Exportweltmeister

Ausland liebt deutsche Weihnachtsbäume

Deutschland ist einer der wichtigsten Exporteure von Tannenbäumen. In Russland oder Dubai sind sie das Statussymbol der Oberschicht.

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Für den Chef nur das Beste. Deshalb gönnt sich Meinolf Mütherich gönnt sich dieses Jahr eine Colorado-Tanne. „Wenn Sie die Nadel mit den Fingern zerreiben, duftet sie nach Zitrone. Ihre Farbe ist blau, die Nadel ist wunderbar weich“, schwärmt er, und mit Tannen kennt der Mann sich aus: Mütherich ist Eigentümer eines Gartenbaubetriebs aus dem Sauerland.

In dritter Generation zieht seine Familie auf rund 150 Hektar Land Weihnachtsbäume – vor allem die beliebten klassischen Nordmanntannen und Blaufichten. In den nächsten Jahren sollen bei Mütherichs auch Colorado-Tannen wachsen, deren Saatgut aus Amerika kommt.

Zehn bis zwölf Jahre wird es dauern, bis die Bäume dann geschlagen werden können – entweder von Meinolf Mütherich selbst oder von seinem Sohn Christian, der dann vielleicht schon den Betrieb leitet. Es muss halt nicht immer die klassische Nordmanntanne sein, die große Liebe der Deutschen bei der Wahl des Weihnachtsbaums.

Saatgut für den Anbau in Deutschland kommt lange schon aus fernen Ländern, da ist die Colorado-Tanne keine Ausnahme. Rumänien, Russland und die Türkei sind Großlieferanten für Saatpflanzen. Bei den ausgewachsenen Bäumen hingegen ist Deutschland nicht auf Import angewiesen – im Gegenteil. Nicht nur dass die Deutschen sich zu rund 90 Prozent mit Weihnachtsbäumen aus heimischer Produktion eindecken.

Eine halbe Million Bäume werden exportiert

Rund eine halbe Million Bäume werden auch regelmäßig zum Jahresende exportiert. Deutschland gehört neben den skandinavischen Ländern zu den wichtigsten Exporteuren von Tannenbäumen – und deren Wege verlaufen manchmal abenteuerlich.

„Holland oder Polen sind immer unter den Bestellerländern. Aber vorige Woche hatten wir sogar eine Bestellung aus Kaliningrad“, sagt Mütherich. Da hatte sein Lkw-Fahrer dann plötzlich eine Strecke von rund 5000 Kilometern vor sich. Selbst in Städte wie Dubai haben die Mütherichs schon ihre Weihnachtsbäume geliefert. „Ein Hotel wollte einmal eine übergroße 15 Meter hohe Tanne haben.

Der Weihnachtsbaum aus Deutschland gilt in dem muslimischen Wüstenemirat Dubai offensichtlich als Statussymbol“, sagte Mütherich, der in Nordrhein-Westfalen im Branchenverband die Weihnachtsbaumerzeuger vertritt. Solche Entfernungen überwindet die sensible Ware dann per Luftfracht und in eigens gefertigten Pappkartons. Ist genügend Zeit für den Transport, gehen die Tannen in einem Kühlcontainer auf einem Schiff auf Reisen.

Auch aus der Hauptstadt Armeniens kam schon mal ein Lkw im Sauerland vorgefahren. „Der Fahrer hatte einen Turban auf und wollte Bäume für Eriwan holen“, erzählt Mütherich. Der armenische Händler wollte deutsche Tannen an die Oberschicht seiner Heimatstadt verkaufen.

Zu den „normalen“ Exportländern zählt Mütherich Polen, Tschechien, Bulgarien oder auch Estland. Holland wiederum sei ein besonderer Markt: Hier werden die Bäume schon zum Nikolaustag aufgestellt, entsprechend früh gehen die Lieferungen über die Grenze Richtung Westen.

Ein Riesenmarkt ist das Exportgeschäft mit der Tanne zu Weihnachten trotzdem nicht: Nach Angaben des Bundesverbands der Weihnachtsbaum- und Schnittgrün-Erzeuger importiert Deutschland im Jahr bis zu vier Millionen Weihnachtsbäume, exportiert aber höchstens eine Million. Allerdings schwanken die Zahlen stark von Jahr zu Jahr. Die Ausfuhren betreffen zu mehr als 90 Prozent europäische Länder.

