Talanx-Chef Herbert Haas

"Ich hoffe auf fünf Meter griechischen Strand"

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Sebastian Jost

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Der Versicherer Talanx will sich nicht an einem Schuldenschnitt für Griechenland beteiligen. Vorstandschef Haas fordert mehr Einsatz von der EZB.

Ein Konzern putzt sich heraus: Im kommenden Jahr soll der lange angekündigte Börsengang des Hannoveraner Versicherungskonzerns Talanx endlich Wirklichkeit werden, später könnte der Aufstieg in den Leitindex Dax folgen.

Da passt es ins Bild, dass am Stammsitz in Hannover derzeit überall gebaut wird: Ein Neubau wurde gerade eingeweiht, die Renovierung der alten Konzernzentrale steht unmittelbar bevor. Man werde aber nur das nötigste machen, beeilt sich Vortandschef Herbert Haas zu versichern.

Der 56-jährige Schwabe, der den Konzern seit 2006 leitet, gibt sich gern wie sein Unternehmen: Ruhig und unprätentiös, dabei aber durchaus selbstbewusst – auch bei seiner deutlichen Kritik am Management der Euro-Krise. Erstmals schließt ein großer Kapitalanleger aus, sich am freiwilligen Schuldenschnitt für Griechenland zu beteiligen.

Morgenpost Online: Herr Haas, Sie erwarteten im Mai, dass die Politik den Euro „bis zur letzten Patrone verteidigen“ würde. Sind Sie mit der bisherigen Feuerkraft zufrieden?

Herbert Haas: Derzeit behandeln wir einen Gehirntumor mit Aspirin. Damit kurieren wir nicht die Krankheit, sondern allenfalls die Symptome. Mit der koordinierten Intervention der wichtigsten Notenbanken in dieser Woche sind wir immerhin schon bei Aspirin plus C angekommen. Aber die entscheidende Herausforderung bleibt dieselbe: Die Politik muss das Vertrauen der Investoren wieder herstellen. Man muss den Euro um jeden Preis verteidigen, und ich bin weiter davon überzeugt, dass die Regierungen Europas dazu bereit sind.

Morgenpost Online: Inzwischen zweifeln aber viele Geldgeber weniger an Europas Bereitschaft zu handeln, sondern an der Fähigkeit dazu. Wie kann man da überhaupt noch Vertrauen schaffen?

Haas: Wenn sich Frau Merkel und Herr Sarkozy mit entsprechendem politischen Mandat ausgestattet hinstellen und garantieren, dass alle Anleihen von Euro-Staaten sicher sind, dann ist die Diskussion aus der Welt. Das hat schon einmal funktioniert, nach der Lehman-Pleite: Damals garantierte Merkel alle Spareinlagen in Deutschland und entzog damit jeder Panik die Grundlage. Die Frage, ob sie das im Ernstfall einhalten könnte, wurde gar nicht ernsthaft gestellt.

Morgenpost Online: Genau das ist doch der Unterschied: Heute würden die Finanzmarktakteure sofort fragen, ob Merkel und Sarkozy dieses Versprechen erfüllen könnten.

Haas: Dahinter muss natürlich ein Plan stehen, für den man auch politischen Rückhalt findet. Das wiederum setzt voraus, dass jeder etwas beiträgt. Deutschland muss akzeptieren, dass der Euro auf Dauer nur mit einer stärkeren Transfer- oder Fiskalunion zu haben ist. Und die südeuropäischen Staaten müssen ihren Bürgern klar machen, dass es ohne Einschnitte nicht geht.

Morgenpost Online: Im Moment scheint manches südeuropäische Land eher darauf zu spekulieren, dass die Länder im Norden so oder so einspringen werden, wenn die Lage weiter eskaliert.

Haas: Ich bin ja auch dafür, dass man den gefährdeten Ländern weiter hilft. Aber es muss eine Gegenleistung geben. So könnte man ihnen das Geld etwa nur noch gegen Sicherheiten leihen: Wenn ein Nehmerland nicht zurückzahlt, bekommen die Geberländer Zugriff auf die nationalen Goldreserven oder Teile der öffentlichen Infrastruktur. Das ist politisch sicher nicht einfach durchzusetzen, aber es bleibt dabei: Jeder muss etwas beitragen.

