Vorwerk-Chef Muyres

"Unser Saugroboter ist kein Selbstmörder"

Der Vorwerk-Staubsauger soll sogar gefährliche Absätze erkennen. Im Praxistest mit Geschäftsführer Walter Muyres eckt er aber trotzdem an.

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Vorwerk macht sein Geschäft mit Haushaltshelfern und setzt derzeit auf Staubsauger, die die Arbeit automatisch erledigen. Aus dem Gesprächstermin mit „Morgenpost Online“ macht Walter Muyres, einer der persönlich haftenden Geschäftsführer von Vorwerk, fast eine Verkaufsveranstaltung .

Morgenpost Online : Herr Muyres, können Sie eigentlich den genialen Staubsaugersketch von Loriot noch sehen? „Es saugt und bläst der Heinzelmann?…“

Walter Muyres : Der Sketch ist wirklich genial und er ist in allen Köpfen drin. Der ist etwas für die Ewigkeit, ich habe ihn schon tausendmal gesehen. Und am Anfang hat er uns auch geholfen, hat unserer Branche Sympathiepunkte gebracht. Bei Veranstaltungen werde ich auch heute noch mit „Ah, da kommt der Heinzelmann“ begrüßt. Im Laufe der Zeit gewöhnt man sich aber daran.

Morgenpost Online : Und jetzt eröffnen Sie zwar keine Herrenboutique hier in Wuppertal, aber einen schicken Vorwerk-Laden auf dem noblen Jungfernstieg in Hamburg. Wollen Sie Staubsaugen jetzt sexy machen ?

Muyres : Nicht nur das Staubsaugen. Vorwerk ist ja nicht nur ein Staubsaugerhersteller. Wir präsentieren im neuen Flagshipstore auch unsere Teppiche und das Küchengerät Thermomix. Da gibt es eine große Showküche, in der wir 50 Gäste bekochen können. Wir machen das, um verstärkt jüngere Kunden anzusprechen und um zu zeigen, dass wir noch etwas anderes bieten können als unsere Kobolde. Wenn das Staubsaugen und das Kochen dadurch sexy werden – wir hätten nichts dagegen.

Morgenpost Online : Vorwerk ist 128 Jahre alt, seit 80 Jahren arbeiten Sie mit dem Direktvertrieb. Und plötzlich machen Sie Läden auf. Können sich die Staubsaugervertreter jetzt neue Jobs suchen?

Muyres : Überhaupt nicht, ganz im Gegenteil, wir suchen sogar neue Mitarbeiter. Wir schaffen doch unseren Außendienst nicht ab, wir ergänzen ihn nur um zwei weitere Vertriebswege: um die Läden und das Internet. Ab Samstag bekommen Sie erstmals in der Unternehmensgeschichte nahezu alle unsere Produkte auch im Internet. Das ist ein echter Multichannel-Ansatz. Diesen Weg beschreiten wir, weil sich die Kundenbedürfnisse verändert haben. Viele Kunden, auch viele Frauen, sind tagsüber gar nicht zu Hause. Das war früher ganz anders. Unsere Kundenberater erreichen sie also nicht mehr so häufig wie früher. Insbesondere diesen Kunden bieten wir zudem die Läden und den Onlineshop, er hat jetzt die Wahl. Der Direktvertrieb wird aber sicherlich unsere wichtigste Vertriebsschiene bleiben. Ich schätze, dass er auf lange Sicht etwa drei Viertel unseres Umsatzes ausmachen wird.

Morgenpost Online : Könnte die Erweiterung Ihrer Vertriebsstruktur vielleicht auch damit zusammenhängen, dass Sie seit Jahren kaum noch Vertreter finden? Weil der Job nicht attraktiv genug ist und Ihnen somit ein Großteil des Marktes schlicht verschlossen bleibt?

Muyres : Sie haben Recht, dass uns weiterhin Kundenberater fehlen. Wir haben für den Kobold in Deutschland etwa 2500 und könnten die doppelte Anzahl gebrauchen. Ich muss Ihnen aber bei der Behauptung widersprechen, dass der Job nicht attraktiv sei. Den Thermomix vertreiben wir schließlich auch direkt, über Thermomixpartys bei Kundinnen zuhause. Und da haben wir die Zahl der Repräsentantinnen in den vergangenen Jahren auf 5800 verdoppeln können.

Morgenpost Online : Lohnt sich das Klinkenputzen für Staubsauger nicht?

Muyres : Dieses Wort mag ich gar nicht, das klingt ja fast wie Hausieren. Unsere Mitarbeiter werden intensiv darauf geschult, dass sie niemandem etwas aufschwatzen. Sollte das doch einmal passieren, hat das harte Konsequenzen. Und zu Ihrer Frage: Es lohnt sich sehr wohl. Außendienstmitarbeiter können von ihrem Verdienst eine vierköpfige Familie ernähren und mehr verdienen als der Durchschnittsarbeitnehmer.

