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Warum EZB-Chefvolkswirt Stark zurückgetreten ist

Nach fünf Jahren als Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB) hatte Jürgen Stark im September seinen Rücktritt zu Ende 2011 erklärt, "aus persönlichen Gründen", wie er angab. Im Gespräch mit Morgenpost Online redet er so offen wie nie zuvor über die wahren Motive für seinen Rückzug.

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Morgenpost Online: Herr Stark, wie traurig sind Sie, Ihr Büro in der EZB zu räumen?

Jürgen Stark: Ich bin zurückgetreten, weil ich meine persönliche Glaubwürdigkeit nicht mehr gewahrt sah, deshalb ist es kein freudiger Anlass.

Morgenpost Online: Ihre Glaubwürdigkeit ist in Gefahr?

Stark: Ich will meine Person nicht überschätzen. Aber ich wollte schon ein Zeichen setzen, dass jemand, der fast ein Vierteljahrhundert für das Projekt Euro gearbeitet hat, ein großes Problem damit hat, in welche Richtung sich die Währungsunion entwickelt. Ich wollte die Regierungen wachrütteln. Diese haben offensichtlich bis heute nicht verstanden, wie wichtig die seit Maastricht etablierten Prinzipien, wie Haushaltsdisziplin und Koordinierung der Wirtschaftspolitiken, für die Funktionsweise der Währungsunion sind. Wir müssen einer schleichenden Erosion dieser Prinzipien entgegentreten. Darum geht es.

Morgenpost Online: Wir dachten bisher, Sie seien zurückgetreten weil Sie die Staatsanleihekäufe nicht mittragen konnten.

Stark: Es ist kein Geheimnis, dass ich mit einigen Entscheidungen des EZB-Rats nicht einverstanden war. Sie verleiten die Politik dazu, sich zurückzulehnen und ihre Finanzpolitik nicht in Ordnung zu bringen. Aber meine Entscheidung ist nicht an ein singuläres Ereignis geknüpft. Die Wiederaufnahme der Aufkäufe im August war nur der Anlass für meinen Rücktritt. Sie müssen meinen Rückzug im Zusammenhang mit den vergangenen Jahren sehen, in denen die Währungsunion auf ein schiefes Gleis geraten ist.

Morgenpost Online: Sie waren selbst einer der Architekten. Was haben Sie falsch gemacht?

Stark: Ich war der festen Überzeugung, dass mit dem Maastrichter Vertrag ein solides Fundament für die Währungsunion gelegt wurde. In der EZB haben wir diese Stabilitätskultur ohne jeden Zweifel gelebt. Doch einige Regierungen haben auch in der Währungsunion die Politik der vergangenen Jahrzehnte einfach fortgesetzt. Sie haben keine nachhaltige Haushaltspolitik betrieben und sind ihrer Verantwortung für ihre Währung trotz aller Warnungen nicht nachgekommen.

Morgenpost Online: Haben Sie schon Pläne, welche Aufgabe Sie künftig übernehmen werden?

Stark: Das werde ich zum gegebenen Zeitpunkt mitteilen. Aber um Missverständnissen vorzubeugen: Ich werde mich niemals einer Anti-Euro-Bewegung anschließen. Solche Gerüchte offenbaren eine völlige Unkenntnis meiner Verpflichtung gegenüber Europa und des Euro.

Morgenpost Online: Olaf Henkel hat Sie nicht gefragt?

Stark: Selbst wenn, hätte das keine Chance auf einen Erfolg gehabt. Ich werde weiterhin für den Euro werben, ohne jeden Zweifel. Wir brauchen mehr Europa, nicht weniger. Die Diskussionen über sein Ende sind unglaubwürdig. Nach 60 Jahren europäischer Integration bedarf es nun eines weiteren großen Schrittes, um die Identität Europas zu stärken. Ich finde es sehr bedauerlich, dass Europa abhängig zu sein scheint vom Rest der Welt.

Morgenpost Online: Stört Sie die immer größere Rolle des IWF?

Stark: Europa gibt sich durch die Einbeziehung des IWF doch völlig internationalen Gremien und damit den Interessen preis, die dort vertreten werden. Europa muss seine Probleme selber lösen und die Abhängigkeit von den internationalen Kapitalmärkten durch eine konsequente Fiskalpolitik reduzieren.

Morgenpost Online: Dass die Zentralbanken mit Milliardensummen den IWF stärken wollen, damit das Geld nach Europa fließt, finden Sie nicht bedenklich?

