Mit 102 Jahren gestorben

Werner Otto hatte bis ins hohe Alter Ziele

Werner Otto war der letzte große Unternehmensgründer der Nachkriegszeit. Er war aber auch Wohltäter und Kultur-Mäzen. Der gebürtige Brandenburger, der in Berlin seine Jugend verbrachte und hierher im Alter zurückkehrte, starb mit 102 Jahren.

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Werner Otto kam nach dem Zweiten Weltkrieg als mittelloser Flüchtling mit Ehefrau und zwei kleinen Kindern zuerst nach Schleswig-Holstein, dann nach Hamburg. Hier gründete er 1949 nach einem missglückten Anlauf als Schuhfabrikant im Alter von 40 Jahren den Otto-Versand – und legte so den Grundstein für einen weltweiten Handels- und Dienstleistungskonzern mit Zehntausenden von Arbeitsplätzen. Der letzte große Unternehmensgründer der Nachkriegszeit ist - wie erst jetzt mitgeteilt wurde - bereits am vergangenen Mittwoch im Alter von 102 Jahren in Berlin gestorben.

„Mein Mann hatte das große Glück, gesund in einem harmonischen und liebevollen Familienumfeld alt zu werden“, sagte seine Frau Maren Otto. „Er hat bewusst etwas für seine Gesundheit getan und diszipliniert gelebt. Doch sein wichtigster Lebensgrundsatz war, auch im Alter immer noch Ziele zu haben.“

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat die Nachricht vom Tod Ottos nach eigenen Worten mit „großer Trauer“ zur Kenntnis genommen. „Werner Otto war ein Mensch und Unternehmer, der seine gesellschaftliche Verantwortung wahrgenommen hat“, sagte Wowereit. Dabei habe er auch immer ein großes Herz für die Belange der Region und vor allem Berlins gehabt. „Er hat unendlich viel für die Menschen in unserer Stadt und für zahlreiche wichtige Institutionen getan.“

Werner Ottos ältester Sohn Michael, heute Aufsichtsratschef der Otto Group, sagte, sein Vater habe ein reich erfülltes Leben gehabt. „Er hat sich stets besonders mit der Zukunft beschäftigt und unternehmerisch außerordentlich viel bewegt. Vor allem hat er den Mensch in den Mittelpunkt seines Handelns gestellt, war sozial engagiert und mir persönlich immer ein wertvoller und vertrauter Gesprächspartner.“ Auch der jüngste Sohn Alexander Otto, Chef der ECE, hob die visionäre unternehmerische Kraft seines Vaters hervor. „Vor allem aber war er ein guter Vater, der mich immer inspiriert und angespornt hat.“

Bis ins hohe Alter dynamisch

Die Geschichte liegt so lange zurück und wurde so oft erzählt, dass sie sich inzwischen zum Mythos verdichtet hat. Der erste Katalog von 1950, handgebundene 300 Exemplare mit 14 Seiten und eigenhändig eingeklebten Fotos, ist heute im Haus der Geschichte in Bonn zu sehen. Otto erinnerte sich lebhaft daran. „1950 gab es ein paar hundert Versandhandelsfirmen; davon war mindestens die Hälfte größer als mein Betrieb.“ Sie sind entweder verschwunden oder gehören mittlerweile zum Otto-Imperium.

Otto suchte immer neue Herausforderungen. Unternehmertum verstand er als schöpferischen Prozess, als das Betreten von Neuland. „Wer statisch denkt und aus Angst vor Fehlern keinen Schritt nach vorn wagt, der sollte kein Unternehmer werden“, lautete seine Überzeugung. In den 50er Jahren verdoppelte sich der Umsatz seines Versandhandels in manchen Jahren; die Konsumwelle nach den Entbehrungen der Nachkriegszeit war der Motor des raschen Wachstums. Strategisch setzte Otto mehr auf die Qualität der Waren als auf niedrige Preise und erschloss so neue Käuferschichten.

Schon 1966 übergab Werner Otto die Leitung des Unternehmens an den familienfremden Manager Günter Nawrath, behielt aber bis 1981 die Zügel als Aufsichtsratsvorsitzender in der Hand. Dann übernahm sein Sohn Michael die Otto Group und führte sie bis 2007. Der Senior hatte sich schon vorher neuen Geschäften zugewandt. In einem Alter, in dem andere an den Ruhestand denken, investierte Werner Otto in nordamerikanische Immobilien und in das zukunftsträchtige Feld der Entwicklung von Einkaufszentren. Daraus entstand die ECE, heute das führende Spezialunternehmen der Branche in Europa. Sie wird von seinem jüngsten Sohn Alexander geleitet.

Auch privat blieb Otto dynamisch. Drei Ehefrauen schenkten ihm fünf Kinder, die teils unternehmerische und teils künstlerische Neigungen und Talente entwickelten. Nachdem er schon 20 Jahre in seinem Altersruhesitz in Garmisch verbracht hatte, zog er mit 90 Jahren in die Metropole Berlin, wo er seine Jugendjahre verbracht hatte. „Hier werden außergewöhnliche Ideen verwirklicht“, schwärmte er, und eine Frau Maren, mit der er fast fünf Jahrzehnte verheiratet war (Hochzeit 1963), ergänzte: „Wir schätzen die Museen, Opern, Theater. Schon unsere Hochzeitsreise hat uns hierher geführt.“

Sein Sohn Alexander sagte im Jahr 2009 bei der Verleihung der Berliner Ehrenbürgerwürde an seinen Vater: „Das Herz meines Vaters gehört Berlin. Er hat hier seine schönsten Jugendjahre verbracht.“ Weiter sprach er von den 20er Jahren in Berlin, die sein Vater hier sehr genossen habe. „Seine Zuneigung ist nie verloren gegangen“, so Alexander Otto.

Neben seinen unternehmerischen Glanztaten hat sich der gebürtige Brandenburger vor allem als Wohltäter einen Namen gemacht. 1969 gründete er die medizinisch ausgerichtete Werner-Otto- Stiftung, die dort einspringt, wo staatliche Mittel fehlen. Über die Jahrzehnte flossen viele Millionen von Otto für medizinische, soziale und kulturelle Zwecke, aber auch in den Städtebau. In seinem Geburtsort Seelow ließ Otto den Kirchturm wieder aufbauen, der durch schwere Kämpfe in den letzten Kriegstagen zerstört wurde.

Für seine Leistungen als Unternehmer und Mäzen ist Otto, den Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) einen „Titan der Marktwirtschaft“ nannte, vielfach ausgezeichnet worden. Zuletzt erwiesen die Spitzen der Republik der „außergewöhnlichen Gestalt der Zeitgeschichte“ (Klaus Wowereit) zu seinem 100. Geburtstag im August 2009 ihre Reverenz. Kanzlerin und Bundespräsident gratulierten persönlich, der Berliner Senat ernannte Otto zum Ehrenbürger der Stadt. Und Otto gründete abermals eine Stiftung, diesmal mit einem Kapital von fünf Millionen Euro, zur Unterstützung armer alter Menschen in Berlin und Brandenburg.