Hightech-Boom

So will Irland zum Euro-Musterschüler werden

Immobilienspekulationen hatten Irland 2008 fast ruiniert. Nun tüftelt der "Keltische Tiger" an einem Revival, das die Euro-Zone begeistern soll.

Foto: picture alliance / Lonely Planet

Auf Knopfdruck setzen sich die 40 Aluminiumpaddel an der Längsseite des hallenbadgroßen Wasserbeckens in Gang. Vor und zurück bewegen sie sich im Takt, immer schneller, und lassen Wellen auf die rote Boje zurollen. „Drücken Sie mir die Daumen“, sagt Tom Benson. Angespannt starrt der 67-jährige Ingenieur auf seine Wellenkraftanlage in dem Testpool des Hydraulics and Maritime Research Centre in Cork.

Eine Unterwasserkamera überträgt auf einen Bildschirm, was am Boden des Bassins passiert. Von der Boje führt ein Kabel zu einer mechanischen Wasserpumpe. Jedes Mal, wenn die Boje von einer Welle nach vorn geworfen wird, zieht der Draht an einem Hebel, der Wasser an die Oberfläche pumpt. Das Wasser fließt in einen Eimer, rund einen Meter über der Oberfläche.

Benson atmet erleichtert durch: „Gott sei Dank, es funktioniert.“ Wenn Bensons Anlage eines Tages nicht als Modell, sondern in 50-facher Größe im Atlantik installiert ist, soll das hochgepumpte Wasser anschließend durch Strom erzeugende Turbinen zurück ins Meer fließen. „Damit wären Irlands Energieprobleme gelöst“, sagt Benson.

Der knochige Ire mit dem dicken blauen Wollpullover könnte eines Tages Irlands Schicksal mitbestimmen. Wellenenergie ist eine der Kernbranchen, die die Regierung als Stützpfeiler für die Zukunft der Wirtschaft ausgemacht hat. „Horizon 2020“ heißt der vor einem Jahr initiierte Plan, mit dem sich Irland nach der Krise neu erfinden möchte. Das Land will zurück zu den Zeiten, in denen Ökonomen aus aller Welt staunend auf die Insel sahen. Mit der Ansiedlung internationaler Konzerne entwickelte sich Irland in den 90er-Jahren vom Armenhaus Europas zum strotzenden Keltischen Tiger.

Doch in den vergangenen zehn Jahren folgte auf den Industrieboom eine aberwitzig anschwellende Immobilienblase. Mit der Finanzkrise platzte die Blase und riss zunächst die Banken, dann das ganze Land mit sich in die Rezession. Nur ein 85 Milliarden Euro schweres Rettungspaket von EU und Internationalem Währungsfonds bewahrte Irland vor der Staatspleite.

Jetzt aber feilen die Iren an einem Revival: In einem Jahrzehnt wollen sie wieder zum Musterschüler der Euro-Zone aufsteigen. Die Bemühungen zeigen erste Erfolge. Bundeskanzlerin Angela Merkel lobte die Iren kürzlich als „herausragendes Beispiel“ für Spardisziplin. Als erstes Land könnte Irland dem Euro-Rettungsschirm entfliehen .

BIP könnte erstmals seit Jahren wieder wachsen

Vor einigen Wochen korrigierte die OECD ihre Wachstumsprognose, ganz entgegen dem weltweiten Trend, für das laufende Jahr von null auf 1,2 Prozent nach oben. Demnach würde das Bruttoinlandsprodukt 2011 das erste Mal seit 2007 wieder wachsen. Schon im vergangenen Jahr stiegen die Ausfuhren um 6,7 Prozent auf 161 Milliarden Euro – das höchste Exportwachstum in der Geschichte des Landes.

Irland versucht an sein einstiges Erfolgsrezept anzuknüpfen und internationale Unternehmen ins Land zu bringen. Allein im ersten Halbjahr gaben 63 Konzerne, darunter IBM und Merck, Investitionen bekannt, die viele Millionen Euro Steuereinnahmen und über 2500 Arbeitsplätze versprechen. Doch anders als in den 90er-Jahren sollen diesmal nicht wahllos Investoren auf die Insel gelockt werden.

