Insolvenzverwalter

Kampf um Manroland ist ein Wettlauf gegen die Zeit

Dem Insolvenzverwalter des Druckmaschinenbauers Manroland bleibt nicht viel Zeit. Nur drei Monate zahlt die Arbeitsagentur die Gehälter.

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Werner Schneider ist dieser Tage viel auf der Autobahn unterwegs. Der Insolvenzverwalter pendelt dabei täglich die gleiche Strecke: über die A8, zwischen seinem Wohnort Neu-Ulm und der gut 80 Kilometer entfernten Konzernzentrale des insolventen Druckmaschinenherstellers Manroland in Augsburg.

Die Pleite des Traditionskonzerns ist der größte Sanierungsfall in Deutschland seit der Karstadt-Insolvenz vor zwei Jahren, ein wichtiges Mandat für Schneider. Trotzdem verzichtet der 68-Jährige darauf, sich in Augsburg ein Hotelzimmer zu nehmen. Es wäre „kontraproduktiv“, würde er den ganzen Arbeitstag vor Ort sein, begründet der Verwalter. Schließlich müsse er vertrauliche Verkaufsgespräche führen.

„Und wenn ich mit einem Interessenten spreche, den alle kennen, dann muss das ja nicht in der Firma sein.“ Die Geheimgespräche mit potenziellen Investoren haben höchste Priorität. Denn Schneider bleibt nur wenig Zeit, das schlingernde Unternehmen zu sanieren. Die Arbeitsagentur in Nürnberg zahlt nur für wenige Monate die Gehälter der Mitarbeiter . Entlastung gibt es bis Februar, dann werden die Verluste wieder sprunghaft steigen. „Wir stehen vor einem Zeitproblem“, sagt der Verwalter, der eine Kanzlei mit 220 Mitarbeiter hinter sich hat.

Mit neuen Aufträge kann das Unternehmen kaum rechnen. Im Gegenteil. „Bei Manroland wird es jetzt zu Kundenverlusten kommen“, prognostiziert Equinet-Analyst Holger Schmidt. Zwar bietet das Unternehmen schon seit einiger Zeit Maschinen zu Kampfpreisen an. Doch kein Drucker kauft eine Anlage, wenn er nicht sicher weiß, dass sie später auch gewartet wird und Ersatzteile verfügbar sind.

Das ist auch Schneider bewusst. Für Montag hat er darum mehrere Spezialisten für Firmenzusammenschlüsse und Übernahmen eingeladen. Einer oder zwei von ihnen sollen ein Mandat erhalten, sich gemeinsam mit Schneider auf die Suche nach Investoren zu machen. Viele Anrufe müssen sie dafür nicht machen. Der Markt ist überschaubar.

Nur eine Handvoll Unternehmen beherrschen den von Überkapazitäten geprägten Weltmarkt für Druckmaschinen, darunter zwei Japaner und mit Manroland, Heidelberger Druckmaschinen sowie Koenig&Bauer drei deutsche Firmen. „Es gibt keinen versteckten Anbieter von dem ich nichts weiß“, sagt Schneider. Das mache den Sanierungsfall auch zu etwas Besonderem.

Drucker sind Opfer ihres eigenen Erfolgs

Erste Gespräche mit interessierten Investoren laufen bereits . Finanzinvestoren sind interessiert, also Firmen, die sich auf die Übernahme von maroden Betrieben spezialisiert haben. Da allerdings ist Schneider skeptisch. „Finanzinvestoren brauchen in der Regel Zeit, um Marktuntersuchungen zu machen und sich die Wettbewerber anzusehen. Soviel Zeit haben wir aber nicht. Wir brauchen jemanden, der den Markt bereits kennt – in welcher Intensität und welchen Randbereichen auch immer.“

Doch auch solche Interessenten scheint es zu geben. Schneider jedenfalls berichtet von ersten Gesprächen mit Vertretern aus der Industrie. Die deutschen Konkurrenten winken derzeit zwar ab. „Nicht jedes Dementi ist ein ehrliches Dementi“, sagt allerdings Schneider. Bei einer nationalen Lösung stellt sich allerdings die Frage, ob die verbliebenen Anbieter eine Übernahme oder Fusion stemmen können.

Auch sie kämpfen mit dem schlechten Markt. Branchenprimus Heidelberger Druckmaschinen etwa hat erst kürzlich die Hälfte seiner gut 10.500 Mitarbeiter in Deutschland in Kurzarbeit geschickt und darüber hinaus alle Geschäftsbereiche auf den Prüfstand gestellt. Und auch bei Koenig&Bauer wird kurz gearbeitet. Die Drucker leiden nicht nur unter der unsicheren Konjunktur sowie des Trends zum Internet. Sie sind auch Opfer ihres Erfolgs. „Die Maschinen sind mittlerweile zu gut“, sagt Analyst Schmidt. Statt wie früher vier bis sechs Jahre können moderne Maschinen nun acht bis zehn Jahre im Dienst sein.

Eine Übernehme durch einen deutschen Wettbewerber ergibt industriell gesehen nur wenig Sinn. Manroland ist stark im Bereich Rollendruck, also bei Maschinen für die Produktion von Zeitungen. Aus diesem Geschäft aber hat sich HeidelDruck schon vor sieben Jahren zurückgezogen. Und man wolle dort angesichts der rückläufigen Auflagenzahlen auch nicht mehr einsteigen, heißt es im Umfeld des Unternehmens.

Chancen auf Komplettübernahme sind schlecht

Koenig&Bauer ist zwar unverändert im Zeitungsdruck tätig, doch dürften Kartellbehörden etwas gegen die Bündelung der Geschäfte haben. Das Bogendruckgeschäft von Manroland gilt indes als wenig attraktiv. Die Maschinen gelten Branchenkreisen zufolge als technologisch veraltet. „Wenn Manroland in diesem Bereich bessere Maschinen hätte, stünden sie nicht da, wo sie jetzt stehen“, heißt es.

Die Chancen auf eine Komplettübernahme von Manroland stehen entsprechend schlecht. „Das Unternehmen wird so, wie es derzeit aufgestellt ist, eher schwer einen Investor finden“, gibt Schneider zu. Er hofft aber nach wie vor auf Käufer für die Teilbereiche des Konzerns. „Getrennt lassen sich durchaus sinnvolle Allianzen und Konstellationen vorstellen.“

Beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) ist man skeptisch. „Ich kann mir vorstellen, dass es Interessenten gibt, aber nicht aus Europa“, sagt Markus Heering, der den Fachverband Druck- und Papiertechnik im VDMA leitet. Doch potenzielle Investoren aus Schwellenländern haben sich Schneider zufolge nicht gemeldet. Gut möglich also, dass Manrolands Geschichte demnächst endet.

„So hart es klingt: Angesichts der Überkapazitäten wird es nicht auffallen, wenn Manroland vom Markt verschwindet“, sagt Analyst Schmidt. Für die 6500 Mitarbeiter besteht indes Hoffnung. Angesichts des Fachkräftemangels im Maschinenbau könnten etliche von ihnen bei Betrieben in anderen Branchenzweigen unterkommen, heißt es beim VDMA. Ein schwacher Trost.