Insolvenzen

Diese Firmen stemmten sich gegen die Krise

In der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009 ging vielen deutschen Firmen die Luft aus. Was ist aus den Opfern von damals geworden?

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Es ist das letzte Aufbäumen vor dem Untergang: Karl-Gerhard Eick, Chef des schwer angeschlagenen Arcandor-Konzerns, steigt am 8. Juni 2009 vor der Konzernzentrale in Essen auf eine knallrote Leiter und fordert die verunsicherten Mitarbeiter zum Durchhalten auf: „Wir kämpfen bis zur letzten Minute!“ ruft er den Leuten entgegen, die Plakate hochhalten mit Sätzen wie „Das Warenhaus lebt“ und „Es geht um 56.000 Arbeitsplätze“.

Dabei weiß der Chef wohl längst, dass dieser Kampf sehr bald zu Ende sein wird. Denn die erhoffte Rettung aus Berlin, also die dringend benötigte Staats-Bürgschaft oder den Notkredit für Arcandor, wird es nicht geben.

Die Pleite liegt schon in der Luft. Längst müssen sich Eick und seine Vorstandsmitglieder stets in der Nähe der Firmenzentrale aufhalten. Damit sie im Notfall ohne Verzögerungen das tun können, was am nächsten Vormittag nicht mehr zu vermeiden ist: die Insolvenzanträge für Arcandor, Karstadt und Quelle zu unterschreiben . Es wird eine der größten Pleiten der Nachkriegszeit werden und der Höhepunkt der Insolvenzserie in den Jahren 2008/2009.

Es droht bereits die nächste Pleitewelle

Viele Unternehmen erwischt es im Umfeld der Weltfinanzkrise, auffallend häufig Handelsunternehmen wie Hertie, SinnLeffers oder Wehmeyer. Aber mit Märklin auch die Kultmarke für Spielzeugeisenbahnen, den Porzellanhersteller Rosenthal, den Wohnwagenhersteller Knauss-Tabbert. Tausende Jobs gehen dadurch verloren, Gläubiger müssen Milliardenwerte in den Wind schreiben.

Was ist aus diesen Krisen-Firmen geworden? Gibt es ein Leben nach der Pleite? „Morgenpost Online“ und „Welt“ haben nachgeschaut und werden in den kommenden Ausgaben darüber berichten. Denn das Thema Zahlungsunfähigkeit ist hochaktuell.

Schließlich droht nach einem zwischenzeitlichen Rückgang der Insolvenzzahlen als Folge der Euro-Schuldenkrise schon die nächste Pleitenwelle in Deutschland: Beim Energiehändler TelDaFax regiert bereits der Insolvenzverwalter, seit Neuestem auch beim Druckmaschinenhersteller Manroland. „Aufgrund von Zahlen aus dem Bankensektor zeichnet sich ab, dass die Unternehmensinsolvenzen in Kürze wieder steigen werden. Wir rechnen mit der Trendwende in den nächsten vier Monaten“, sagt Christoph Niering, Vorsitzender des Insolvenzverwalterverbandes VID.

Sein Kollege Horst Piepenburg – seit dem Frühjahr 2009 heimlicher Berater von Arcandor-Chef Eick – nimmt an jenem verhängnisvollen Vormittag des 9. Juni 2009 in der Firmen-Zentrale in Essen die Papiere an sich und verlässt das Haus unerkannt über den Hinterausgang an den Laderampen für die Lkw. Da glaubt er noch daran, dass er Arcandor über ein sogenanntes Planverfahren in Eigenverwaltung als Ganzes retten kann, also mit den drei Sparten Karstadt, Quelle/Primondo und Thomas Cook.

Arcandor wird zerschlagen

Für dieses Verfahren ist die Voraussetzung, dass die Eigentümer noch einmal Geld ins Unternehmen investieren. Doch das können die Hauptaktionäre nicht mehr, weder das Bankhaus Sal. Oppenheim, noch Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz. Und das kann nur eines bedeuten: Arcandor wird zerschlagen.

