Knaus Tabbert

Holländer steuern Wohnwagenhersteller aus der Pleite

Im Jahr 2008 schlittert Knaus Tabbert in die Insolvenz. Zwei Holländer schrumpfen die Firma, zerlegen sie aber nicht. Das führt zum Erfolg.

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Den "VanTastic" haben sie herausgeputzt. In den Felgen kann man sich spiegeln, das Blech des Fahrerhauses ist poliert, und auch die Küche im Innern strahlt. Das Reisemobil des größten deutschen Herstellers Knaus Tabbert hat sich fein gemacht für Katalogaufnahmen. Das gut 47.000 Euro teure Sondermodell ist nicht extra in einem Studio geparkt, es steht in der Werkshalle im bayerischen Jandelsbrunn, dem Firmensitz von Knaus Tabbert.

Der Hersteller von Wohnwagen und Reisemobilen erlangte traurige Berühmtheit, war er doch das erste bekannte Unternehmen in Deutschland, das nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008 in die Knie ging. Der Insolvenzantrag vor dem Amtsgericht Passau am 8. Oktober bildete den Auftakt einer Pleitewelle, die später noch Namen wie Rosenthal, Schiesser, Märklin erfassen sollte.

Lehman ist Geschichte, Knaus Tabbert aber lebt. Sogar ganz gut. Steigert den Umsatz, schreibt schwarze Zahlen, stellt Mitarbeiter ein. Und feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag. Knaus Tabbert gibt es noch, genauer: wieder - dank neuen Eignern aus den Niederlanden und eines neuen Managements.

Giovanni Marcon hat bei Fiat und dem Uhrenhersteller Lange & Söhne gearbeitet, versteht also etwas von Fahrzeugen und Marken. Der Deutsch-Italiener ist bei Knaus Tabbert seit gut eineinhalb Jahren für das Kaufmännische zuständig. Seit einem Jahr steht ihm Michael Tregner zur Seite, der vom Konkurrenten Hymer wechselte und für Technik und Produktion verantwortlich ist.

Die Nummer Eins wird angestrebt

Fragt man Marcon, was für ihn der bewegendste Moment in diesem Jahr war, kommt er auf einen Tag im Mai zu sprechen. Da hob der Mann mit der Designerbrille und dem modischen Kinnbart vor seinen Händlern ein Schild mit einer "1" in die Höhe.

Erstmals war man in Deutschland bei Reisemobilen ganz vorne. Das ist bis heute so geblieben. Bei Wohnwagen liegt das Unternehmen europaweit auf Rang zwei, bei Reisemobilen auf Position fünf. "Die Vision: der führende Hersteller von Freizeitfahrzeugen in Europa", steht auf einer Folie geschrieben, die Marcon an die Wand projiziert. "In mehreren Bereichen die Nummer zwei zu sein, ist schön. Gleichzeitig wissen wir aber, wie weit der Weg zur Nummer eins noch ist", sagt er.

Wim de Pundert und Klaas Meertens wohnen der Firmenpräsentation bei. "Eigentlich ist es unglaublich", sagt de Pundert. Der Aufstieg aus der Pleite ging viel schneller als erhofft. Tregner zeigt den beiden derweil ein Fachjournal mit einem Test eines Reisemobils. Vom "Comeback von Knaus" ist da die Rede. Die Testnoten seien sehr ordentlich, und die Kritik an einem Türgriff, so Tregner, habe man beim Wort genommen und gleich nachgebessert.

Holländer und Wohnwagen – das muss doch passen

Die beiden 54 Jahre alten Holländer, denen die Investmentgesellschaft HTP gehört, sind die Eigentümer. Sie haben das Unternehmen aus der Insolvenz heraus gekauft. Am 23. Januar 2009 gründeten sie eine neue Firma namens Knaus Tabbert GmbH.

Holländer und Wohnwagen, das müsste doch gut zusammenpassen, mag man meinen. So einfach sei das aber nicht gewesen, sagt Meertens, der früher bei der Beratungsgesellschaft McKinsey arbeitete. Man habe eine passende Investitionsgelegenheit gesucht und sie gefunden. Und das mitten im "nuclear winter", wie Mertens es umschreibt. Jenem Winter also, als die Finanzkrise alles und jeden im Griff hielt. "Keiner dachte zu der Zeit, dass es ein Morgen geben würde", sagt er rückblickend.

2011 hat Knaus Tabbert 12.800 Wohnwagen und Reisemobile gefertigt, 2010 waren es noch 10.500. Damit werden sie in diesem Jahr 241 Millionen Euro umsetzen, rund 60 Millionen Euro mehr als noch 2010. Trotz der Euro-Krise erwartet Marcon für kommendes Jahr einen "leicht steigenden Umsatz im Vergleich zu 2011". Und fügt hinzu, dass seit der Insolvenz kein Jahr vergangen sei, in dem nicht eine schwarze Null unterm Strich stand.

Verließen vor der Insolvenz noch mehr als 20.000 Gefährte pro Jahr die Produktionshallen, sind es nun also bedeutend weniger. Knaus Tabbert wurde gesundgeschrumpft. Aber nicht filetiert. "Herr de Pundert war wie auch wir der Auffassung, dass ein Wohnwagen- und Reisemobilhersteller wie Knaus Tabbert eine kritische Größe haben muss.

Breites Angebot ist notwendig

Und die ist nur im Verbund der verschiedenen Standorte, Marken und Modelle gegeben", sagt rückblickend der Insolvenzverwalter Michael Jaffé. Die Angebotspalette reicht vom Wohnwagen für gut 7000 Euro bis zum zehn Meter langen Luxusliner mit luftgefederten Achsen und Edelholzvertäfelung für mehr als 250.000 Euro. Den stellt die Firma Morelo aus dem fränkischen Schlüsselfeld her, an der sich HTP beteiligt hat.

