Gold, Schmuck, Uhren

Mit Luxusgütern das Geld durch die Krise bringen

Trotz stark gestiegener Edelmetallpreise boomt das Schmuck-Geschäft. Es profitiert davon, dass Kunden die Sicherheit von Luxusgütern suchen.

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Jean-Claude Biver spricht in der Regel mit lauter Stimme. Ganz so, als wolle er dem, was er sagt, allein durch Lautstärke Nachdruck verleihen. Und so scheppert es fast in den Ohren, als der Chef des Schweizer Luxusuhrenherstellers Hublot von seinem Plan berichtet, im kommenden Jahr eine Uhr für fünf Millionen Schweizer Franken anzubieten. „Ich habe keine Angst, dass ich die nicht verkaufen werde“, ruft Biver. „Sonst würde ich das ja nicht machen.“

So viel Selbstbewusstsein erstaunt in Zeiten der weltweiten Schuldenkrise. Immerhin warnen Experten schon seit Wochen vor einer kräftigen Konjunkturdelle. Einigen Märkten drohe sogar eine neuerliche Rezession, prognostizieren Volkswirte. Der Markt für Schmuck und andere Luxusgüter allerdings scheint nicht betroffen. Zwar hat die Branche in Finanzkrise nach 2008 den Nimbus der Unverletzlichkeit verloren. Als Banker weltweit arbeitslos und Bonuszahlungen für Manager gekappt wurden, da spürte die Branche schon, dass auch sie verwundbar ist. Die Verkaufszahlen brachen zum ersten Mal seit vielen Jahren ein.

Doch das ist mittlerweile vergessen. Schon 2010 erreichte der Gesamtumsatz der internationalen Luxusgüterindustrie wieder ein historisches Hoch. Und 2011 soll es nochmals um acht Prozent auf dann 185 Milliarden Euro nach oben gehen, meldet die Beratungsgesellschaft Bain&Company in ihrer aktuellen Studie „Luxury Goods Worldwide Market 2011“.

Größte Wachstumstreiber sind aufstrebende Märkte wie China , Brasilien oder der Mittlere Osten. Darüber hinaus geht es aber auch in Amerika und Europa wieder bergauf für die Produzenten von teuren Uhren und Schmuck. Vor allem im aktuellen Weihnachtsgeschäft.

„Obwohl das Vorjahr schon gut war, konnten wir noch mal zulegen“, berichtet Kim-Eva Wempe, die Geschäftsführerin der gleichnamigen Juwelierkette mit im vergangenen Jahr knapp 300 Millionen Euro Umsatz. 26 Niederlassungen hat das Unternehmen aus Hamburg, das auch eigene Uhren- und Schmucklinien führt, derzeit weltweit. Und überall laufe das Geschäft gut, versichert Wempe. In den Metropolen würden ganze Busse mit Touristen aus Asien vor den Geschäften halten und einkaufen.

Daran ändern auch die aktuell hohen Preise für Gold, Silber, Platin und Diamanten nichts. Im Gegenteil. „Wenn der Goldpreis steigt, dann verkaufen wir tendenziell auch mehr Golduhren“, sagt Hublot-Chef Biver. Wie zur Bestätigung meldet nun der Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie, dass im November vor allem Golduhren sehr stark nachgefragt waren. Bei der Firma Hublot, die mittlerweile zum französischen Luxusgüterkonzern LVMH gehört, fällt das enorm ins Gewicht.

Die Uhren der Manufaktur sind groß und protzig. Jedes Jahr verarbeitet das Unternehmen eine Tonne Gold, um sie herzustellen, 2012 erstmals auch mit einem eigens patentierten kratzfesten Gold. Die kräftigen Preisaufschläge bei den Kosten für das Material – die Feinunze Gold kostet derzeit gut 1600 Dollar und damit über 200 Dollar mehr als zu Jahresbeginn – haben Industrie und Handel nahezu komplett weitergeben können.

Kunden- und Verkaufszahlen steigen

„Entgegen allen Erwartungen haben die Preiserhöhungen niemanden abgeschreckt oder gestört“, berichtet Joachim Dünkelmann, der Geschäftsführer des Bundesverbands der Juweliere, Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte (BVJ). Das bestätigt auch Kim-Eva Wempe, derzufolge die Umsatzzuwächse nicht allein preisgetrieben sind, sondern auch von einer gestiegenen Anzahl von Kunden und Verkäufen herrührt.

„Die Verbraucher suchen offenbar nach Sachwerten“, sagt die Unternehmerin. Besonders gefragt sind dabei teure Uhren mit anspruchsvoller Mechanik und Funktionen wie Chronographen. Im Schmuckbereich wiederum laufen vor allem hochwertige Einzelanfertigungen, oft mit Edelsteinen. Ein großer Teil davon stammt aus Deutschland. Mit 360 Unternehmen und knapp 6000 Mitarbeitern ist die Bundesrepublik nach Italien der zweitgrößte Schmuckproduzent in Europa. Unternehmen wie Wellendorff, Meissen oder Schoeffel gelten als Qualitätsmarken, heißt es beim Bundesverband Schmuck+Uhren.

„Günstige und Mittelpreisware dagegen kommt heute zunehmend aus Asien“, sagt Geschäftsführer Thilo Brückner, demzufolge die deutsche Schmuckindustrie im ersten Halbjahr zweistellig gewachsen ist. Ähnlich sieht es in anderen Herstellerländern aus. LVMH zum Beispiel, die weltweite Nummer eins der Luxusgüterbranche aus Frankreich, meldet für seine Uhren- und Schmucksparte mit den Marken Chaumet, Fred und De Beers fast eine Umsatzverdoppelung auf 1,21 Milliarden Euro in den ersten drei Quartalen.

