Easyjet-Chefin

"Ich habe Orange schon immer sehr gemocht"

Carolyn McCall hat die Fluglinie entgegen allen Erwartungen zurück auf Kurs gebracht. Nun will sie Geschäftsreisende für die orangenen Flieger gewinnen.

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Als Carolyn McCall im Sommer 2010 ihren Job antrat, war die Branche skeptisch. Kann jemand, der bislang an der Spitze des Guardian-Verlags Zeitungen verkauft hatte, eine Fluglinie leiten? Und dann noch eine Frau?

Anderthalb Jahre später hat die 50-Jährige bewiesen: Sie kann. Während Wettbewerber mit einbrechenden Gewinnen oder gar Verlusten kämpfen, steigerte McCall den Profit um 86 Prozent. Glamour kann sie dafür nicht erwarten. Zu ihrem ersten Interview mit einer deutschen Zeitung empfängt sie die „Morgenpost Online“ in der Easyjet-Zentrale: einem knallorangen Hangar am Flughafen London-Luton.

McCall taucht auf die Minute pünktlich auf und führt fröhlich plaudernd durch das Großraumbüro. Ihr Schreibtisch steht in der hintersten Ecke, schlichte Holzplatte, keine Extras. „Wir gehen in den Konferenzraum Geneva“, sagt sie. Geneva entpuppt sich als Zehn-Quadratmeter-Raum mit kahlen Wänden. Durch das einzige Fenster kann man in die Wartungshalle schauen. So geht also Billigfluglinie .

Morgenpost Online : Mrs McCall, wir haben Ihren Schreibtisch gesehen – die meisten Sekretärinnen würden vermutlich nicht mit Ihrem Arbeitsplatz tauschen wollen. Wie oft wünschen Sie sich Ihr früheres Vorstandsbüro beim Guardian zurück?

Carolyn McCall : (lacht) Ganz ehrlich, nie. Ich hatte ein wunderschönes Büro in meiner alten Firma, aber ich habe es fast nur für Besprechungen genutzt. Als Vorstandschefin ist man doch meistens ohnehin auf Reisen. Wenn ich hier im Easyjet-Hangar bin, laufe ich ständig durch die Gegend, sitze in Konferenzen oder besuche die einzelnen Abteilungen. Ein leer stehendes Vorstandsbüro halte ich für Verschwendung. Ich mag flache Strukturen und fand Großraumbüros schon immer praktischer.

Morgenpost Online : Menschen sind doch wohl erwiesenermaßen produktiver, wenn sie in einer angenehmen Umgebung arbeiten. Wie finden es Ihre Mitarbeiter, in einem zugigen Containerbau neben der Landebahn zu sitzen?

McCall : Ich wette mit Ihnen, Sie werden keinen Mitarbeiter finden, der sich darüber beschwert. Wir haben mittlerweile eine sehr stabile Mannschaft und nie Probleme, gute Leute zu finden. Wer hier anfängt, weiß, dass wir eine Billigfluglinie sind, die so erfolgreich ist, weil wir so konsequent Kosten sparen.

Morgenpost Online : Muss man ein sparsamer Typ sein, um bei Easyjet zu arbeiten?

McCall : Oh, nein! Uns ist egal, was unsere Leute privat mit ihrem Geld anstellen. Solange es nichts Unmoralisches ist.

Morgenpost Online : Was war der letzte Luxus, den Sie sich gegönnt haben?

McCall : Mein Winterurlaub: Ich fliege mit meiner fünfköpfigen Familie nach Asien – der erste große Urlaub, seit meine Zwillinge vor acht Jahren geboren wurden. Das ist ganz schön teuer, aber ich freue mich sehr darauf. Ich bin in Indien und Singapur aufgewachsen. Es wird Zeit, dass meine Kinder diesen Teil der Erde sehen. Generell bin ich aber niemand, der das Geld mit vollen Händen ausgibt.

Morgenpost Online : Sie hatten in diesem Jahr einen prominenten Fluggast, der auch gern Sparsamkeit demonstriert: Premierminister David Cameron.

McCall : Dazu möchte ich nichts sagen.

Morgenpost Online : Es stand in allen Zeitungen.

McCall : Mag sein, wir haben viele bekannte Passagiere – Royals, Politiker, Schauspieler –, aber wir sprechen nicht darüber.

Morgenpost Online : Sie verraten nicht, ob Angela Merkel schon mal Easyjet geflogen ist?

McCall : (Lacht) Das werden Sie nie erfahren, jedenfalls nicht von mir.

Morgenpost Online : Für Ihr Image wäre es aber nicht schlecht. Sie haben vor, Easyjet in eine höherklassige Marke umzuwandeln. Wie wollen Sie das anstellen?

