Renteneintrittsalter

Ab kommendem Jahr wird länger gearbeitet

Am 1. Januar gilt die Rente mit 67. Denn verschiebt sich der Ruhestand Stück für Stück. Gewerkschaften fordern wieder die Altersteilzeit.

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Klaus Thiesbürger mag Elektriker sein, doch er hat einen härteren Job als mancher Handwerker, der Leitungen in Neubauwohnungen verlegt oder Telefonkabel repariert. Thiesbürger ist in der Schwerindustrie beschäftigt. Im Stahlwerk Hüttenwerke Krupp Mannesmann in Duisburg ist er ständig in Bewegung: 60 Meter hoch ist die Werkshalle, in der er auf Treppen zu den Maschinen hochsteigt.

Für manche Jobs seilt er sich an. „Das ist physisch schon anstrengend“, sagt der 47-Jährige. Rund um die Uhr ist das Werk in Betrieb. Für Thiesbürger heißt das: zwei Tage Frühschicht ab sechs Uhr, zwei Tage Mittagsschicht ab 14 Uhr und zwei Tage Nachtschicht ab 22 Uhr. „Jetzt ist das alles noch in Ordnung“, sagt Thiesbürger. Aber dass er diesen Job so macht, bis er 67 Jahre alt ist, kann er sich nicht vorstellen.

Damit dürfte er in einigen Jahren vor der Wahl stehen: Frührente oder ein Wechsel des Arbeitsplatzes. Thiesbürger gehört nämlich zum Geburtsjahrgang 1964, dem ersten Jahrgang, der erst mit 67 Jahren bei vollen Bezügen in Rente gehen kann. Am 1. Januar tritt das Gesetz zur Rente mit 67 in Kraft. SPD-Arbeitsminister Franz Müntefering brachte es 2006 auf den Weg, nun wird es schrittweise eingeführt. Wer 1947 geboren ist, muss einen Monat länger arbeiten, für die Jahrgänge nach 1964 gilt die volle Verlängerung der Lebensarbeitzeit.

Flexible Übergänge werden angestrebt

Die Gewerkschaften haben lange gegen dieses Gesetz gekämpft, inzwischen konzentrieren sie sich darauf, wie die Arbeitnehmer mit ihm leben können. Tarifliche Lösungen sollen zu „flexiblen Übergängen in den Ruhestand“ führen, heißt es in einem Beschluss des Vorstands des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) vom Dezember. „Der DGB und seine Mitgliedgewerkschaften sind bereit, im Rahmen ihrer Verantwortung und ihrer Möglichkeiten als Tarif- und Sozialpartner sichere und flexible Übergänge in den Ruhestand zu gestalten“, steht in dem Papier, das „Morgenpost Online“ vorliegt. Dafür sei jedoch „häufig eine staatliche finanzielle Beteiligung unverzichtbar“.

Das birgt Konfliktstoff, denn in den vergangenen Jahren wurde die Beteiligung der Beitrags- und Steuerzahler an den jahrzehntelang praktizierten Frühverrentungsprogrammen immer weiter abgebaut. Bereits 1992 hatte der Bundestag beschlossen , ab 2001 einen Rentenabschlag bei Antritt der Altersrente vor Vollendung des 65. Lebensjahres einzuführen. Es folgte die Abschaffung der Förderung der Altersteilzeit durch die Bundesagentur für Arbeit. Und auch die „58er-Regelung“, bei der Ältere mit Arbeitslosengeld die Zeit zur Rente überbrücken konnten, gibt es nicht mehr.

Ulrich Kimpel, Betriebsratschef bei den Hüttenwerken Krupp Mannesmann (HKM) in Duisburg, sieht die Folgen längst im Betrieb: Die Altersteilzeit werde nur noch spärlich genutzt, berichtet er. Die Abschläge seien einfach zu hoch. Die Frührente könnten sich viele schlichtweg nicht mehr leisten. Dabei hätten sich die Arbeitsbedingungen in der Schwerindustrie keineswegs verändert. „Die Ausfälle bei den Älteren sind jetzt schon hoch“, sagt Kimpel. Dass der Renteneintritt nun über die Rente mit 67 weiter verlängert wird, sei ein Problem.

Programme für ältere Arbeitnehmer

Bei den Hüttenwerken gibt es deshalb erste Projekte, die es Arbeitern vereinfachen sollen, auch mit 60 Jahren und später im Beruf zu bleiben. So bietet das Unternehmen Berufseinsteigern an, die Nachtschichten der Älteren zu übernehmen und dafür die hohen Schichtzuschläge zu bekommen. Bisher ist das Interesse gering. Bei der Arbeit in einem Stahlwerk gebe es eben Grenzen, was die Erleichterung der Arbeit angeht, sagt Kimpel: „Viele Jobs in der Schwerindustrie kann man einfach nicht als Schonarbeitsplätze einrichten“, sagt er. Deshalb ist er davon überzeugt, dass es auch künftig finanziell möglich sein muss, dass jemand aussteigen kann, bevor er das Renteneintrittsalter erreicht hat.