Morgenpost Online : Aber die neue interne Konkurrenz durch die Läden und den Webshop macht den Vertreterjob doch noch unattraktiver.

Muyres : Nein, gar nicht. Wir kennen ja die Postleitzahl des Wohnortes des Kunden. Und über die ordnen wir alle Umsätze aus dem Internet, dem Store und den Shops unseren Kundenberatern zu. Das macht den Job eher attraktiver. Es hat leider ein wenig gedauert, dieses System zu installieren, das die Gefahr der internen Konkurrenz ausschließt. Ich hätte es auch gerne schneller gehabt.

Morgenpost Online : Wie viele Shops planen Sie?

Muyres : Wir rüsten unsere 130 Reparaturannahmestellen bereits seit längerem zu Läden um. An acht Standorten ist das schon passiert, 20 folgen im nächsten Jahr, und dann geht das so weiter. Einige werden auch in größere und schickere Ladenlokale umziehen. Das bildet dann den Großteil des Ladennetzes. Daneben gibt es dann die Flagshipstores wie den in Hamburg. Die sind mit über 300 Quadratmetern rund dreimal so groß wie die anderen. Vier bis fünf davon sind schon denkbar, etwa in Frankfurt, München, Berlin, Köln oder Düsseldorf. Aber als vorsichtige Bergische Kaufleute werden wir uns erst mal anschauen, wie der Store in Hamburg läuft und vielleicht ein Jahr später dann den nächsten eröffnen. Ich kann mir Flagshipstores aber auch irgendwann mal in Mailand oder Paris vorstellen.

Morgenpost Online : Warum sind Ihre Produkte so teuer? Der Thermomix kostet 985 Euro, den Kobold bekommt man für knapp unter 600 Euro in der Schlichtversion. Dabei kann man Staubsauger auch für ein Zehntel des Preises oder weniger im Elektronikmarkt kaufen.

Muyres : Es ist die Qualität. Unsere Geräte halten sehr lange, und wenn Sie möchten, reparieren wir sie Ihnen auch nach 40 Jahren noch. Vom Kobold, den Sie in Deutschland kaufen können, entsteht über 90 Prozent der Wertschöpfung auch in Deutschland. Wir haben allen Versuchen zur großflächigen Auslagerung der Produktion nach Asien widerstanden. Und wir sind sehr froh darüber. In Wuppertal beschäftigen wir 800 Mitarbeiter, alleine 120 für Forschung und Entwicklung für unsere Marken. Und da entsteht immer wieder etwas Neues.

Morgenpost Online : Zum Beispiel?

Muyres : Zum Beispiel unser Saugroboter, der zeitgleich mit der Eröffnung des Flagshipstores am 3. Dezember in unserem Store vorgestellt wird und dann auch bundesweit in den Vertrieb geht. Der Saugroboter ist mein Lieblingsthema.

Morgenpost Online : Wie praktisch! Dann geben Sie doch gleich mal den Vorwerk-Außendienstmitarbeiter: Warum braucht die Menschheit Roboter zum Staubsaugen?

Muyres : Ich bin sicher: In ein paar Jahren finden Sie die in den meisten Haushalten. Es gibt in Deutschland schon vier oder fünf Modelle verschiedener Hersteller. Aber unserer ist selbstverständlich der Beste. Den können Sie morgens anstellen, wenn Sie zur Arbeit gehen, und dann saugt der den ganzen Tag. Mit Lasertechnik scannt er den Raum mit allen Möbeln, die drinstehen, er eckt nicht an Stuhl- oder Tischbeine an. Das Gerät teilt sich den Raum in Flächen ein und saugt sie systematisch ab – bei billigen Konkurrenzmodellen dagegen geht das nach dem Zufallsprinzip. Die Software, die wir verwenden, ist weltweit führend. Um an sie heranzukommen, sind wir eine Kooperation eingegangen, mit Neato Robotic im Silicon Valley. Die Entwicklung hat drei Jahre gedauert. Der Akku des Gerätes hält übrigens 50 bis 60 Minuten. Und kurz bevor die Energie zu Ende geht, fährt der Roboter automatisch zur Ladestation zurück, lädt Strom und fährt anschließend genau an die Stelle, an der er zuvor aufgehört hatte. Und: Unser Gerät ist kein Selbstmörder. Wenn er an eine Treppe stößt, fährt er automatisch zurück. Manche Konkurrenzmodelle fallen einfach die Treppe runter.

Morgenpost Online : Das war schon mal nicht schlecht, jedenfalls für einen Manager.