McCall : In Großbritannien haben wir dieses Image schon und setzen uns deutlich von unserem Wettbewerber Ryanair ab. Bei uns ist nicht nur alles billig, billig, billig. Wir kümmern uns gut um unsere Kunden und wollen auf Routen zu den großen Flughäfen die Günstigsten sein. In wettbewerbsintensiven Märkten wie Deutschland müssen wir unser Image aber noch schärfen. Unsere Marktforschung beweist aber: Wer in Deutschland einmal Easyjet ausprobiert hat, der kommt auch wieder. Das gilt sowohl für Privat- als auch für Geschäftskunden.

Morgenpost Online : Sie wollen den Anteil der Geschäftskunden erhöhen. Abgesehen vom Preis, was haben Sie anspruchsvollen Geschäftsreisenden noch zu bieten?

McCall : Wir haben im November 2010 erstmals flexible Tarife eingeführt, mit denen Kunden ihre Flüge bis zwei Stunden vor Abflug kostenlos umbuchen können. Dieser Tarif kostet etwa das Doppelte unserer normalen Flugpreise, und damit sind wir noch sehr weit entfernt von flexiblen Tarifen der großen Linienflieger.

Morgenpost Online : Haben Ihre Geschäftskunden das Angebot angenommen?

McCall : Es ist noch zu früh, das zu sagen. Sie wissen sicher, dass die meisten Geschäftsleute nicht auf unserer Website buchen würden, sondern Reservierungssysteme nutzen. Deswegen haben wir gerade einen sehr vielversprechenden Vertrag mit Europas größtem Reservierungssystem Amadeus abgeschlossen. Wenn das Geschäft mit Amadeus in den kommenden Monaten anläuft, wird sich zeigen, wie gut unser neuer Tarif bei Geschäftsreisenden ankommt. Ich bin sehr optimistisch.

Morgenpost Online : Derzeit verkauft Easyjet rund 18 Prozent der Tickets an Geschäftsreisende. Welchen Anteil streben Sie an?

McCall : Wir wollen den Anteil in den kommenden fünf Jahren auf 20 bis 23 Prozent steigern. Aber es geht uns nicht um die Masse, unsere Flugzeuge sind ohnehin mit 88 Prozent Auslastung enorm voll. Viele große Netzwerkgesellschaften schaffen gerade mal 55 bis 65 Prozent. Wir wollen höhere Umsätze mit den Geschäftsreisenden machen.

Morgenpost Online : Ein großer Risikofaktor für Fluglinien ist der Ölpreis. Wie haben Sie sich gegen steigende Preise geschützt?

McCall : Wir haben unseren Kerosinbedarf für die kommenden Monate zu 80 Prozent gegen steigende Ölpreise abgesichert. Bis September 2012 sind es bereits 73 Prozent, wir können also ganz gut planen. Allerdings werden unsere Kerosinkosten höher sein als im abgelaufenen Jahr.

Morgenpost Online : Müssen sich Flugpassagiere also 2012 auf höhere Preise einstellen?

McCall : Sagen wir es so: Weiter steigende Ölpreise würden zu drastischen Veränderungen auf dem Luftfahrtmarkt führen. In der Regel gilt: Die starken Anbieter werden durch höhere Ölpreise noch stärker, die schwachen schwächer. Einige Fluglinien können im Moment gar keine Sicherungsgeschäfte eingehen, da den Banken das Kreditrisiko zu groß ist. Wir haben unserer Kapazitäten nicht verringert wegen der Ölpreise, viele unserer Wettbewerber dagegen schon. Und das ist erst der Anfang. Weniger Angebot bedeutet natürlich in der Regel steigende Preise.

Morgenpost Online : Deutschland hat in diesem Jahr eine Flugsteuer eingeführt. Wie sehr trifft die Steuer Ihren Gewinn?

McCall : Wir sind natürlich nicht so sehr betroffen wie Air Berlin oder Lufthansa. Aber da wir zum Beispiel eine starke Basis in Berlin haben, leiden wir natürlich auch unter der deutschen Steuer. Auf so einem wettbewerbsintensiven Markt wie Berlin können wir die Steuer auch nicht komplett an die Passagiere weitergeben.

Morgenpost Online : Der neuen Flughafen Berlin Brandenburg International soll im Juni eröffnen. Viele Fluglinien wollen dort stark wachsen. Sie auch?

McCall : Wir brauchen keinen neuen Flughafen, um die Wichtigkeit von Berlin zu erkennen. Allein im vergangenen Jahr sind wir dort bei den Passagierzahlen um 16 Prozent gewachsen. Aber natürlich ist BBI eine große Chance, Passagiere für uns zu gewinnen, die zum Beispiel bislang nur ab Berlin-Tegel geflogen sind. Wir denken, dass wir im kommenden Jahr weitere vier Prozent in der deutschen Hauptstadt wachsen können.

