Banken scheuen Risiko

EZB-Chef Draghi warnt vor Kreditklemme in Europa

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Mario Draghi, Präsident der europäischen Zentralbank, fürchtet um die Finanzierung der Unternehmen und Haushalte. In ganz Europa gibt es Finanzierungsprobleme.

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, warnt vor den Folgen einer Kreditklemme. Er fürchte um die Finanzierung der Unternehmen und Haushalte. Weil die Banken Risiken scheuten, sehe er eine geringere Bereitschaft zum Geldverleih an die reale Wirtschaft, sagte Draghi in Berlin. Sollte sich dieser Trend zu einer Kreditklemme auswachsen, könnte Europa aus seiner Sicht schweren Schaden nehmen.

Draghi bezog sich damit auf die wachsenden Sorgen auch deutscher Unternehmen, die über Probleme mit den Banken klagen. Sie brauchen Geld von den Instituten, um kurzfristige Anschaffungen und Produktionsmittel vorzufinanzieren, treffen aber auf immer knausrigere Banken.

In anderen Ländern der 17 Mitglieder umfassenden Eurozone ist das Problem anscheinend noch stärker zu spüren. Analysten von Union Investment sprechen von einer Kreditklemme, die sich in Teilen Europas bereits eingenistet habe.

Banken zögern bei Krediten

Draghi, der in Berlin im Gedenken an den CDU-Wirtschaftspolitiker Ludwig Erhard eine Rede hielt, warnte, dass eine Kreditklemme in Europa viel schlimmere Auswirkungen haben könne als beispielsweise in den Vereinigten Staaten. Grund dafür sei, dass die Banken in Europas Wirtschaft viel stärker verankert seien. In den USA hingegen haben auch Mittelständler leicht Zugang zum offenen Kapitalmarkt. Damit können sie sich direkt Geld von Investoren leihen und das Bankwesen damit umgehen. Das ist in der Eurozone so nicht möglich.

Für die Geldpolitik der EZB habe das einschneidende Wirkung, sagte Draghi. Sie versucht durch den Leitzins, über den sie einmal im Monat im Frankfurter Eurotower entscheidet, die Wirtschaft zu steuern. In der vergangenen Woche hatte die Notenbank den Leitzins zum zweiten Mal seit Draghis Amtsantritt im November auf nun 1,00 Prozent gesenkt.

Doch nach Ansicht Draghis zeigen diese Entscheidungen nicht mehr die gleiche Wirkung wie früher. Der Weg zur Steuerung der Wirtschaft über die Banken „ist gegenwärtig behindert, so dass die Auswirkung der Zinssenkung geschwächt wird“, sagte er.

Vor diesem Hintergrund verteidigte Draghi die außergewöhnlich bankenfreundlichen Maßnahmen, die die EZB in der vergangenen Woche beschlossen hatte. Unter anderem will die EZB den 6000 bei ihr registrierten Instituten erstmals dreijährige Kredite anbieten - also Milliardenkredite zu einem Prozent auf drei Jahre festschreiben. „Das Ziel ist es, Haushalte und Firmen, besonders die kleinen und mittelständigen, so gut es geht wieder mit Kredit zu versorgen“, sagte Draghi.

Inflation geht zurück

Trotz der derzeit erhöhten Inflationsrate in der Euro-Zone erwartet Draghi schon bald Entspannung an der Preisfront. Zwar bewege sich die Jahresteuerung derzeit um die Drei-Prozent-Marke, sagte der EZB-Chef. Dies sei jedoch hauptsächlich auf Einmaleffekte wie den Ölpreis oder erhöhte Rohstoffkosten zurückzuführen. Bereits Ende 2012 werde die Inflationsrate voraussichtlich auf zwei Prozent zurückgehen und sich damit wieder der EZB-Zielmarke von knapp unter zwei Prozent annähern. „Und im Jahr 2013 und danach wird sie unter zwei Prozent bleiben“, sagte Draghi.