Morgenpost Online: Mit dieser Begründung hat vor allem die Bundesregierung auch einen freiwilligen Schuldenschnitt für Griechenland-Schulden bei privaten Gläubigern durchgesetzt. Werden Sie mitmachen?

Haas: Zunächst: Unser Griechenland-Engagement ist sehr gering, wir halten Anleihen in einem Nominalwert von 15 Mio. Euro, die bereits auf sechs Mio. Euro abgeschrieben sind. An der jetzt geplanten Gläubigerbeteiligung werden wir uns nicht beteiligen. Warum sollte ich freiwillig auf etwas verzichten?

Morgenpost Online: Sie haben doch gerade einen Beitrag aller Seiten eingefordert – warum dann nicht von denen, die bisher mit den Anleihen Geld verdient haben?

Haas: Zuletzt haben wir damit nichts mehr verdient. Denn als Griechenlands Probleme deutlich wurden, haben Gläubiger Kreditausfallversicherungen gekauft, die nicht billig waren, die aber nur bei einem offiziellen Zahlungsausfall eintreten. Und bei freiwilligem Verzicht greifen diese Absicherungen nicht. Das erzeugt für einen freiwilligen Verzicht schon erheblichen Rechtfertigungsdruck.

Morgenpost Online: Andere große Versicherer scheinen damit weniger Probleme zu haben und zeigen sich offener für den Schuldenschnitt.

Haas: Ich sehe den politischen Druck, der hier ausgeübt wird, aber es wundert mich schon, wie bereitwillig manche Wettbewerber daran teilnehmen wollen. Es geht hier ja nicht nur um das Unternehmen und seine Eigentümer, sondern auch um unsere Lebensversicherungs-Kunden: Ein freiwilliger Verzicht schmälert die Verzinsung für deren Policen. Ich würde also auf Geld verzichten, das anderen gehört.

Morgenpost Online: Würden Sie denn als Privatanleger freiwillig verzichten?

Haas: Ich habe tatsächlich ein paar Griechenland-Anleihen, die ich gekauft habe, als letztes Jahr allenthalben zur Unterstützung der Rettungsaktionen aufgerufen wurde. Aber auch hier sehe ich keinen Grund, freiwillig zu verzichten – da hoffe ich lieber, irgendwann mit fünf Meter griechischem Strand abgefunden zu werden. Die EZB, die einen großen Teil der griechischen Anleihen hält, beteiligt sich schließlich auch nicht.

Morgenpost Online: Wenn es nach der Mehrheit der Euro-Staaten geht, soll die EZB baldmöglichst ganz anders helfen – indem sie in großem Stil Anleihen von Wackelstaaten aufkauft, ohne Rücksicht auf Inflationsgefahren.

Haas: Für diese Lösung habe auch ich eine gewisse Sympathie. Sicher fließt dadurch mehr Geld ins System, was theoretisch zu einer höheren Inflation führen müsste. Aber eben nur theoretisch. Auch nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers haben die Zentralbanken die Märkte geflutet, ohne dass die Teuerungsraten gestiegen wären. Das zeigt, dass mehr Geld im System nicht automatisch die Preise treibt.

Morgenpost Online: Geldmengensteuerung gehört zu den Grundprinzipien der Bundesbank-Politik. Gelten diese Prinzipien plötzlich nicht mehr?

Haas: Wir sollten die Rolle der Zentralbank eher im angelsächsischen Stil interpretieren. Sie sollte nicht nur die Geldwertstabilität im Blick haben, sondern auch andere Faktoren wie die Konjunktur. Die EZB muss stärker als bisher eine wirtschaftspolitische Verantwortung wahrnehmen, wie es die Federal Reserve oder die Bank of England traditionell tun.

Morgenpost Online: Um den Preis höherer Inflationsraten, wie man sie in den USA in der Vergangenheit immer wieder beobachten konnte.

Haas: Eine moderate Inflation von fünf bis acht Prozent ist aus meiner Sicht nicht schädlich.

