eines Einkaufszentrums seiner Immobilienfirma ECE. Im Verlauf des Abends bekam Otto Lust auf eine Zigarre und einen Obstler. Er genoss beides, trotz strenger Blicke der Umgebung. Schließlich hatte der damals 75-Jährige gerade eine Krankheit hinter sich und sollte Ernährung und Lebensgewohnheiten umstellen. „Ach, ich werde 115 Jahre alt“, lachte er nur.

Nun ist Werner Otto doch „schon“ im Alter von 102 Jahren gestorben. Drei Tage vor Heiligabend sei er friedlich eingeschlafen, wie es in seiner Familie heißt. „Man muss Körper und Geist trainieren. Wenn man das nicht tut, keine neuen Aufgaben vor sich hat, dann verliert man“, hat der bis zuletzt umtriebige Unternehmer einmal gesagt. Bis zuletzt habe er sich gut gefühlt, sein ältester Sohn Michael Otto habe regelmäßig mit ihm Gespräche geführt, heißt es. Wenn es denn so etwas gibt, war dies ein „schönes Lebensende“ bei ihm zu Hause in Berlin-Grunewald.

Noch ist der Termin für die Trauerfeierlichkeiten nicht bekannt, stattfinden werden sie im Berliner Dom. Beigesetzt wird Werner Otto dann in Hamburg in der Familiengrabstätte des Friedhofs Ohlsdorf.

Neben seiner Frau Maren, seiner dritten Ehefrau, werden dann seine fünf Kinder in der ersten Reihe stehen. Aus erster Ehe sind dies Ingvild und Michael Otto, sie ist eine Kunstsammlerin und Galeristin in München, er der langjährige Chef der Otto Group. Aufgewachsen sind beide bei der Mutter. Aus zweiter Ehe stammt Sohn Frank Otto, ein Medienunternehmer in Hamburg. Mit Ehefrau Maren schließlich hat Werner Otto in den 60er-Jahren die beiden Kinder Katharina und Alexander bekommen. Katharina ist Filmemacherin in New York. Alexander wiederum bekam vom Vater die Immobilienfirma ECE anvertraut. Als Letztgeborener hat er am meisten Zeit von ihm geschenkt bekommen. Die Geschwister sind über eine ganze Generation verteilt, im Alter liegen sie bis zu 26 Jahre auseinander. Von Streit in der Familie ist zumindest öffentlich nichts bekannt. Die großen Auftritte und Showbühnen liegen dem Otto-Clan nicht. Was in dem Fall nicht mit falscher Bescheidenheit oder gar Geiz verwechselt werden sollte. „Bescheiden bin ich gar nicht, aber ich mache eben nicht so einen Rummel wie die anderen“, sagte Werner Otto einmal.

„Eine Art Nationalbolschewik“

Werner Arthur Arnold Otto wurde am 13. August 1909 als Sohn eines Einzelhändlers in Seelow in der Mark Brandenburg, nicht allzu weit weg von der Millionenstadt Berlin, geboren. In der Schule galt Otto als begabter Geschichtenschreiber, von Latein hielt er dagegen wenig. „Den Mist brauchst du nie wieder“, sagte er später über das Fach. Schon früh musste er im Geschäft des Vaters aushelfen und deshalb bald das Gymnasium verlassen. In Angermünde machte er eine Kaufmannslehre, arbeitete anschließend in verschiedenen Verkaufsläden. Doch schon damals mochte Otto das Leben: Eine Haushaltshilfe brachte ihm den „Schieber“ bei, Otto war ein begeisterter Tänzer.

In der Nazizeit kam Otto für zwei Jahre ins Gefängnis Plötzensee. Er hatte Handzettel des Partei-Ideologen Gregor Strasser verteilt, der bei Hitler in Ungnade gefallen war und 1934 ermordet wurde. Otto selbst hielt sich für „eine Art Nationalbolschewik“, der den marxistischen Vorstellungen Strassers anhing, wie er später sagte. Am Alexanderplatz in Berlin betrieb er damals einen Zigarrenladen. Von der Haft hat er nie viel gesprochen, nur dass danach „das Dichterische“ vorüber gewesen sei. Später floh er mit seiner ersten Frau nach Kulm an der Weichsel. 1943 wurde er doch noch eingezogen und an der Ostfront als Kabelverleger eingesetzt. Das Kriegsende erlebte er im Lazarett.

In Norddeutschland, genauer in Bad Segeberg, bauten sich Otto und seine Frau ein neues Leben auf. Er gründete in Hamburg-Schnelsen eine Schuhfabrik, wusste aber, dass er von der Materie keine Ahnung hatte. „Mein Optimismus wurde daher nicht von Fachwissen angekränkelt“, sagte er mit der ihm eigenen Ironie. Seine Schuhe, „Zweischnaller“ aus Holz und Leder, waren ein Flop.

Dann bekam Otto den Versandkatalog der Firma Baur in die Hand, eine Idee ist geboren. Kurz danach meldete er den Werner-Otto-Versandhandel bei der Behörde für Wirtschaft und Verkehr in Hamburg an. Aus gehefteten Seiten wurden Kataloge, aus gemalten Bildern die ersten Fotos. Die ersten 300 dieser Kataloge enthielten Bilder von 28 verschiedenen Paar Schuhen. Damit fing alles an.