Der Schweizer Konkurrent Richemont, zu dem Cartier und Van Cleef and Arpels gehören, verzeichnete im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2011/2012 ein Umsatzplus von 34 Prozent auf knapp 2,2 Milliarden Euro. Und Tiffany aus den USA konnte mit seinen Ergebnissen im dritten Quartal ebenfalls die Erwartungen übertreffen, der Nettogewinn stieg um zwei Drittel auf fast 90 Millionen Dollar. Konzernchef Michael Kowalski hob daraufhin die Aussichten für das laufende Geschäftsjahr an.

Entsprechend zufrieden sind analog auch die Schmuckverkäufer. Zum Beispiel in Deutschland. „Und wenn ein Händler so etwas sagt, dann läuft es wirklich gut“, sagt BVJ-Geschäftsführer Dünkelmann. Für das Gesamtjahr rechnet der Verband mit einem Umsatzplus in Deutschland von vier bis acht Prozent – auf dann knapp fünf Milliarden Euro zu Endverbraucherpreisen. Gut zwei Drittel davon entfallen auf Schmuckstücke, ein Drittel auf Uhren.

Branche ist von der Verbraucherstimmung abhängig

Der genaue Wert hängt noch vom Verlauf des Weihnachtsgeschäfts ab, das immerhin 30 Prozent des Umsatzes bei den Juwelieren ausmacht. Probleme durch eine abklingende Gesamtbinnenkonjunktur sieht er nicht. „Unsere Branche ist nicht anhängig von der Konjunktur, sondern von der Stimmung“, sagt Dünkelmann. Erst wenn die Verbraucherstimmung kippt, sei auch der Schmuckhandel betroffen.

Danach aber sieht es derzeit nicht aus. Die Marktforscher der GfK jedenfalls melden für den Dezember steigende Erwartungen an die wirtschaftliche Entwicklung . „Die Kauflust ist noch immer stark ausgeprägt“, sagt GfK-Experte Rolf Bürkl. Er rechnet mit einem anhaltenden Trend zu teuren Einkäufen: „Vor dem Hintergrund der verschärften Finanzkrise tendieren die Verbraucher dazu, eher werthaltige Anschaffungen zu tätigen als ihre finanziellen Mittel gegen historisch niedrige Zinsen auf die hohe Kante zu legen.“ Das deckt sich mit den Erfahrungen von Hublot in den vergangenen Monaten.

„Von der Krise in Europa haben wir bis jetzt nichts gespürt“, sagt Firmenchef Biver, dessen Unternehmen als Shootingstar und den Schweizer Uhrenherstellern gilt. Zum einen gehe es den Unternehmern nicht so schlecht wie den klammen Regierungen. Und zum anderen kämen genügend Touristen nach Europa. „Die kaufen das, was die Europäer liegen lassen“, sagt der gebürtige Luxemburger.

Und bislang gibt es keine Anzeichen dafür, dass sich die Lage im neuen Jahr ändern könnte. „Auf einen Einbruch der Nachfrage deutet nichts hin“, sagt Kim-Eva Wempe. Dennoch wollen manche Anbieter vorbeugen. Der französische Konzern Mauboussin etwa bietet seit Kurzem Ratenzahlungen ohne Aufschläge für seine edlen Stücke an – eine Geschäftspraxis, die sonst vor allem bei Elektronikkaufhäusern und populären Einzelhandelsketten zu finden ist. Ringe und Schmuckketten für bis zu 3000 Euro können nun in zwölf Raten abbezahlt werden.

Keramik oder Titan als Goldersatz

Andere Juweliere von der Place Vendôme, dem Platz in Paris, um den seit mehr als 100 Jahren alle vertreten sind, die in der Zunft einen Namen haben, sehen sich angesichts der hohen Goldpreise nach Alternativmaterial um. Sie arbeiten zum Beispiel mit Hightech-Keramik oder Titan, einem sehr leichten Material, das früher vor allem in der Luftfahrtindustrie und bei Prothesen Verwendung fand.

Denn selbst Edel-Juweliere müssen auch Produkte zu Preisen anbieten, die zumindest verhältnismäßig günstig sind. Chaumet etwa lanciert eine neue Version seines Liens-Rings aus schwarzer Keramik, Gold und Diamanten zum Preis von 980 Euro. In Weißgold kostet das Modell 2000 Euro mehr. Vorreiter für die Verwendung von Hightech-Keramik war die Uhrenindustrie.

Nach sieben Jahren Entwicklungszeit brachte Chanel im Jahr 2000 das Unisex-Modell J12 aus schwarzer Keramik auf den Markt. Inzwischen ist es einer der Bestseller des Hauses. Die Substitution findet dementsprechend Nachahmer. Cartier etwa bietet seine Trinity-Kollektion, für die drei unterschiedliche Materialien verwendet werden, in Platin, Weißgold und schwarzer Keramik an.

Hublot gehört zu den Vorreitern dabei, Uhren mit neuen Materialien herzustellen. Neuerdings arbeitet der Hersteller etwa auch mit Karbon, um die Uhren noch leichter zu machen – Biver zufolge ist das der neue Trend. Der Schweizer Uhrenproduzent nimmt das 20-jährige Verkaufsjubiläum des italienischen Sportwagenbauers Ferrari in China zum Anlass, 2012 bulligen Karbon-Chronographen in limitierter Auflage auf den Markt zu bringen. Zu kaufen nur in der Volksrepublik – bei den örtlichen Ferrari-Händlern.