Morgenpost Online: Ihnen käme zumindest zupass, dass mit der Inflationsrate üblicherweise die Zinsen steigen – was den Absturz der Kapitalerträge bei den Versicherern stoppen würde.

Haas: Ich erwarte in diesem Fall nicht unbedingt steigende Zinsen. Die Zinsen erhöhen sich ja vor allem dann, wenn die Zentralbank versucht, die Inflation zu bekämpfen. In der aktuellen Situation dürfte man jedoch ein Interesse daran haben, die Inflation wirken zu lassen, um den realen Wert der Staatsschulden zu reduzieren.

Morgenpost Online: Das wäre für Ihr Lebensversicherungsgeschäft der schlechteste aller Fälle: Die Kunden bräuchten eigentlich eine höhere Verzinsung, um die gestiegenen Teuerungsraten auszugleichen, aber Ihre Policen werfen weiterhin wenig ab.

Haas: In einem solchen Szenario müsste man die Anlagestrategie ändern: Sachwerte wie Aktien und Immobilien gewinnen dann an Bedeutung.

Morgenpost Online: In solche Werte investieren Sie bisher weniger als die meisten anderen Versicherer. Dafür engagieren Sie sich stark in Bankanleihen – fühlen Sie sich damit in dieser Krise noch wohl?

Haas: Unser Anteil an Bankanleihen liegt in etwa im Branchenschnitt. Und lange war es auch nicht verkehrt, in Bankentitel zu investieren. Inzwischen denken wir aber durchaus über andere Wege nach: Bislang finanzieren wir Banken, damit diese dann Kredite an Unternehmen vergeben. Diese Zwischenstation brauchen wir gar nicht unbedingt: Wir werden in Zukunft stärker direkt in Unternehmen investieren.

Morgenpost Online: Also den Anteil an Industrieanleihen ausbauen?

Haas: Nicht nur das. Traditionell kaufen Versicherer meist nur Anleihen von großen Konzernen. Wir wollen aber auch in den Mittelstand: Wenn sich ein kleinerer Industriebetrieb fünf Millionen Euro leihen will, kann er eine Bank um einen Kredit bitten – er kann uns aber auch einfach ein verbrieftes Schuldscheindarlehen verkaufen.

Morgenpost Online: Sie wollen also Banken überflüssig machen.

Haas: Ein Stück weit ja. Die Banken werden mehr zu einem Intermediär zwischen kreditsuchender Industrie und kreditgebender Versicherung. Dann müssen wir bei uns erst noch das nötige Know-how aufbauen, um die Bonität der kreditsuchenden Unternehmen beurteilen zu können. Zumindest brauchen wir die Banken noch als Vermittler. Aber ich investiere dann nicht mehr in ein Bankenrisiko, sondern direkt in das Kreditportfolio.

Morgenpost Online: Sie selbst wollen sich Ihr Geld künftig auch weniger bei Banken holen, sondern bei Aktionären. Kommt der seit Jahren angekündigte Börsengang endlich im Jahr 2012 – oder ist das Umfeld schon wieder zu unfreundlich?

Haas: Wir bereiten unsere Rakete weiter vor, um sie im richtigen Moment zünden zu können. Im Augenblick ist es an den Kapitalmärkten sicher noch zu stürmisch. Aber vielleicht findet die Politik ja doch bald eine Lösung für die Euro-Krise, so dass sich im kommenden Jahr ein Zeitfenster für unseren Börsengang öffnet. Und dann würde ich mich in den Hintern beißen, wenn wir die Rakete noch nicht mal auf der Startrampe hätten.

Morgenpost Online: Und wird es dann gleich der große Start oder nur ein kleiner Hüpfer, indem Sie zunächst nur fünf oder zehn Prozent der Aktien an die Börse bringen?

Haas: Mit fünf Prozent lockt man keine institutionellen Investoren hinter dem Ofen vor. Unser Anspruch ist klar: Wenn wir an die Börse gehen, wollen wir direkt mindestens in den MDax kommen, und dafür braucht es ein gewisses Volumen.