Billigflieger

Easyjet will bei den Geschäftskunden landen

Die britische Billig-Airline kann künftig Flüge über Reisebüros verkaufen. Und hofft damit auf einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den großen der Branche.

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Es ist ein Angriff auf die Großen der Branche: Die Chefin der britischen Billigfluggesellschaft Easyjet, Carolyn McCall, will den Umsatz ihres Unternehmens mit Geschäftsreisenden deutlich steigern. Bisher stammen 18 Prozent der Einnahmen von Europas zweitgrößtem Billigfluganbieter aus Buchungen von Geschäftsreisenden, in den kommenden fünf Jahren soll sich dieser Anteil auf 20 bis 23 Prozent erhöhen.

„Aber es geht uns nicht um die Masse, unsere Flugzeuge sind ohnehin mit 88 Prozent Auslastung enorm voll. Wir wollen höhere Umsätze mit den Geschäftsreisenden machen“, sagte Managerin McCall der „Morgenpost Online“.

Der Grund für den Taktikwechsel: Auf dem Billigflugmarkt in Europa ist nicht mehr viel Platz, die Anbieter von günstigen Flügen haben den Markt nahezu ausgereizt. Auf keinem anderen Kontinent haben die seit dem Jahr 2000 sehr erfolgreichen Gesellschaften einen größeren Marktanteil erobert, aktuell beherrschen sie 33 Prozent des Luftverkehrs.

„Die großen Netzwerkgesellschaften verlieren im Europaverkehr immer mehr Marktanteile an die Low-Cost-Gesellschaften. Diese haben in Europa im Vergleich zu den anderen Kontinenten bereits den höchsten Marktanteil“, sagte Lufthansa-Chef Christoph Franz jüngst „Morgenpost Online“.

Billigflieger werden koopiert

Zwar haben sich die Konzernchefs der großen nationalen Netzgesellschaften die Strategien der Billigfluganbieter mittlerweile zum Vorbild genommen. In den Konzernen werden seit Jahren die Kosten so weit wie möglich gedrückt. Ganz auf das Niveau der Billig-Konkurrenz werden die Großen allerdings nie kommen, denn sie müssen bestimmte europäische Strecken auch mit einer geringen Auslastung fliegen. Der Grund: Die Geschäftsleute müssen mit den Zubringern zu den Drehkreuzen der Airlines gelangen, um dort in die Langestreckenflugzeuge nach Asien oder Amerika umsteigen zu können.

Also versuchen die Großen der Branche andere Tricks, um die Kosten zu drücken: Einige Netzwerk-Airlines wie die Lufthansa haben eigene Billigfluggesellschaften – in diesem Fall Germanwings – gegründet. Diese wiederum wird gerade enger mit der Muttergesellschaft verzahnt. Die Lufthansa-Manager versprechen sich davon, dass im ganzen Flugnetz des Konzerns die Kosten sinken – und auch preisbewusste Geschäftsreisende an das Unternehmen Lufthansa gebunden werden.

Genau in diesem Bereich greifen aber die Billigfluggesellschaften an, allen voran Easyjet. Preisbewusste Geschäftskunden zu einem Flug mit der Billig-Airline zu überzeugen ist nämlich lohnender, als immer neue Strecken zu eröffnen und sich dann gegenseitig beim Preis zu unterbieten oder im Winter einen Teil der teuren Flugzeugflotte still zu legen.

Easyjet geht auch über Reisebüros

Um ihr Ziel zu errechen, verlässt sich die Easyjet-Chefin nicht mehr länger nur auf Online-Kunden, sondern testet auch den Weg über die Reisebüros. Easyjet habe gerade „einen sehr viel versprechenden Vertrag mit Europas größtem Reservierungssystem Amadeus abgeschlossen“, sagte McCall. Das System ist nicht für Privatkunden offen, sondern wird von Reisebüros und Geschäftskunden genutzt.