„Wir haben uns auf sieben Wachstumsbranchen fokussiert, die weitgehend unabhängig von der Weltwirtschaft boomen“, sagt Barry O’Leary, Chef der irischen Wirtschaftsförderung IDA. Mit „Horizon 2020“ sollen allein bis 2014 rund 100.000 Jobs geschaffen werden. Ziel ist es, regionale Branchencluster zu bilden, die irgendwann automatisch zusätzliche Firmen anziehen. Auch irische Firmen sollen in dem Umfeld gedeihen. Neben Biotech, Pharma, IT und Medizintechnik gehören auch erneuerbare Energien zu diesen Zukunftsfeldern.

Seit mehr als 30 Jahren spukt dem Ingenieur Benson die Idee für seine Wellenkraftanlage im Kopf. Doch „bis vor wenigen Jahren wäre es nicht wirtschaftlich gewesen, das Projekt anzugehen.“ Erst mit dem steigenden Ölpreis und dem Versprechen der Regierung, in Wellenkraft zu investieren, wagte Benson das Risiko. „Alle Tests waren bislang sehr ermutigend, in drei bis vier Jahren könnte meine Technologie marktreif sein“, sagt Benson.

Rund 100 Firmen arbeiten weltweit momentan an einem Durchbruch bei der Meeresenergie, 20 davon sitzen in Irland. Die raue irische Atlantikküste eignet sich ideal für die Stromerzeugung aus Wellen. Studien im Auftrag der Regierung haben ergeben, dass künftig sogar der komplette irische Strombedarf aus Wellenenergie gedeckt werden könnte.

Zusammen mit Wind- und Gezeitenkraftwerken könnte Irland damit zum Exporteur von Strom aufsteigen. Für das Land käme das einer wirtschaftlichen Revolution gleich. Arm an Ressourcen, importiert es bislang rund 90 Prozent aller Rohstoffe, um Energie zu erzeugen. Die Regierung investiert deswegen stark in die Technologie und hat sich das Ziel gesetzt, zehn Prozent des Strombedarfs bis zum Jahr 2020 mit Wellen- und Gezeitenkraftwerken herzustellen. Trotz der Förderung der eigenen Unternehmen konzentriert sich Irland weiterhin auf die Ansiedlung ausländischer Firmen.

Dabei sind seit Neuestem nicht mehr nur große Konzerne im Fokus. Als Teil von „Horizon 2020“ gründete die Wirtschaftsförderung IDA die Abteilung „Emerging Companies“, die junge Unternehmen nach Irland locken soll. Ein Team von elf IDA-Mitarbeitern fliegt seit zwei Jahren unermüdlich durch die Welt, um künftige Milliardenkonzerne aufzuspüren und sie für Irland zu begeistern.

30 dieser Nachwuchsfirmen haben seit Anfang 2010 Ja gesagt. Einer der erfolgversprechendsten Kandidaten ist Marketo. Die US-Firma verdient ihr Geld in der Zukunftsbranche Cloud Computing. Mit einem Umsatzplus von 1486 Prozent in den vergangenen zwei Jahren ist das Unternehmen die am schnellsten wachsende Firma im Silicon Valley. Seit Mai sitzt die Firma auch in Dublin.

Wirtschaftsminister reist als Detektiv durchs Land

Wirtschaftsminister Richard Bruton liebt solche Erfolgsgeschichten. Wie ein Detektiv auf der Suche nach Wachstum reist der Politiker seit seiner Wahl im Januar durchs Land und befragt Manager und Unternehmer nach ihren Wünschen. Eine seiner Lieblingsbranchen sind Computerspiele-Hersteller.

Im Oktober veröffentlichte er eine Studie, wonach sich die Zahl der Jobs in der irischen Spielebranche bis 2015 auf 4500 Jobs verdoppeln könnte. Dublin soll zum europäischen Hauptsitz dieser Branche aufsteigen. Die Chancen stehen nicht schlecht: Allein in den vergangenen zwei Jahren zogen 25 neue Spieleentwickler in die irische Hauptstadt. Fast alle Großen der Branche sind schon da, darunter EA Bioware, Activision Blizzard und Zynga.

