"Gilt"

Designermode per Mausklick zum Schnäppchenpreis

Die New Yorker Internetseite Gilt verkauft teure Kreationen zum Schnäppchenpreis. Die Firma soll inzwischen eine Milliarde Dollar wert sein.

Foto: PR/Gilt

Schnäppchen jagen ist für New Yorker mehr als nur ein gelegentliches Hobby. Viele Bewohner der Metropole an der Ostküste der USA haben seit Jahren kein Kleidungsstück mehr zum regulären Ladenpreis gekauft. Das liegt zu einem an den Abverkäufen, die hier häufiger wiederkehren als die nächste Jahreszeit. Es gibt spezielle Aktionen zum Muttertag, zum Schulbeginn, zu Erntedank oder zur Halbzeit des Herbstes. Wer ein paar Wochen wartet, bekommt das erspähte Kleidungsstück meist deutlich billiger.

Doch es gibt noch einen anderen Grund. New York ist berühmt für seine Sample Sales, bei denen Designer ihre Lager für die kommende Saison leer räumen. Auf diese Weise werden sie ihre überschüssige Ware los. Sample Sales sind zeitlich begrenzt und dauern meist nur zwei bis drei Tage. Als Laden dient ein vorübergehend angemietet Raum, der in der Regel den Charme einer Lagerhalle besitzt. Pullis liegen in Kisten am Boden, Kleider werden auf Ständer gezwängt, Umkleidekabinen gibt es nicht. In einem Eck stehen ein paar Spiegel, vor denen sich die Kunden an- und ausziehen. Nur mit Glück ist dieser Bereich mit einem Vorhang abgetrennt.

Kein Wunder, dass in ausgerechnet in dieser Stadt die Shoppingwebsite Gilt gegründet wurde . Denn sie nimmt den Kunden diese nicht sehr erfreuliche Prozedur ab, und macht die Sample Sales über das Internet auch Kunden in Arizona und Kentucky zugänglich. Anfang November wagte Gilt den nächsten großen Schritt und weitete sein Angebot auf mehr as 90 Länder aus.

Highnoon im Büro

Die Website ist so etwas wie die Resterampe der Top-Designer und eine der erfolgreichsten Startup-Ideen der vergangenen Jahre. Jeden Tag um zwölf Uhr Mittag New Yorker Ortszeit verschickt Gilt eine E-Mail mit den neuesten Angeboten an seine Mitglieder. Die nutzen ihre Mittagspause offenbar gern zum Shoppen: Die Hälfte der neuen Ware wird in der ersten Stunde verkauft. Angeblich wird die Seite in der Zeit 100.000 mal angeklickt. Das ist so, als würden alle Einwohner von Cottbus oder Erfurt gleichzeitig in ein Kaufhaus drängen.

2007 wurde das Unternehmen gegründet. Nur zwei Jahre später lag der Umsatz nach eigenen Angaben bei 170 Millionen Dollar. Der Betrag dürfte heute um ein vielfaches höher sein. Da Gilt in Privathand ist, muss es die Firma keine Finanzinformationen bekannt geben.

Einen Hinweis auf die Lage der Fima gibt die jüngste Eroberung der Internet-Gründer: Vor wenigen Wochen hat sich Gilt für fünf Millionen Dollar den Konkurrenten BuyWithMe einverleibt. Bezahlt hat das Unternehmen sowohl in bar als auch in Aktienanteilen. Bei einem Börsengang würde Gilt jüngsten Schätzungen zufolge auf einen Marktwert von einer Milliarde Dollar kommen. Für fast dieselbe Summe wurde 2007 das New Yorker Edelkaufhaus Barneys an eine Investmentfirma aus Dubai verkauft. Allerdings gibt es Barneys schon seit 1923.

Gilt hat seine rasante Entwicklung in einer Zeit vorgenommen, in der Amerika die schwerste Wirtschaftskrise seit der Großen Depression durchlebt. Das Unternehmen entstand im Jahr vor der Pleite von Lehman Brothers. Die Blase am Häusermarkt war damals gerade geplatzt. Bis heute hat sich das Land nicht von der darauf einsetzenden Rezession erholt. Das kann es auch nur, wenn die Amerikaner wieder in Kauflaune geraten, denn die US-Wirtschaft hängt anders als Deutschland zu zwei Dritteln vom Konsum ab. Geschichten wie die von Gilt stehen für einen grundsätzlichen Widerspruch: Während Amerikaner bei Altagsgütern sparen, läuft das Geschäft mit Luxusartikel bereits wieder flott.