Muyres : Wir Führungskräfte sind ja auch jedes Jahr mindestens zweimal mit unseren Außendienstmitarbeitern unterwegs beim Kunden. Da lernt man jedes Mal was dazu. Aber – den Roboter müssen Sie in Aktion sehen. Ich höre mal, ob wir einen hier haben. Die verkaufen sich in den Testmärkten schon so gut, dass sie da draußen jedes einzelne Gerät brauchen. (Steht auf, spricht mit seiner Sekretärin im Vorzimmer). Kommt gleich. Und dann machen wir den Praxistest.

Morgenpost Online : Sonst noch Innovationen im Reich des Kobold?

Muyres : Auf jeden Fall. Sie können jetzt auch Ihre Fensterscheiben saugen. Sie tragen eine Reinigungslösung auf die Scheibe auf und mit einer neuartigen Düse gehen Sie einfach über die Fensterscheibe drüber. Das funktioniert streifenfrei, sogar bei heller Sonne, ich habe es selber ausprobiert. Dieses Produkt ist gerade angelaufen. Wir haben auch einen neuen Handstaubsauger, unser Krümelmonster. Und dann ist noch etwas ganz außergewöhnliches in der Pipeline: der erste Nassstaubsauger der Welt, der saugen und wischen kann. Mehr möchte ich noch nicht verraten. Das Gerät kommt im nächsten Jahr in den Vertrieb und in unsere Shops.

Morgenpost Online : Was erwarten Sie wirtschaftlich vom laufenden Jahr?

Muyres : Wenn nichts außergewöhnliches mehr passiert, können wir das Vorjahresergebnis wieder erreichen. Es sieht nach einem sehr zufriedenstellenden Jahr aus.

Morgenpost Online : Was heißt „sehr zufriedenstellend“?

Wir sind sehr bescheidene und zu?rückhaltende Kaufleute. Mehr möchten wir dazu nicht sagen. Jedenfalls spüren wir noch keine Euro-Krise, bei uns herrscht Optimismus. Und unser Unternehmen ist kerngesund. Wir haben eine Eigenkapitalquote von über 60 Prozent, und eine freie Liquidität von 650 Millionen Euro. Wir könnten sogar etwas dazu kaufen, wenn sich eine Gelegenheit bietet.

Morgenpost Online : Und wie wird 2012?

Muyres : Auch für 2012 rechnen wir mit einem zufriedenstellenden Jahr.

Morgenpost Online : Aus Deutschland kommen noch 17 Prozent Ihres Umsatzes. Wie läuft Vorwerk im Ausland?

Wir sind sehr zufrieden. Wir haben fast überall Zuwächse, wenn man mal von Ländern wie Spanien absieht, die von der Krise sehr gebeutelt sind. Italien ist unser erfolgreichstes Land, sowohl beim Thermomix, als auch beim Kobold. Der heißt dort Folletto und hat einen Marktanteil von 60 Prozent. Folletto ist dort sogar der Gattungsbegriff für Staubsauger, mehr kann man nicht erreichen. In Frankreich sind wir sehr stark und in China mit einem Marktanteil von zehn Prozent sogar Marktführer. Allerdings muss man dazu wissen, dass es in chinesischen Haushalten erst eine Million Staubsauger gibt. Asien insgesamt ist ein gigantischer Wachstumsmarkt, von dem wir uns sehr viel erhoffen. Und im März 2012 folgt als nächstes Vorwerk-Land Indonesien.

(Es klopft an der Tür. Eine Mitarbeiterin bringt den angekündigten Roboter. Er sieht aus wie normaler Staubsauger – nur ohne Griffstange oder Schlauch. Er macht sich nach kurzem Scan-Stillstand mit dem üblichen Motorengeräusch in kreisförmigen Bewegungen über den Büro-Teppich des Vorwerk-Chefs her. Ohne Probleme erklimmt er auch den Läufer der Sitzecke und fährt auf den Tisch mit den edelstahlglänzenden Beinen zu)

Bei den Tischbeinen wird es schwierig, die reflektieren sehr stark! (Der Staubsauger stößt tatsächlich ans Tischbein) Aber er fährt jetzt zurück und saugt um das Tischbein herum. (Der Staubsauger fährt weiter. Und rammt das nächste Tischbein, befreit sich aber erneut im Rückwärtsgang) Da verwirrt ihn das glänzende Metall. Das erkennt er nicht. (Setzt das Gerät vor die weiß lackierten Einbauschränke. Wenige Zentimeter vor der Tür stoppt der Staubsauger tatsächlich, macht eine Rechtsdrehung und saugt weiter – Muyres strahlt)

Sehen Sie, es funktioniert! Ein tolles Gerät!