Stark: Das ist das zweite Problem. Theoretisch stimmt es zwar, dass dies keine direkte Staatsfinanzierung über die Notenbank ist, weil das Geld auf das allgemeine Konto des IWF fließt. Aber praktisch sehe ich keine anderen Länder als Euro-Staaten, die auf die Gelder zugreifen wollen. Es ist ein Versuch, das Verbot der direkten Staatsfinanzierung durch die Notenbanken in Europa zu umgehen.

Morgenpost Online: Wie sonst wollen Sie die Probleme lösen?

Stark: Spanien und andere Länder zeigen, dass die Zinsen schnell fallen können, wenn man sich anstrengt. Was wir derzeit sehen, ist, dass Investoren endlich Länderrisiken unterschiedlich bewerten, was sie bis 2007 nicht getan haben.

Morgenpost Online: Besteht nicht die Gefahr, dass sich die Staaten in eine Rezession sparen und die Schuldenstände dann nur noch größer werden?

Stark: Wenn ein Land hoch verschuldet ist, hat es ein Glaubwürdigkeitsproblem und kann über Nacht den Zugang zum Kapitalmarkt verlieren. Solche Länder haben gar keine andere Wahl, als ihre Haushalte auf eine gesunde Basis zu stellen. Es gibt immer Gründe zu sagen, es ist nicht der richtige Zeitpunkt, um zu konsolidieren. Aber entweder wir führen einen Paradigmenwechsel herbei, oder wir steuern auf einen Kollaps zu.

Morgenpost Online: Eine Option haben Sie unterschlagen: Die EZB könnte einspringen und unbegrenzt Staatsanleihen aufkaufen.

Stark: Man kann nur etwas unterschlagen, wenn man eine solche Option haben würde. Vielen Marktakteuren ist das offenbar nicht bewusst, dass wir dafür kein Mandat haben. Die Ratingagenturen begründen ihren negativen Bonitätsausblick für die Euro-Staaten damit, dass die Geldpolitik nicht ausreichend flexibel ist. Da muss ich mich schon sehr wundern.

Morgenpost Online: Die Märkte fordern, dass die EZB sich bedingungslos hinter ihre Währung stellt. Was ist falsch daran?

Stark: Wir lernen ja viel von den Märkten. Aber dann müssen die Märkte auch mal von uns lernen und gefälligst registrieren, dass die US-Notenbank und die Wall Street nicht das Modell für Europa gewesen sind, sondern Europa seine eigenen Traditionen und Gesetze hat.

Morgenpost Online: Das ist der Grund, warum Sie inzwischen als starrköpfig gelten?

Stark: Starrköpfig, weil wir uns daran halten, was die Grundfesten unserer Währungsunion sind. Richtig ist, dass Europa ein Kommunikationsproblem hat. Es gibt niemand, der wirklich hörbar für die Währungsunion nach draußen kommuniziert. Das war in früheren Zeiten anders.

Morgenpost Online: Wie groß ist die Gefahr, dass die Euro-Zone in einen Abschwung rutscht?

Stark: Wir sollten eine Rezession nicht herbeireden und schon gar nicht herbeireden lassen von selbst ernannten Experten außerhalb der Euro-Zone, die von den Problemen ihrer eigenen Länder ablenken wollen. Ende des Jahres könnte die Wirtschaft schrumpfen, zu Beginn des Jahres 2012 wird sie vielleicht stagnieren. Ich würde das aber nicht als Rezession, sondern als Wachstumsdelle bezeichnen. Ich bin eher positiv überrascht von den jüngsten Wirtschaftsdaten.

Morgenpost Online: Ist nicht dennoch Deflation eine größere Gefahr als Inflation?

Stark: Der Globus schwimmt in Geld, weil die großen Zentralbanken ihn mit Liquidität geflutet haben. Das ist aufgrund der Schwächen des Finanzsystems auch gerechtfertigt. Daraus kann man aber keine Gefahren für die Preisstabilität ableiten. Die Risiken für eine Deflation sind deutlich geringer als in den Monaten nach dem Kollaps von Lehman Brothers.

Morgenpost Online: Es herrscht der Eindruck, als könne niemand, der die Tradition der Bundesbank hochhält, an der Spitze der EZB stehen.

Stark: Die EZB ist nicht die Bundesbank, sie ist verantwortlich für 17 Volkswirtschaften in Europa. Aber auch wenn es Unterschiede in der Arbeitsweise gibt, heißt das nicht, dass es in der Zielsetzung Differenzen gibt. Die EZB erfüllt ihr Mandat, für stabile Preise zu sorgen.

Morgenpost Online: Hand aufs Herz, Herr Stark. Ist es möglich, für 17 so unterschiedliche Länder eine Geldpolitik zu machen?

Stark: Ja – vorausgesetzt, diese Länder passen sich an.