Insgesamt stieg der Konsum in den USA im Sommer um 2,4 Prozent. Doch diese Einkäufe haben die Amerikaner vor allem mit ihren Ersparnissen finanziert. Für das kommende Jahr sind die Aussichten nicht besser. Während der Einzelhandel insgesamt mit gleich bleibenden oder allenfalls leicht steigenden Umsätzen rechnet, wird in Luxusgeschäften das Geld ausgegeben als hätte es eine Krise nie gegeben. Beim Juwelier Tiffany stiegen die Verkäufe im vergangenen Quartal um ein Drittel im Vergleich zum Vorjahr. Im Kaufhaus Nordstrom verbesserten sie sich um acht Prozent. Porsche verdiente in Nordamerika im September neun Prozent mehr mit seinen teuren Sportwagen.

Profiteur des Luxusbooms

In diesem Umfeld bewegt sich auch Gilt. Mehr als 6000 Marken hat die Seite mittlerweile im Angebot. Zu Ihnen gehören unter anderem Alexander McQueen, Valentino und Diane von Fürstenberg. Sie sind auf der Website um bis zu 60 Prozent reduziert, so dass etwa ein Kleid von Emilio Pucci nur noch 399 statt 830 Dollar kostet. Die Angebote gibt es immer nur für eine begrenzte Zeit, was den Kaufreiz offenbar deutlich erhöht. Meist werden die Stücke nach 36 Stunden gegen die eines anderen Designers ausgetauscht. In mehr als 90 Ländern können sich Kunden auf der Website durch verschiedene Designermodelle klicken und liefern lassen. Ist ein Teil ausverkauft, öffnet sich eine Warteliste.

Zu den wichtigsten Köpfen bei Gilt gehören die Gründer Kevin Ryan, Alexis Maybank und Alexandra Wilkis Wilson. Sie alle hatten vor Gilt bereit Erfahrungen im Internetgeschäft oder im Handel gesammelt. Alexis Maybank war in den ersten Jahren daran beteiligt, die Online-Autkionsplattform Ebay aufzubauen.

Alexandra Wilkis Wilson arbeitete in verschiedenen Managementpositionen unter anderem für die Luxusmarken Louis Vuitton und Bulgari. Bei Gilt kümmert sich Maybank um das Marketing während Wilkis Wilson für den Verkauf zuständig. Chef ist der Mitgründer Kevin Ryan. Er wiederum hatte bereits mehrere Internetunternehmen mit aufgebaut. Dazu gehören die Nachrichtenwebsite Business Insider und das Online-Werbeunternehmen DoubleClick, das 2007 für drei Milliarden Dollar vom Internetriesen Google gekauft wurde.

Harte Konkurrenz

In den vergangenen Jahren hat Gilt sein Angebot schrittweise ausgeweitet. Das Unternehmen bietet inzwischen Kleidung für Frauen, Männer und Kinder an. Zudem gibt es Dekoartikel für die Wohnung und Angebote für Reisen und Hotels. An der Stelle wird spannend, wie weit sich Gilt von seinem ursprünglichen Modell entfernen wird. Zumal die Konkurrenz stark ist. In Europa zählen dazu vor allem Brands4friends , Vente Privee und BuyVip . Da die Kunden über das Internet von überall aus Zugang haben, gibt es auch keine regionalen Bindungen. Mode selbst kennt ohnehin keine Grenzen. Was heute in Berlin oder New York getragen wird, kann man zeitgleich durch Modeblogs auch auf der anderen Seite der Welt begutachten.

Das Angebot auf andere Bereiche auszuweiten, kann daher eine notwendige Voraussetzung sein, um weiter zu wachsen. Genau so gut kann sich Gilt damit am Ende übernehmen und sein spezifisches Merkmal verlieren. So ist das Unternehmen mit Gilt City nahe an die Rabatt-Webiste Groupon herangerückt. Bei Groupon werden Rabatte für Yogastunden, Pizza oder Drinks angeboten. Einzige Voraussetzung ist, dass sich eine bestimmte Zahl von Kunden für den „Deal“ interessiert. Dann kann der Preis zwischen 50 und 90 Prozent niedriger ausfallen. Auch bei Gilt City kann man beispielsweise eine Spa-Behandlung zum halben Preis bekommen.

Ob dieser Schritt in die richtige Richtung geht, ist schwer zu sagen. Gilt-Chef Kevin Ryan hat zuletzt angedeutet, dass er sich im kommenden Jahr einen Börsengang vorstellen könnte. Das Vorbild Groupon dürfte ihn darin noch bestärken. Bei seinem Börsengang Anfang November kam der Konkurrent auf einen Unternehmenswert von knapp 13 Milliarden Dollar.

Dabei macht das Unternehmen noch nicht einmal Gewinn. Der Aufbau des Kundennetzes ist so kostspielig, dass bei einem Umsatz von 1,5 Milliarden Dollar in der ersten Jahreshälfte ein Verlust von 255 Millionen Dollar herauskam. Doch darüber sehen die Investoren derzeit wie schon zur Jahrtausendwende gnädig hinweg.