Auch die Arbeitgeber sind dieser Ansicht – obwohl sie die Rente mit 67 grundsätzlich befürworten. „Für einzelne Personengruppen werden im Ausnahmefall flexible Übergänge von der Arbeits- in die Ruhestandsphase gebraucht“, teilte die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) „Morgenpost Online“ mit. Die große Frage ist jedoch, wer das bezahlt: Die Tarifpartner allein, über einen gemeinsam ausgehandelten Beitrag von Arbeitgebern und Arbeitnehmern oder mit Hilfe der Steuer- und Beitragszahler, wie vom DGB gewünscht?

Holger Bonin, Rentenexperte vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), glaubt, dass sich auch ohne Zuschüsse in den Betrieben noch eine Menge tun wird. Die Übergangsphase bis 2029, bis die Rente mit 67 voll greife, sei lang genug: „Es werden sich noch kreativere Lösungen entwickeln als wir heute denken“, sagt er.

Mehr ältere Erwerbstätige

Bestätigung für seinen Optimismus sieht Bonin in der stark gestiegenen Erwerbstätigenzahl der über 55-Jährigen. Sind 2000 nur gut 43 Prozent dieser Altergruppe erwerbstätig gewesen, waren es 2010 bereits 62 Prozent. Arbeitnehmer in einem körperlich anstrengenden Beruf müssten aber auch selber vorsorgen und sich darauf vorbereiten, im Alter auch noch einmal den Beruf zu wechseln. „Wir brauchen eine größere berufliche Mobilität.“

Johann Hipp, 56 Jahre alt, hat das längst erkannt. Mit Anfang 20 fing er an, als Lkw-Fahrer zu arbeiten. Das hieß: stundenlanges Sitzen und schwer tragen. Vor sieben Jahren merkte er, dass er das nicht mehr lange durchhalten würde. Der Rücken streikte, Hipp musste zur Kur. Als er eine Anzeige für eine Stelle auf dem Bauhof seines Heimatorts Füssen sah, bewarb er sich sofort. Er bekam den Arbeitsplatz im Öffentlichen Dienst.

Heute leitet Hipp die Gruppe, die für das Mähen der öffentlichen Rasenflächen zuständig ist. Auch da packt er mit an, aber die Anstrengung sei mit seinem früheren Job nicht vergleichbar. Jetzt sieht er der Zukunft gelassen entgegen: „Ich kann mir durchaus vorstellen, bis Mitte 60 zu arbeiten“, sagt Hipp.

Teilrente sollte aufgebessert werden

Der DGB glaubt aber offenbar nicht, dass solche Beispiele Schule machen werden. Die Arbeitnehmervertreter haben in ihrem Beschluss einen ganzen Katalog mit Forderungen an den Gesetzgeber erstellt. Darunter die Wiedereinführung der geförderten Altersteilzeit, das Recht auf Teilzeitarbeit im Alter, eine vorgezogene Teilrente ab 60, bessere Hinzuverdienstmöglichkeiten beim Bezug der Teilrente oder auch flexiblere Regelungen bei Zeitwertkonten, damit diese beim Übergang in die Rente genutzt werden können.

Die Arbeitgeber stimmen in einigen Punkten mit den Arbeitnehmern überein – etwa bei der Möglichkeit, sich die Teilrente aufbessern zu können. „Die Streichung der Hinzuverdienstgrenzen bei vorgezogenen Altersrenten ist eine Möglichkeit, die Kombination von Rente und Erwerbseinkommen zu verbessern“, heißt es bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände.

Die flexiblen Übergänge, die die Vereinigung für bestimmte Berufsgruppen für sinnvoll hält, könnten „tarifvertraglich ermöglicht werden“, heißt es bei der BDA. Sie dürften „aber nicht zu einer Kostenverschiebung auf Dritte führen. Steuer- und Beitragsmittel dürfen nicht zur Subventionierung des Vorruhestands missbraucht werden“, unterstreichen die Arbeitgeber.

Wie die Chancen stehen, die Wunschliste bei der schwarz-gelben Regierung durchzusetzen, ist unklar. Beim „Rentendialog“, den Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) derzeit mit Sozialpartnern und Verbänden führt, sei das Thema noch nicht angesprochen worden, heißt es. Sollte 2013 die SPD in die Regierung gewählt werden, sähe es anders aus. Dann könnte der DGB seine Bemühungen unter Umständen sogar ganz einstellen: Die Partei, deren Arbeitsminister die Rente mit 67 durchgesetzt hat, will sie, solange nicht mehr Ältere beschäftigt sind, erst einmal wieder aussetzen.