Es wäre zu einfach, Knaus Tabbert nur als Opfer der Finanzkrise zu sehen. Die früheren Eigner hatten Fehler gemacht: Sie hatten auf Wohnwagen gesetzt und nicht verstanden, dass der Markt für Reisemobile vielversprechender ist. Zudem waren sie mit einer extrem niedrigen Eigenkapitalquote fremdfinanziert bis zum Anschlag.

Der Eigenkapitalanteil ist heute deutlich höher. Und sie produzierten über Bedarf. So fand Insolvenzverwalter Jaffé seinerzeit 2400 Wohnwagen und Reisemobile als Hofbestand vor. Heute ähnelt Jandelsbrunn nicht mehr einem Campingplatz. "Da reichte schon ein kleiner Windstoß, um das Unternehmen umzuhauen", sagt Marcon. Es war dann eher ein Hurrikan.

Produktion fast halbiert

Von 2007 bis 2009 sank europaweit die Produktion von 220.000 auf 120.000 Fahrzeuge. Die Finanzkrise sorgte für den Rest. Für Knaus Tabbert brachte sie einen Neuanfang. Aus einem etwas verschlafenen Unternehmen sei eine hungrige, schlanke Organisation geworden, sagt Meertens. Die Marken werden heute straffer geführt, das Portfolio wurde um Luxusgefährte ergänzt, die gesamte Produktpalette binnen zwei Jahren rundum erneuert. Die Fertigung ist heute schlanker und mit einem Drittel Leiharbeitern flexibler. All das zahlt sich aus.

Knaus Tabbert wächst, und das in einer wahrlich nicht boomenden Branche. Marcon spricht daher von einem "Verdrängungswettbewerb", dem man sich stelle. Und Meertens hat als Ziel ausgegeben: "Wir wollen als einer von ganz wenigen Spielern übrig bleiben."

Bevor die Holländer das Ruder übernahmen, hatte Michael Jaffé bei Knaus Tabbert das Sagen. Sein Beruf als Insolvenzverwalter bringt es mit sich, dass er gewöhnlich als Erster zur Problemfall eilt. Jaffé fuhr also im Herbst 2008 die drei Stunden von München ins deutsch-österreichisch-tschechische Länderdreieck. Was er in Jandelsbrunn sah, ließ ihn staunen: ein Meer von Wohnwagen und ein Dorf, das von "Knaus" lebte.

Rettung in letzter Minute

Jaffé sprach mit zahlreichen Finanzinvestoren, doch der Richtige war nicht darunter. Kurz vor Weihnachten 2008 traten dann überraschend de Pundert und Meertens auf die Bildfläche. Direkt nach den Feiertagen war man sich handelseinig, auch weil der Freistaat Bayern mit einer Millionenbürgschaft einsprang.

Jaffé spricht von einer "Rettungsaktion buchstäblich in letzter Minute". Denn am 1. Januar wäre "Schicht im Schacht" gewesen. "Dann wäre das Unternehmen mit hoher Wahrscheinlichkeit zerschlagen worden und außer den Marken bei der Konkurrenz nichts übrig geblieben."

Das neue Team legte gleich los. Von 1600 Jobs blieben immerhin 1000 erhalten. Heute hat Knaus Tabbert wieder 1200 Mitarbeiter, Leiharbeiter eingerechnet, und will im kommenden Jahr neue Stellen schaffen. Zufriedenheit spürt man daher auch beim Jandelsbrunner Bürgermeister Hans Wegerbauer (66). Die Arbeitslosigkeit in der Gemeinde liege heute unter vier Prozent.

Glück habe man gehabt, natürlich, und Gottvertrauen. Auch im Gemeindehaushalt sieht Wegerbauer Besserung. 2008 lagen die Gewerbesteuereinnahmen bei 500.000 Euro, 2009 bei 140.000 Euro, im kommenden Jahr sollen sie sich wieder bei einer halben Million einpendeln.

Kein Rückgang bei den Aufträgen

Und wie geht es weiter? "Die ersten Ausschüttungen an die Insolvenzgläubiger und Abschlagszahlungen auf die Sozialpläne werden im neuen Jahr erfolgen", sagt Insolvenzverwalter Jaffé. Die genaue Quote lasse sich aber noch nicht absehen. 2009 hatten gut 1500 Gläubiger Forderungen über 145 Millionen Euro angemeldet, von denen jedoch nicht alle akzeptiert werden dürften. Die Mitarbeiter bekommen dieses Jahr erstmals wieder Weihnachts- und Urlaubsgeld. Und das Management will 2012 gut 17 Millionen Euro investieren. In den Auftragsbüchern sei bislang kein Abschwung zu erkennen, sagt Marcon. Bis ins zweite Quartal hinein sei man ausgelastet.

Von einem Helfer der ersten Stunde will man nun Abschied nehmen. "Knaus Tabbert beabsichtigt, die Landesbürgschaft, die bis zum 31. Dezember 2012 läuft, bereits vorzeitig abzulösen", sagt Marcon. Hierzu seien aber noch weitere Verhandlungen nötig. Der Freistaat Bayern hatte Bankenkredite über 22,4 Millionen Euro mit einer Bürgschaft abgesichert. Knaus Tabbert wäre dann wieder ein ganz normales Unternehmen - bei dem de Pundert und Meertens an Bord bleiben wollen. "Über einen Ausstieg denken wir zurzeit nicht nach", sagt Meertens. Schließlich fühle sich das Engagement bislang "richtig gut" an.