Der Trend geht zum "Zweitbaum"

Die wichtigste Nachfrage kommt mit weitem Abstand aus dem eigenen Land – und sie wächst stetig. Nach Angaben des Hauptverbands der Holzindustrie wurden im Jahr 2000 in Deutschland noch rund 24 Millionen Weihnachtsbäume verkauft. Im vergangenen Jahr waren es schon 29 Millionen, und in diesem Jahr wird diese Zahl wohl noch überschritten. Gründe sind zum einen die steigende Zahl von Singlehaushalten und zum anderen der Trend zum „Zweitbaum“.

Vor allem Hotels und Unternehmen stellten sich inzwischen oft gleich mehrere Bäume auf. Und die Kundschaft wird anspruchsvoller. Nächstes Jahr soll es deshalb erstmals eine große Fachmesse für Weihnachtstannen geben. Den gesamten Umsatz mit Weihnachtsbäumen schätzt die Branche auf 250 bis 300 Millionen Euro.

Damit Millionen von Bäumen überhaupt rechtzeitig bei den Kunden ankommen, ist eine aufwendige Logistik nötig. Monate im Voraus schließen Gartenbaubetriebe wie Mütherich Verträge mit meist mittelständischen Speditionen ab, um ausreichend Transportkapazitäten zu bekommen. Eigens für den Transport auf dem Lkw sind spezielle Behälter entwickelt worden, in denen die zwei Meter langen Tannen liegend gestapelt werden.

Eine Spezialmaschine packt die 2,20 Meter hohen Paletten mit 80 bis 120 Bäumen voll. Zehn, manchmal auch elf Paletten gehen auf einen Laster, der dann mit mindestens 1000 Weihnachtsbäumen vom Hof rollt. In Extremfällen passen schon mal 1500 Bäume in einen 40-Fuß-Container.

Die Preise werden in diesem Jahr nur leicht steigen, je nach Region um fünf bis zehn Prozent. Zwischen zwei Euro und fünf Euro pro Zwei-Meter-Baum kann das ausmachen. „Nur wenn wir einen extremen Sturm haben, so wie Kyrill vor vier Jahren, lässt das die Großhandelspreise außergewöhnlich ansteigen. Das ist aber dieses Jahr nicht der Fall“, sagte Jürgen Winkelmann, Hauptgeschäftsführer des Landesverbands Gartenbau Westfalen-Lippe.

Bäume sind 2011 besonders gut geraten

Am günstigsten sind Rotfichten, teurer sind Blaufichte und Nordmanntanne. Die Meter-Preise fangen bei sieben bis zwölf Euro an und enden bei 18 bis 25 Euro. Rund ein Drittel des Verkaufspreises bleibt beim Händler hängen.

Damit sich das Geschäft rentiert, haben die einzelnen Gartenbaubetriebe beachtliche Größen. So pflanzt Mütherich allein im Sauerland auf 80 Hektar Bäume an. Jeder dritte in Deutschland verkaufte Weihnachtsbaum stammt aus dieser Region.

Außerdem bewirtschaftet der Familienbetrieb weitere 75 Hektar Anbaufläche im Rheinland. Doch die Menge allein bringt nicht den wirtschaftlichen Erfolg. Galten Weihnachtsbäume früher eher als Nebenprodukt für die Forstwirtschaft, so sind sie heute ein Muss in Millionen Haushalten – und in so manchem sogar so etwas wie ein Statussymbol. „Früher wollten die Kunden Naturbäume, der Schnitte war nicht so wichtig. Heute müssen die Bäume gleichmäßiger und oft auch schmaler ausfallen“, sagt Mütherich. Daran richte sich die Arbeit an den Bäumen während des Jahres aus.

Auch deshalb ist es praktisch, dass die moderne Pflanzenzucht einheitliche Bäume hervorbringt – und in Sonderfällen wie diesem: Einmal habe eine Brauerei 2000 Weihnachtsbäume bei ihm bestellt, berichtet Mütherich. Weihnachten sollte auch bei ihren Getränkehändlern einziehen. An den Kassen fanden sich rasch geeignete Plätze: Da der Stamm der Tannen etwa sieben Zentimeter im Durchmesser dick war, passte er genau in eine Öffnung eines Bierkastens hinein. Eine perfekte Lösung.

Ob man nun seine Tanne im Bierkasten aufstellt oder doch lieber traditionell im genormten Ständer. In jedem Fall wird sie etwas fürs Auge: Der nasse Sommer 2011 hat dazu geführt, dass die Bäume dieses Jahr außergewöhnlich gut geraten sind. Sie leuchten in einem besonders kräftigen Grün.