Neben Schuhen wurde später auch Kleidung gefertigt. Schnell ging es aufwärts mit der Firma, die Kataloge wurden immer dicker. Und Otto war anders: Er war ein neuer Typ Chef. Er konnte seine Mitarbeiter begeistern. Nach der Nachtschicht spendierte er einigen von ihnen im „Blauen Peter“ auf St.Pauli eine Suppe. Beschrieben wird auch, wie Otto auf Weihnachtsfeiern im „Winterhuder Fährhaus“ feierte oder sich zu Maskenbällen verkleidete. Er war sich nicht zu schade mitzumachen. Trotzdem blieb er stets die Respektsperson an der Firmenspitze.

Und er führte Meilensteine in der Welt der Arbeitnehmer wie das Weihnachtsgeld, die Fünf- statt der Sechs-Tage-Woche oder eine Sozialkasse für die Altersversorgung ein. „Mein Vater hat sich sehr für seine Mitarbeiter eingesetzt. Seine Devise war: Wenn das Unternehmen Erfolg hat, sollen auch die Mitarbeiter daran partizipieren“, sagte Sohn und Nachfolger Michael Otto einmal zum Führungsstil des Vaters. Werner Otto selbst hat die Gründerjahre mit ihrem Gemeinschaftsgefühl als seine glücklichste Zeit als Unternehmer beschrieben. Die Jahre machten ihn zum Arbeitgeber mit ausgeprägter sozialer Verantwortung.

Und noch etwas war anders bei Werner Otto als bei manchem Gründer der ersten Stunde der damaligen Bundesrepublik: Fehler waren bei ihm erlaubt, in der Firma wie bei ihm selbst. Otto hat einige Fehlentscheidungen getroffen. Er baute mehrere Autowaschanlagen, die dann aber nicht gut liefen. Er stieg als Investor bei einer Strumpffabrik ein und nach 29 Tagen wieder aus. Oder er gab den weit gediehenen Versuch, eine Warenhauskette zu gründen, wieder auf. „Wer statisch denkt und aus Angst vor Fehlern keinen Schritt nach vorn wagt, sollte kein Unternehmer werden“, lautete seine Überzeugung. „Versuche deinen Fehlern, also dir selbst, ins Gesicht zu sehen“, schrieb er in seinem Buch. Unternehmertum war für Werner Otto ein „schöpferischer Prozess“, zu dem eben auch Fehler gehörten.

Er trägt zum Aufbau Berlins bei

Doch einmal wurde ihm in der Öffentlichkeit der „Verschleiß an Führungskräften“ vorgeworfen. Das Beispiel dafür war auch zur Hand: In der Textilfabrik gab es in den 50er-Jahren einen Leiter der Werbeabteilung, der einmal für einen Katalogtext diesen Titel schrieb: „Herren-Unterhosen – auch für die Arbeit geeignet“. Werner Otto las das, fand es dämlich und wurde wütend. Wieso sollte man Unterwäsche nicht zur Arbeit tragen können? Der Mann musste die Firma verlassen. Otto galt als anspruchsvoll bei der Suche seines Führungsnachwuchses.

Nach zwei Jahrzehnten im Versandhaus zog sich Otto zurück und übergab die Führung an einen Manager von außen, an Günter Nawrath. Otto wollte Neues beginnen, er gründete Immobilienfirmen in Kanada, den USA und Deutschland. In ausgedehnten Spaziergängen erkundete er zum Beispiel die Stadt Toronto. Das waren „die schönsten Arbeitsstunden“, sagte Otto später. Wenn er wieder zu Hause war, stand er bei Besprechungen am Stehpult und mahnte zur Eile. „Eine Entscheidung wird nicht besser, wenn man sich zigmal zusammensetzt. Sie wird nur teurer“, lautete seine Überzeugung.

Mitte der 80er-Jahre fuhr Sohn Alexander mit dem Vater durch Osteuropa. Nur zögernd wollte sich Otto den damals desolaten Zustand Ost-Berlins anschauen. Er war schockiert. Nach der Wiedervereinigung trug Otto dann umgehend zum Aufbau der Stadt bei, etwa durch Gebäude der ECE wie das Allee-Center, das Atrium oder die Potsdamer Platz Arkaden. In einem Jahrzehnt investierte die Familie zwei Milliarden Euro in Ostdeutschland. Später wurde Werner Otto zum Mäzen einer ganzen Region, in Berlin und Brandenburg spendete er für einen Konzertsaal und ließ Kirchen sanieren. 2009, zwei Tage vor seinem 100. Geburtstag, wurde er Berliner Ehrenbürger.

„Niemals liegen bleiben“

Die Umgebung Berlins schaute sich Werner Otto auch noch in den vergangenen Jahren gern an. Er ging zwar nicht mehr zu Fuß, sondern ließ sich fahren. Aber auch im Alter wurde Otto stets als disziplinierter Mensch beschrieben. Einer seiner Lieblingssätze lautete: „Natürlich darf man hinfallen im Leben, aber niemals liegen bleiben.“

In der Otto-Zentrale in Hamburg verfügte der Senior bis zuletzt über ein Penthouse-Büro. Die letzten Jahrzehnte blieb es ungenutzt, war aber stets für ihn hergerichtet. Sohn Michael Otto, Aufsichtsratschef des Konzerns, wird es nicht beziehen. Das widerspricht dem Empfinden der Hanseaten. Eher schon könnte ein kleines Werner-Otto-Museum daraus werden.