Easyjet will dort vor allem „flexible Tarife“ anbieten, die nicht auf der Website buchbar sind und die auch noch kurz vor Abflug unter bestimmten Bedingungen kostenlos umgebucht werden können. Diese Tarife sind etwa doppelt so teuer wie der normale Easyjet-Flugpreis. „Wenn das Geschäft mit Amadeus in den kommenden Monaten anläuft, wird sich zeigen, wie gut unser neuer Tarif bei Geschäftsreisenden ankommt. Ich bin sehr optimistisch.“

Auswirkungen der Euro-Krise sind im Geschäft der Billigfluggesellschaften laut McCall derzeit noch nicht auszumachen. „Die Leute scheinen sich ihren Sommerurlaub von den Ereignissen in Brüssel nicht vermiesen lassen zu wollen“, sagte sie. „Aber das kann sich natürlich täglich ändern.“

Mehr Sorgen macht sich die Airline-Chefin um die Entwicklung des Ölpreises: Weiter steigende Ölpreise würden zu drastischen Veränderungen auf dem Luftfahrtmarkt führen. Einige Fluglinien könnten im Moment gar keine Sicherungsgeschäfte mehr für ihren Bedarf an Kerosin und Devisen eingehen, da den Banken das Kreditrisiko zu groß sei.

Gegen Ölpreissteigerungen vorgesorgt

Easyjet fühlt sich dagegen gut gewappnet. „Wir haben unserer Kapazitäten nicht verringert wegen des Ölpreises, viele unserer Wettbewerber dagegen schon.“ Easyjet hat seinen Kerosinbedarf für die kommenden Monate zu 80 Prozent gegen steigende Ölpreise abgesichert. Bis September 2012 sind es bereits 73 Prozent. „Allerdings werden unserer Kerosinkosten höher sein als im abgelaufenen Jahr“, sagte McCall.

Dazu kommt in Deutschland noch die Luftverkehrsabgabe, über 900 Millionen Euro wird der Bundesfinanzminister in diesem Jahr daraus einnehmen. Wegen des starken Wettbewerbs hat es zum Beispiel Air Berlin nicht geschafft, die Abgabe über höhere Preise an die Kunden weiterzugeben und hat darum Verluste eingefahren. Denn Kunden meiden die Abgabe, wo es geht. So fliegen zum Beispiel Fluggäste, die in Grenzgebieten zu europäischen Nachbarn leben, von Maastricht, Zürich oder Wien ab, um die Abgabe einzusparen.

Auf den verschärften Preisdruck haben die Billigfluggesellschaften mit der Einstellung oder Ausdünnung von Strecken reagiert. So haben die 19 in Deutschland aktiven Billigfluggesellschaften im Juli dieses Jahres nur noch 4800 Flüge pro Woche angeboten, im Jahr zuvor war es laut „Low Cost Monitor“ vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt noch rund 600 Flüge mehr. Das ist ein Rückgang von mehr als elf Prozent.

Auch das Geschäft mit den günstigen Flügen wird dabei von wenigen großen Anbietern dominiert: Sechs Billigfluggesellschaften teilen sich derzeit 95 Prozent des deutschen Marktes auf. Allein auf Air Berlin entfallen rund 49 Prozent aller Flüge. Es folgen Germanwings mit 20 Prozent und Ryanair mit zwölf Prozent. Easyjet konnte seinen Anteil auf acht Prozent erhöhen. Vor allem die Strecken nach Osteuropa und Griechenland wurden ausgebaut. Der direkte Wettbewerb hat dagegen abgenommen. Auf nur 23 Prozent der 635 Strecken konkurrieren zwei Anbieter, es gibt keine Strecke mit mehr als zwei Anbietern.

Im ersten Halbjahr 2011 nutzten auf 26 internationalen und regionalen Verkehrsflughäfen Europas mehr als 30 Millionen Passagiere die Angebote von Billigfluggesellschaften. Damit liegt der Marktanteil auf diesen Verkehrsflughäfen von 33 Prozent im Vergleich zu 35 Prozent im vergangenen Jahr.