Schuldenfalle

Kostenexplosion treibt Chinas Firmen in den Ruin

Steigende Kosten, eine schwache Weltnachfrage und Wucherzinsen treiben tausende chinesische Betriebe in die Pleite. Konjunkturprogramme gibt es kaum.

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Von der „Goldenen Dekade“ schwärmen Pekings Politiker gerne, und im Grunde haben sie auch recht: Am Sonntag feiert China, dass es vor zehn Jahren der Welthandelsorganisation (WTO) beigetreten ist. Genau dieser Schritt war es, der China wirtschaftlich nach vorne katapultierte.

Inzwischen ist der asiatische Riese Devisenweltmeister. Er ist nach den USA die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und in einem Dutzend Branchen die Nummer eins: als weltgrößter Automobilhersteller zum Beispiel, in der Stahlbranche und im Baugeschäft.

Doch ausgerechnet vor den Feierlichkeiten häufen sich jetzt die Hiobsbotschaften aus der chinesischen Wirtschaft. Hunderttausende Kleinunternehmen stecken in der Schuldenfalle. China zählt 43 Millionen kleine und mittlere Unternehmen, die 80 Prozent aller städtischen Arbeitskräfte beschäftigen. Viele von ihnen stecken in der Zwickmühle zwischen einbrechender Nachfrage, steigenden Kosten und Währungsverlusten.

Pekings Probleme wachsen rasant

An die chinesischen Zoll- und Grenzbehörden wurden jetzt Fahndungslisten mit den Namen von 80 Unternehmern verteilt, die festgenommen werden sollen, falls sie ein- oder ausreisen wollen. Die Männer seien allesamt verdächtige Bankrotteure, die Hals über Kopf aus ihren hoch verschuldeten Betrieben geflohen seien und Zehntausende Arbeiter im Stich gelassen hätten.

Das kann Peking nicht durchgehen lassen. Die chinesische Staatsspitze sorgt sich, dass solche Kurzschlusshandlungen von Firmenchefs Protestaktionen der Arbeiter und soziale Unruhen könnten. Schon aus diesem Grund baten Chinas Staatsanwälte die Behörden in den USA, Kanada, Australien und Singapur um Amtshilfe, damit diese die mutmaßlichen Wirtschaftsverbrecher ausliefern, wenn sie bei ihnen auftauchen sollten.

In Wahrheit ist Pekings neues Wirtschaftsproblem aber viel größer , als die 80 gesuchten Firmenchefs es auf den ersten Blick vermuten lassen – sie werfen nur ein Schlaglicht auf eine Krise, die sich hier gerade ausbreitet. Die meisten der Konkurs-Unternehmer, die jetzt zur Fahndung ausgeschrieben wurden, stammen aus Chinas reicher Ostküstenprovinz Zhejiang, und hier wiederum vor allem aus der Stadt Wenzhou.

In den 90er-Jahren wurde Wenzhou zur Modellstadt für die chinesische Privatwirtschaft: Rund 400.000 Betriebe haben sich in der Sechs Millionen-Einwohner-Metropole angesiedelt; rund 70 Prozent von ihnen arbeiten für den Export. Fast 30 Jahre lebte Wenzhou von der Massenherstellung von Spielzeug, Billigelektronik, Kleidung, Socken oder Schuhen.

Auch an der "Werkbank der Welt" leiden Firmen

Doch dieser Boom endete 2010, als sich die Kosten für Arbeit und Rohstoffe gleich zweistellig erhöhten. Zu schaffen machte den Firmen zudem Pekings restriktive Geldpolitik zur Bekämpfung der Inflation, die aber den Banken die Kreditvergabe erschwerte und Privatunternehmen zwang, sich Geld bei Schattenbanken zu Wucherzinsen zu leihen.

Früher waren Unternehmen aus Wenzhou bei Feuerzeugen Weltmarktführer. Doch von einst 3000 Betrieben, die die Welt mit Billig-Anzündern versorgten, waren im Oktober 2011 nur noch 100 Firmen übrig. Insgesamt 72.000 Wenzhouer Betriebe oder jedes sechste Unternehmen mussten in diesem Jahr aufgeben, berichtete „China Daily“. Stich, wie die Wirtschaftszeitung „21. Jahrhundert“ haoxing mehren sich die Probleme mit Konkursen. Die Provinz erhöhte die Zahl der von ihr beobachteten potenziellen Krisenfirmen Anfang Dezember von 3600 auf 5000 Betriebe.

Auch in Südchinas Küstenprovinzen, die bisher als „Werkbank der Welt“ galten, leiden private Unternehmen. Chinas Schiffsbau und die Seefracht-Branche plagen Überkapazitäten. Der rapide Fall der Frachtraten trifft sie besonders. Nach Angaben des „Wirtschaftsinformationsdienstes“ der Nachrichtenagentur Xinhua gerieten in Südchinas Küstenprovinz Fujian 80 private Seefrachtspediteure so sehr in Schwierigkeiten, dass sie einen Teil ihrer Schiffe zum puren Schrottwert verkaufen mussten.

Nicht nur die Realwirtschaft ist betroffen. Konkurse häufen sich unter den 20.000 Immobilienunternehmen. Auch hier werden erste Fälle von geflohenen Unternehmenschefs gemeldet. 2008 hatte China Ähnliches erlebt. Verschuldete Unternehmer flohen aus Shenzhen und Guangdong nach Hongkong. Selbst südkoreanische Firmenchefs ließen ihre Fabriken im Stich. Die damals noch reichen Provinzregierungen zahlten den geprellten Arbeitern ihre ausstehenden Löhne und verhinderten so Unruhen.

Heute sind Chinas hoch verschuldeten Provinzen die Hände gebunden. Auch die Zentrale hat kein Geld, um erneut große Konjunkturprogramme zu starten. Marktökonomen fordern Peking auf, jetzt endlich die zu lange vernachlässigten Wirtschaftsreformen in Angriff zu nehmen. Die „Xibu Shibao“ schrieb: „Unsere Herausforderung zehn Jahre nach dem WTO-Beitritt hat gerade erst begonnen.“