Als eine der ersten Spielefirmen siedelte sich 2005 der US-Konzern Popcap in Dublin an. Das Unternehmen gehört mit Dauerbrennern wie „Pflanzen versus Zombies“ und „Bejeweled“ zu den Marktführern für Handy-Spiele. „Ursprünglich wollten wir in Irland nur Spiele für ausländische Märkte übersetzen, wir haben aber schnell auch ein Entwicklerteam aufgebaut“, sagt Paul Breslin.

Der 44-jährige Irlandchef von Popcap sitzt in dem dreistöckigen Büro der Firma gegenüber des Trinity College. An den Wänden hängen Bilder der Helden aus den Popcap-Spielen: lächelnde Sonnenblumen, sprechende Pilze, grüne Würmer mit Brille. Im Hintergrund spielen Mitarbeiter Billard. „Spieleentwickler sind schwer gefragt, denen muss man einiges bieten“, sagt Breslin grinsend.

Irland setzt auf die Spielebranche

Prognosen zufolge wird der weltweite Spielemarkt in den kommenden vier Jahren um 40 Prozent wachsen. „Wir profitieren bei der Mitarbeitersuche immens von dem Branchencluster, das sich in Dublin gebildet hat“, sagt Breslin. In den vergangenen zwölf Monaten hat Popcap seine Belegschaft in Irland auf 85 Mitarbeiter fast verdoppelt.

Es sei nicht schwer gewesen, die US-Konzernführung zu überzeugen, in Irland auch zu entwickeln: „Wir bekommen 25 Prozent aller Investitionen für Forschung und Entwicklung von der Steuer erlassen.“ Wirtschaftsminister Bruton prüft gerade, die Steuererleichterungen auch auf andere Geschäftsbereiche auszuweiten: „Das könnte Dublin endgültig zur Spielehochburg Europas katapultieren.“

Einige Straßen weiter östlich beginnt ein Stadtviertel, in dem sich Bruton auch besonders gern zeigt. Silicon Docks wird die ehemalige Speicherstadt am Kanal seit Neuestem genannt. In den alten Lagerhäusern breitet sich die Elite der Digitalwirtschaft aus: Google machte hier 2004 den Anfang, mittlerweile arbeiten 2000 Mitarbeiter für den Suchmaschinenkonzern in Irland. Vor einigen Wochen erst hat das Unternehmen einen Bauantrag für ein Schwimmbad für die Angestellten eingereicht. Einige Häuser weiter zog 2009 Facebook ein, um die Ecke sitzt seit diesem Jahr Linkedin mit 130 Leuten, und das Online-Modehaus Gilt Groupe siedelte sich vor Kurzem mit 100 Angestellten an.

Twitter gab erst Ende September bekannt, nach Dublin kommen zu wollen. Ebenfalls neu in der Nachbarschaft ist Dogpatch-Lab. Das Start-up-Zentrum des US-Wagniskapitalfonds Polaris Ventures öffnete vor acht Wochen seine Türen. In der alten Lagerhalle direkt gegenüber von Google stellt der Finanzinvestor jungen Gründern aus ganz Europa kostenlose Arbeitsräume, Internet, Essen und Freibier zur Verfügung.

„Das Konzept hat sich schon in drei Dogpatch Labs in den USA bewährt“, sagt Noel Ruane, der das Gründerzentrum leitet. Polaris Ventures zeigt sich so spendabel, um von Anbeginn Kontakt zu den möglichen Googles von morgen aufzunehmen. Dass das erste europäische Dogpatch in Dublin und nicht etwa in Berlin, Amsterdam oder London aufmacht, sei keine große Frage gewesen, sagt Ruane: „Eine Studie der EU-Kommission hat 2010 ergeben, dass kein Land auf der Welt so viele hoch qualifizierte Uniabsolventen hat wie Irland.“

Dazu käme die Nähe zu anderen Digitalkonzernen, der niedrige Unternehmenssteuersatz von 12,5 Prozent, die englische Sprache und die Hilfe der Wirtschaftsförderungsgesellschaft IDA: „Ich habe seit unserem Start vor acht Wochen schon Hunderte von Anfragen von Gründern aus ganz Europa bekommen.“ Sollte sich unter diesen Start-ups ein künftiger Internetgigant wie Facebook befinden: Es wäre natürlich auch für Irland der Hauptgewinn.