Milliarden-Loch

Deutsche Großbanken rauschen durch den Stresstest

Der Bankenstresstest offenbart eine Kapitallücke von 13,1 Milliarden Euro bei Deutschen Geldhäusern. Betroffene Institute könnten ihre Kreditvergabe bremsen.

Foto: WELT ONLINE Infografik

Die zweite Runde der Bankenstresstests brachte für Deutschland schlechte Nachrichten: D ie europäische Bankenaufsicht EBA attestierte den deutschen Instituten ein Kapitalloch von 13,1 Mrd. Euro. Damit hat sich der Fehlbetrag im Vergleich zur ersten Runde im Oktober mehr als verdoppelt. Die größte Lücke weist in Deutschland die teilverstaatlichte Commerzbank mit 5,3 Mrd. Euro auf. Betroffen sind zudem die Deutsche Bank, die DZ-Bank sowie die Landesbanken WestLB, NordLB und Helaba. Insgesamt fehlen den europäischen Großbanken 114,7 Mrd. Euro.

Die Behörde hat in dem Test geprüft, welche Auswirkungen eine Zuspitzung der Euro-Schuldenkrise auf die Institute hätte. Dabei wurden Staatsanleihen der Euro-Wackelkandidaten zu Marktwerten angesetzt. Die Banken müssen unter diesem Stressszenario zum Stichtag 30. Juni 2012 eine harte Kernkapitalquote von neun Prozent aufweisen. Liegen sie darunter, attestiert ihnen die Behörde die Differenz als Kapitallücke.

Im Vergleich zur ersten Stresstest-Runde wurde nun das Szenario verschärft. Das traf die deutschen Banken besonders hart. Einer der Hauptgründe dafür ist, dass positive Kurseffekte von Staatsanleihen nicht mehr eingerechnet werden durften. Nachdem das vor allem deutsche Anleihen über Nominalwert handeln und die hier ansässigen Institute hohe Bestände halten, schlägt der Effekt hier besonders stark durch.

Ganz so dramatisch wie es klingt, ist das Kapitalloch jedoch nicht. Denn ein Teil des zusätzlichen Bedarfs macht sich nur auf dem Papier bemerkbar: Die Bankenaufsicht erkennt die milliardenschwere Kapitalmaßnahmen von Helaba und NordLB nicht an, weil sie erst nach dem Stichtag 30. September 2011 in die Wege geleitet wurde. Tatsächlich steht das Kapital den Banken aber ohne weiteres Zutun zur Verfügung. „Der Stresstest ist nicht hilfreich“, kritisiert Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor an der Universität Hohenheim.

Denn das eigentliche Problem seien nicht die Banken, sondern das Schuldenproblem der Staaten. Deswegen könne der Test auch nicht für Beruhigung sorgen. Harte Kritik kam auch vom Bundesverband der Privatbanken (bdb): „Der langwierige und chaotisch wirkende Prozess hat den Eindruck verstärkt, dass jedes Ergebnis möglich ist“, sagte bdb-Hauptgeschäftsführer Michael Kemmer.

Und trotzdem müssen die Banken nun handeln. Sie haben mehrere Optionen, um das Loch zu füllen: Sie können versuchen, den Betrag am Markt einzusammeln. So will beispielsweise die Muttergesellschaft der Münchner HypoVereinsbank, die UniCredit, eine 7,5 Mrd. Euro schwere Kapitalerhöhung durchführen. Die Banken können sich aber auch von der anderen Seite der gewünschten Kapitalquote nähern und versuchen, Risiken zu reduzieren. So überlegen Commerzbank, Deutsche Bank und DZ Bank nicht-strategische Bereiche zu verkaufen.

Zwar wollen die Behörden genau darauf achten, dass die Institute nicht bei der Kreditvergabe den Rotstift ansetzen, damit die Wirtschaft nicht unter den Vorgaben leidet. Dennoch gilt es unter Experten als sicher, dass die Banken bei der Vergabe von Krediten vorsichtiger werden: „Man kann nur hoffen, dass das in Deutschland durch andere Banken ausgeglichen wird, die von den Stresstests nicht betroffen sind“, sagt beispielsweise Bankenprofessor Burghof. Die Möglichkeit, ihre Kapitalbasis durch Staatshilfen zu stärken, haben die betroffenen deutschen Institute schon im Vorfeld abgelehnt. Dennoch gibt es in Berlin Pläne, den Banken-Rettungsfonds SoFFin wieder zu aktivieren.