Morgenpost Online : Andere Anbieter wie Lufthansa werden Sie attackieren.

McCall : Natürlich, aber das schreckt uns nicht. Wir haben unseren Marktanteil in den vergangenen 15 Jahren von null auf acht Prozent in Europa gesteigert. Wir sind Wettbewerb gewöhnt.

Morgenpost Online : Spüren Sie bei Ihren Buchungen für den kommenden Sommer die Turbulenzen in der Euro-Zone?

McCall : Bislang nicht. Die Leute scheinen sich ihren Sommerurlaub von den Ereignissen in Brüssel nicht vermiesen lassen zu wollen. Aber das kann sich natürlich täglich ändern. Wobei es da übrigens einen Unterschied zwischen den britischen und den deutschen Kunden gibt. Den Briten ist es offenbar komplett egal, was in der Welt vor sich geht. Selbst bei den Unruhen in Nordafrika in diesem Jahr sind sie weiter nach Ägypten geflogen. Das mag an dem miesen Wetter in England liegen (lacht).

Morgenpost Online : Sie haben mit Ihrem Mann drei Kinder. Was haben die dazu gesagt, als Mama Easyjet-Chefin wurde?

McCall : Ach, die interessieren sich mehr für Fußball als für meinen Job (lacht).

Morgenpost Online : Aber es wird die drei und Ihren Mann doch interessieren, dass Sie selten zu Hause sind.

McCall : Das ist alles eine Frage der Organisation. Wir haben ein Kindermädchen und ein Ersatzkindermädchen. Ich versuche, bei den wirklich wichtigen Terminen dabei zu sein. Aber ich halte dieses Thema für überbewertet. Einen Mann würden Sie so was nie fragen.

Morgenpost Online : Mag sein, aber Sie sind in Europa die erste und einzige Chefin einer börsennotierten Fluglinie.

McCall : Ehrlich? Darüber habe ich noch nie nachgedacht. In meinem alten Job habe ich auch extrem hart gearbeitet. Aber da war die Arbeit vorhersehbarer. Bei einer Fluglinie können zum Beispiel Schnee, Vulkanausbrüche oder Streiks Ihr Geschäft im Nullkommanichts ins totale Chaos stürzen. Für solche Extremsituationen habe ich neue Ablaufpläne eingeführt, bei denen das Management auch an Wochenenden und Feiertagen ständig konferiert. Insofern bin ich selber schuld, dass meine Freizeit darunter leidet. Aber das war bitter nötig.

Morgenpost Online : Als Sie Ihren Job im Sommer 2010 antraten, wurde Easyjet mit schlechter Presse überschüttet. In Gatwick hatte Easyjet sogar eine schlechtere Pünktlichkeitsrate als Air Zimbabwe.

McCall : Ich weiß, Ihre Zeitung hat auch ganz schön auf uns eingeprügelt. Aber wir haben das Problem in den Griff bekommen. 2010 hatten wir eine Pünktlichkeitsrate von 66 Prozent, in diesem Jahr erreichen wir 87 Prozent. Ich werde alles daransetzen, dass das so bleibt. Als Vielfliegerin kann ich nachvollziehen, wie frustrierend es ist, sich am Flughafen die Beine in den Bauch zu stehen.

Morgenpost Online : Die Pünktlichkeit ist gestiegen, Ihre Gewinne auch, nur ein Problem haben Sie noch nicht gelöst: Easyjet-Gründer und Minderheitsaktionär Stelios Haji-Ioannou stänkert unermüdlich gegen den Vorstand. Wie geschäftsschädigend ist das?

McCall : Nicht sehr, wie Sie an unseren Geschäftsergebnissen sehen. Mein Managementteam konzentriert sich im Sinne der Aktionäre auf das Geschäft.

Morgenpost Online : Würden Sie Easyjet umbenennen, um Haji-Ioannou loszuwerden?

McCall : Nein, wir haben einen Markenvertrag über 50 Jahre, der uns schützt. Easyjet ist eine tolle Marke mit einer sehr prägnanten Signalfarbe.

Morgenpost Online : Können Sie dieses Orange eigentlich noch sehen?

McCall : (Lacht) Auch wenn Sie mir das jetzt vielleicht nicht glauben, aber ich habe Orange schon immer sehr gemocht. Vor fünf Jahren habe ich mir in den USA eine orange Sommerjacke gekauft, die ich sehr liebe. Seit ich bei Easyjet arbeite, traue ich mich nicht mehr, sie anzuziehen. Das ist vermutlich der einzige Nachteil an meinem neuen Job.