Streik in Großbritannien

Schmusekurs der Tories im Nordosten gescheitert

Beim Streik in Großbritannien entlädt sich jahrelanger Frust. Besonders im einstigen Kohlerevier im Nordosten der Insel sind die Menschen wütend auf die Regierung.

Der Weg zum Job kostet Natasha Shuttle am Mittwoch ein paar Pfund mehr als sonst. „Ich musste mit dem Taxi zur Arbeit fahren“, klagt die Einzelhandelsverkäuferin, „und meine Mutter muss sich wegen des Lehrerstreiks um meinen zwölfjährigen Sohn kümmern.“ In Newcastle und vielen anderen Städten zeigt sich an diesem Streiktag , welche Bedeutung der öffentliche Dienst im Leben der Briten hat. Die Straßen im Zentrum der größten Stadt im Nordosten der Insel sind leerer als sonst. Die U-Bahn fährt nicht, Schulen und Behörden sind geschlossen, auch die Müllabfuhr streikt.

Viele Menschen sind daher gleich zu Hause geblieben. Wer wie Natasha Shuttle trotzdem zur Arbeit will, muss sich durchkämpfen. Dennoch unterstützt die 30-Jährige den Protest der Streikenden. Auch der arbeitslose Perry Sterling, 43, begrüßt den Aufstand der Gewerkschaften gegen die geplante Rentenreform der Regierung: „Meine fünf Kinder können zwar heute nicht zur Schule gehen, aber der öffentliche Dienst streikt für die richtige Sache.“

Nirgendwo ist die Unterstützung für den Streik so groß wie im Nordosten. Einst war die Region das relativ wohlhabende Herzstück der britischen Kohleindustrie. Dann kam die „Eiserne Lady“ Margaret Thatcher an die Macht und beschloss Anfang der 80er-Jahre, die unprofitablen Bergwerke zu schließen. Ein Jahr lang streikten die Bergarbeiter, doch Thatcher ließ sich nicht umstimmen.

Obwohl der Streik erfolglos blieb, schufen die Bergarbeiter ein Beispiel, auf das sich die Menschen im Nordosten noch heute berufen. „Kollektiver Widerstand ist Teil unserer Identität“, sagt die 49-jährige Alison Dawson, Angestellte der öffentlichen Bibliothek in der Kleinstadt Easington, 30 Kilometer südlich von Newcastle. Wie ihre elf Kollegen bleibt sie am Streiktag zu Hause. „Mein Vater, mein Bruder und mein Ehemann waren Bergarbeiter und haben beim großen Streik in den 80er-Jahren mitgemacht. Jetzt bin ich an der Reihe.“

Nordenglischer Gemeinschaftsgeist unerschütterlich

Das Erbe des Bergbaus ist in Easington nicht zu übersehen. Wie ein Kirchturm ragt der stillgelegte Aufzug eines Kohleschachts über die Stadt, Denkmäler erinnern an die Bergarbeiter, und an den Wohnzimmerwänden hängen die Fotos der Opfer von Grubenunglücken. Geoff Taylor war 1984 einer der Streikenden. „Die Menschen haben immer noch die gleiche Mentalität wie damals“, sagt der heute 52-Jährige. „Sie halten zusammen, wenn sie sich von der Regierung schlecht behandelt fühlen.“

Genauso bedeutsam wie der nordenglische Gemeinschaftsgeist ist die Tatsache, dass in London wie zu Thatchers Zeiten die Konservativen regieren. Denn die Schuld für die Armut der Region sehen die Menschen vor allem bei den Tories, so der Spitzname der britischen Konservativen. Mit dem Kohlebergbau verschwand die Lebensgrundlage für Zigtausende Menschen, die Region wurde die ärmste des Landes.

40 Prozent aller Haushalte mit Kindern in Easington leben heute von Arbeitslosengeld. „Shutter City“ nennen sie hier Easington, „Rollladenstadt“, eine Anspielung auf all die geschlossenen Geschäfte. Früher gab es hier drei Bankfilialen, heute müssen die gut 7000 Einheimischen für Bankgeschäfte in die benachbarte Stadt fahren.

Größter Arbeitgeber ist die Regierung

Seit dem Ende des Bergbaus ist die Regierung der größte Arbeitgeber in der Region, die von den Tories beschlossenen Entlassungen und Rentenkürzungen im öffentlichen Dienst werden daher von vielen Einheimischen als Politik zu Lasten des Nordostens wahrgenommen. „Die jetzige Regierung unter David Cameron ist doch nicht anders als die unter Thatcher“, sagt Taylor, der inzwischen eine Imbissbude betreibt.

„Beide kümmern sich nicht um unsere Region. Meine Tochter hat einen Universitätsabschluss in Medizin und muss hier Fisch frittieren, weil es einfach keine Jobs gibt.“ Ein Kunde stimmt ihm zu: „Die lernen doch schon in Eton, wie man den Nordosten am besten bluten lässt“, sagt er in Anspielung auf die Londoner Eliteschule, die Cameron einst besuchte.

Während die Konservativen bei der vergangenen Parlamentswahl landesweit 36 Prozent der Stimmen erhielten, waren es in Easington nur gut 13 Prozent. Oft wiederholt wird der Scherz, dass die sozialdemokratische Labour-Partei im Nordosten einen Schimpansen zur Parlamentswahl aufstellen könnte, die Tories würden trotzdem verlieren. Noch vor wenigen Jahren schien es dennoch so, als könnten die Konservativen ihre Schwäche in der Region überwinden.

Der wirtschaftsfreundliche Kurs des ehemaligen Premiers Tony Blair vergrätzte viele langjährige Unterstützer seiner Labour-Partei, und die Tories witterten Morgenluft. 2008 hielten die Konservativen ihren Parteitag in der Industriestadt Gateshead, 25 Kilometer nördlich von Easington, ab. Die Botschaft war klar: Die Tories sollten endlich auch im Nordosten wählbar werden.

Schmusekurs der Tories ist gescheitert

Die Parlamentswahl im vergangen Jahr wurde dennoch zum Desaster. „Von der Unzufriedenheit mit der Labour Partei konnten hier vor allem die Liberalen profitieren“, sagt der Historiker Lewis Mates von der Universität Durham, der die Geschichte der nordenglischen Arbeiterbewegung erforscht. „Die Konservativen blieben für die meisten Menschen unwählbar.“ Spätestens mit dem Streik ist klar, dass der Schmusekurs der Tories mit dem Nordosten gescheitert ist.

Auch in Durham, der Hauptstadt des ehemaligen Kohlereviers, erhält der Arbeitsausstand viel Unterstützung. Autofahrer hupen den streikenden Angestellten der örtlichen Passkontrollstelle zu, Passanten winken aufmunternd. „Wenn ich dürfte, würde ich auch streiken“, sagt der Gefängniswärter Das Nichol. „Die Sparmaßnahmen der Regierung bedeuten, dass ich für weniger Geld länger arbeiten muss.“ Auf die Frage, ob er jemals die Konservativen wählen würde, antwortet er nur mit einem Lachen.

Natürlich gibt es auch im Nordosten Menschen, die den Streik nicht unterstützen. „Die Angestellten des öffentlichen Sektors sollten sich nicht beschweren“, sagt Alan Taylor, Betreiber eines kleinen Friseursalons. „Sie kriegen eine viel bessere Rente als ich, obwohl sie nicht mehr arbeiten.“ Solche Stimmen sind aber in der Minderheit – die meisten stehen hinter den Gewerkschaften.