Die Touristikbeteiligung Thomas Cook ist nicht von der Insolvenz betroffen. Die Banken, deren Pfand die Beteiligung ist, verkaufen den Anteil bald darauf und kommen schadlos aus diesem Firmendrama. Dafür trifft es das traditionelle Versandhaus Quelle umso härter: Die Insolvenz platzt mitten in die Produktion des Winterkataloges. Weil Druckereien und Bindereien fürchten, ihre Rechnungen nicht mehr bezahlt zu bekommen, stoppen sie die Herstellung sofort.

Die Situation ist grotesk: Quelle hat zwar im Lager Ware im Wert von mehr als 300 Millionen Euro liegen, kann sie aber nicht verkaufen, weil es keinen Katalog gibt. So kommt auch kein Geld mehr rein. Als der Katalog nach wochenlanger Verzögerung und mit Hilfe eines staatlichen 50-Millionen-Kredites doch noch erscheint, ist es zu spät: Nachdem in den Jahren zuvor schon Hunderte Millionen in erfolglose Sanierungsversuche geflossen waren, senken die Geldgeber nun die Daumen.

Mehrere Finanzinvestoren hatten wochenlang die Geschäftsdaten für eine Übernahme geprüft. Doch dann will keiner das Versandhaus haben. Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg muss das Unternehmen abwickeln und die Waren verramschen. Mehr als 10?000 Mitarbeiter verlieren ihre Jobs.

Die Bundesanstalt für Arbeit richtet auf dem Quelle-Gelände in Nürnberg sogar kurzfristig eine Außenstelle für die Betroffenen ein. Dem Großversender Quelle ist kein Leben nach der Pleite beschieden.

Später kauft der Konkurrent Otto zumindest Quelle Russland und die Markenrechte für Quelle und startet unter quelle.de einen Web-Marktplatz. Neckermann geht an den Finanzinvestor Sun Capital Partners, der zuvor schon an dem Versandhaus beteiligt war.

Der Versicherungskonzern Axa übernimmt den Shoppingsender HSE 24, auch Küchen-Quelle und Foto-Quelle finden neue Eigentümer. Insgesamt bleibt nicht viel übrig von der einst stolzen Versandhandelssparte von Arcandor. Und die Gläubiger bekommen gerade ein Prozent ihrer Forderungen ausgezahlt.

Der Warenhauskette Karstadt sollte das Schicksal der Schwestermarke erspart bleiben. Im März 2013 schließt Insolvenzverwalter Görg 13 defizitäre Häuser, streicht knapp 1000 Stellen und bietet die Kette dann mit 120 Häusern und 25.000 Mitarbeitern zum Verkauf an.

Um einen unbelasteten Neustart zu ermöglichen, verzichten die Gläubiger im Rahmen eines verbindlichen Insolvenzplanes auf fast alle ihre Forderungen. Der Käufer bekommt Karstadt somit schuldenfrei. Anders als bei Quelle bewerben sich denn auch gleich drei Kaufinteressierte. Der Gläubigerausschuss entscheidet sich für Nicolas Berggruen, einen in Deutschland weitgehend unbekannten Investor.

Ob die Sanierung erfolgreich ist, ist fraglich

Der verlangt von den Mitarbeitern, die ohnehin schon bis zum Herbst 2012 auf den Großteil ihres Weihnachtsgeldes verzichten, keine weiteren Zugeständnisse – was ihn für die Gewerkschaft Ver.di als neuer Eigentümer so sympathisch macht.

Aber Berggruen will von den Vermietern der Warenhäuser massive Mietreduzierungen. Die wehren sich lange. Fast ein Vierteljahr lang zittern die Mitarbeiter um ihr Unternehmen, während Berggruens Leute mit den Vermietern um Miet-Millionen feilschen. Mehrfach wackelt die Rettung. Schließlich setzt sich Berggruen durch, Karstadt ist im Oktober 2010 raus aus seiner Insolvenz: Das Signal für den Neustart!

