Treibhausgas

Beim Klimaschutz sind Firmen der Politik voraus

Die Klimadebatte ist ideologisch überfrachtet, sagt Umweltaktivist Peter Seligmann. Vor allem die Politik blockiert effektive Maßnahmen.

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Peter Seligmann nimmt als Vertreter der großen US-amerikanischen Umweltorganisation „Conservation International“ am Klimagipfel in Durban teil. Ulli Kulke sprach mit ihm über die Unterschiede der Umweltbewegung zwischen den USA und Deutschland.

Morgenpost Online: Was wird am Ende des Klimagipfels in Durban erreicht sein?

Peter Seligmann: Es wird kein neues Abkommen mit verbindlichen Zielen zur CO 2 -Minderung geben. Dennoch sehe ich einen gewissen Fortschritt. Wir werden beim Schutz der Wälder und beim Artenschutz klarer sehen, was zu schaffen ist. Und es wird klarer werden, welche Anpassungen an den Klimawandel nötig und möglich sind. Sowieso sollten wir uns jetzt verstärkt auf Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel konzentrieren. Hier sind größere Fortschritte zu erzielen als bei seiner ungewissen Verhinderung.

Morgenpost Online: Stehen Aufwand und Ertrag solcher riesigen Konferenzen noch in einem vernünftigen Verhältnis?

Seligmann: Der UN-Prozess ist langsam und mühsam. Aber er ist notwendig, um den Druck aufrechtzuerhalten. Und es sind auch wichtige Gespräche, die auf solchen Konferenzen laufen.

Morgenpost Online: In Ihrer Heimat, den USA, ist die Bereitschaft für ein verbindliches Klimaabkommen besonders gering.

Seligmann: Das stimmt. Zu verbindlichen Minderungszielen wird die US-Regierung auf keinen Fall bereit sein. Anders sieht es allerdings aus für Initiativen zum Erhalt der Umwelt, der Regenwälder, für den Artenschutz, für sauberes Wasser, Nahrungssicherheit, auch die Gesundheit.

Dafür fließen Gelder. Wir sollten unsere Forderungen deshalb in diese Richtung treiben, letztlich dient dies ja derselben Sache. Die Klimadebatte ist zu sehr ideologisch überfrachtet , beim Wort Klimaschutz fallen schnell die Klappen, da ist man auch allzu schnell in der unglücklichen wissenschaftlichen Debatte. Beim Umweltschutz als solchem sehe ich dagegen ein wachsendes Verantwortungsbewusstsein auch in den großen Unternehmen.

Morgenpost Online: Weil sie Angst um ihren guten Ruf haben.

Seligmann: Nicht nur deshalb. In den Führungsetagen wird mehr und mehr klar, dass die endlichen Ressourcen auch für die Wirtschaft geschont werden müssen.

Morgenpost Online: Das heißt, die Privatwirtschaft ist hier weiter als die Regierungen?

Seligmann: Sehr viel weiter. Da hat sich sehr viel verändert. Es ist eben sehr viel schwerer, 190 Staaten zur Unterschrift unter einen Vertrag zu bewegen, als einzelne Unternehmen von vernünftigem Verhalten zu überzeugen.

Morgenpost Online: Die Vorstände im „Big Business“ wechseln doch im Jahresrhythmus, kann man da langfristiges Denken voraussetzen?

Seligmann: Tatsache ist, dass viele Unternehmen veranlasst werden konnten, umweltfreundliche Statuten und Standards zu entwickeln und auch entsprechend zu handeln. Bei Coca-Cola weiß man doch, dass man auch in 20 Jahren noch genug und sauberes Wasser braucht.

Morgenpost Online: Was macht eigentlich Al Gore? Von der Ikone der US-amerikanischen Umweltszene hat man lange nichts mehr gehört.

Seligmann: Er arbeitet, so weit ich weiß, immer noch an dem Thema. Aber er genießt nicht mehr die Aufmerksamkeit wie noch vor drei, vier Jahren.

Morgenpost Online: Ein besonders heißes Thema in der Umweltfrage ist in Deutschland die Atomkraft. Wie steht Conservation International dazu?

Seligmann: Für mich ist das keine Grundsatzfrage, die man mit einem platten Dafür oder Dagegen beantworten könnte. Ich sehe das nicht ideologisch und bin da eher konservativ. Wir müssen uns um den Atommüll kümmern, und wir müssen dafür sorgen, dass Katastrophen verhindert werden.

Es gibt hierzu interessante Entwicklungen in der Forschung. Auch darüber, wie wir mit dem Atommüll umgehen. Wir brauchen dabei noch viele Untersuchungen und müssen auf jeden Fall weiterforschen.

Morgenpost Online: Der Ausstieg in Deutschland bedeutet auch den Ausstieg aus der Forschung. Und gleichzeitig importieren wir jetzt Strom von Atomkraftwerken aus dem Ausland. Das macht beides wenig Sinn. Wenn Sie so denken, hätten Sie Probleme, hierzulande eine Umweltorganisation zu repräsentieren.

Seligmann: Das werde ich bestimmt nicht machen. Eines ist doch klar: Wenn die Menschheit von jetzt sieben auf neun Milliarden anwächst, können wir es uns nicht erlauben, irgendetwas aus ideologischen Gründen auszuschließen.