OECD-Studie

Einkommen driften in Deutschland auseinander

Deutschland galt lange als gerechte Gesellschaft. Jetzt werden laut OECD die Unterschiede zwischen Arm und Reich aber immer größer. So sollen die obere zehn Prozent achtmal so viel verdienen wie die unteren.

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In Deutschland ist die Einkommensungleichheit seit 1990 schneller gewachsen als in anderen wohlhabenden Industriestaaten. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), einer Denkfabrik der Industrienationen.

In den 80er- und 90er-Jahren zählte die Organisation Deutschland noch zu den wirtschaftlich ausgeglichenen Gesellschaften; heute allerdings nicht mehr. Denn in den vergangenen Jahren ist die Schere zwischen Arm und Reich weiter aufgegangen.

Die Forscher haben festgestellt, dass das oberste Zehntel der Deutschen im Jahr 2008 durchschnittlich 57.300 Euro verdient haben – und damit achtmal so viel wie die untersten zehn Prozent, bei denen es nur 7400 Euro waren. In den 90er-Jahren war es noch das Sechsfache gewesen. Verantwortlich für das Auseinanderdriften von Arm und Reich ist vor allem die Entwicklung der Gehälter, die hierzulande rund 75 Prozent der Haushaltseinkommen ausmachen.

Gutverdiener haben in den vergangenen 15 Jahren weitaus stärker zugelegt als Geringverdiener. Zwischen 1985 und 2008 stiegen die Einkommen des oberen Zehntels jedes Jahr durchschnittlich um 1,6 Prozent, während Arbeitnehmer im unteren Zehntel ihre Einkommen im gleichen Zeitraum jedes Jahr im Schnitt nur um 0,1 Prozent steigern konnten.

Der Abstand zwischen den beiden Gruppen ist dadurch stark gewachsen: Der Unterschied zwischen den oberen zehn Prozent und der unteren zehn Prozent weitete sich in den vergangenen 15 Jahren um 20 Prozent aus. Eine wichtige Rolle spielt aber auch das sich wandelnde Arbeitsleben: Seit 1984 hat sich die Zahl der Menschen, die in Teilzeit arbeiten, von drei auf acht Millionen beinahe verdreifacht. Ihr Anteil an allen Beschäftigten stieg von elf auf 22 Prozent.

Teilzeitbeschäftigte verdienen in der Regel weniger als Vollzeitbeschäftigte. Zudem sind viele der neuen Teilzeitkräfte Frauen, die häufig weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Hinzu kommt, dass Arbeitnehmer grundsätzlich weniger lange arbeiten: Geringverdiener hierzulande arbeiteten vor 20 Jahren noch 1000 Stunden im Jahr, 2008 waren es hingegen nur noch 900 Stunden; auch dadurch nehmen sie weniger Geld mit nach Hause.

Auch in anderen Industrieländern steigt die Ungleichheit

Arbeitnehmer, die viel verdienen, arbeiten hingegen weiterhin so viel wie Anfang der 90er-Jahre: rund 2250 Stunden im Jahr. Diese Entwicklung konnte die Forscher auch in anderen Industrieländern beobachten; in den meisten anderen OECD-Ländern ist die Ungleichheit in den vergangenen Jahren gestiegen. Erstmals auch in Volkswirtschaften, die bisher als sehr ausgewogen galten. Neben Deutschland gehören dazu auch nordische Länder wie Dänemark und Schweden und Neuseeland.

Die Forscher begründen diese Entwicklung vor allem mit dem technischen Fortschritt, der dafür sorgt, dass gut ausgebildete Arbeitnehmer gefragter sind, gering ausgebildete Kräfte allerdings benachteiligt. Ein weiterer gewichtiger Faktor seien außerdem Reformen gewesen, vor allem die Liberalisierung von zuvor geschlossenen Märkten und Arbeitsmarktreformen wie die Hartz-IV-Reformen hierzulande.

Diese Maßnahmen hätten den Arbeitsmarkt gleichzeitig positiv und negativ beeinflusst, urteilen die Experten der OECD: Die Arbeitslosenquoten seien gesunken, gleichzeitig seien aber auch die Gehaltsunterschiede größer geworden. In der Statistik spiegelt sich auch gesellschaftlicher Wandel: Die Zahl der Single-Haushalte mit entsprechend geringeren Einkommen nimmt zu.

Gleichzeitig finden häufiger Partner mit ähnlichen Einkommen zusammen. In Deutschland und anderen OECD-Ländern gleicht das Steuer- und Transfersystem einen Teil der Einkommensunterschiede aus. Hierzulande ist die umverteilende Wirkung im internationalen Vergleich relativ groß: Die Ungleichheit wurde 2008 durch Steuern und Transfers wie das Arbeitslosengeld II um 29 Prozent reduziert.

Im Durchschnitt der OECD liegt der Wert bei 25 Prozent. In anderen Ländern sind die Einkommensunterschiede auch weitaus höher: In Italien, Japan, Südkorea und Großbritannien verdient das oberste Zehntel zehnmal so viel wie die untersten zehn Prozent und in Israel und der Türkei und den USA ist es das Vierzehnfache.