Mit dem neuen Chef Andrew Jennings – einem alter Warenhaus-Mann mit Erfahrung in Großbritannien, Amerika und Südafrika – soll es wieder aufwärts gehen. Der Brite versucht erst einmal, Karstadt wieder auf die Kunden einzustellen. Viel zu lange hatten die Einkäufer in Asien bestimmt, was in die Regale in Deutschland kommt. Mit der Folge, dass die Kunden wegblieben und die Umsätze sanken.

Und Jennings tut das, was viele seiner Vorgänger nicht getan hatten: Er geht in die Läden und spricht mit den Mitarbeitern, will ihre Meinung wissen. Unter Jennings werden die Abteilungen neu geordnet und die Strukturen klarer: Fast ein Viertel der Waren fliegen raus, damit die Etagen nicht so vollgestopft wirken. Die ersten Warenhäuser werden renoviert, in Göttingen testet Jennings eine neue Ladenkette: „K Town“, vor allem für jüngere Kunden.

Der neue Chef will zudem mehr renditestarke Eigenmarken verkaufen. Das Onlinegeschäft, das in der Insolvenz so schwer gelitten hatte, wird wieder hochgefahren. Die Investitionen dafür muss Karstadt allerdings selbst verdienen – Eigentümer Berggruen bezahlt keinen Eimer Farbe.

Über den nachhaltigen Erfolg des Karstadt-Neustarts lässt sich nur spekulieren. Das Unternehmen veröffentlicht keine Bilanzzahlen mehr, gibt sich aber stets optimistisch. „Wir sind auf gutem Wege“, sagte Jennings im November. Nach unbestätigten Meldungen soll Karstadt in diesem Jahr sowohl beim Umsatz al auch beim operativen Ergebnis (Ebitda) zugelegt haben.

Ob das allerdings ein Leben nach der Insolvenz dauerhaft garantiert, ist fraglich. Denn im Herbst 2012 verlieren Verpflichtungen ihre Gültigkeit, nach denen Berggruen keine Stellen streichen und auch keine Häuser schließen darf.

Schon hat er die Kette in drei rechtlich unabhängige Unternehmen – Premium, Sport und Warenhaus – unterteilt, was Teilverkäufe erleichtert. Berggruen indes dementiert stets Verkaufs- oder Schließungsabsichten, sondern will jetzt auch noch die Konkurrenzkette Kaufhof erwerben.

Die Gespräche mit dem Eigentümer Metro laufen. Dass ein Zusammenschluss der beiden verbliebenen deutschen Warenhausketten Schließungen von Häusern bedeuten würde, gilt bei Handelsexperten als ausgemacht. Dem könnten auch Karstadt-Häuser zum Opfer fallen, die die Insolvenz vom Juni 2009 überlebt hatten.

Juristisch hat die spektakuläre Insolvenz bereits jetzt zahlreiche Nachspiele. Im Mittelpunkt steht immer wieder Thomas Middelhoff, der langjährige Aufsichtsrats- und Vorstandschef. Ihm wirft Insolvenzverwalter Görg unter anderem vor, dass er sich selbst dann noch millionenschwere Boni für besonders gute Leistungen habe genehmigen lassen, als das Unternehmen längst am Abgrund stand.

Zudem hätten es Middelhoff und andere Vorstände und Aufsichtsräte zuvor versäumt, Millionenbeträge zurückzuklagen, die das Unternehmen durch seltsame Immobiliengeschäfte ihrer Vorgänger in der Chefetage verloren hatte. Sollte Middelhoff zahlen müssen, kämen die Millionen den Gläubigern zugute, die durch die Pleite viel Geld verloren hatten. Beobachter erwarten allerdings, dass sich die gerichtliche Aufarbeitung mehrere Jahre lang hinziehen wird.