Schuldenkrise

Geldflut der Zentralbank löst Dax-Kurssprung aus

Die Hilfsaktion für die Finanzbranche beflügelte die Märkte weltweit und löste ein wahres Kursfeuerwerk am deutschen Aktienmarkt aus. Doch die Probleme sind damit nicht gelöst und so bleibt unklar, wie lange die Feierstimmung anhalten wird.

Der Kapitalmarkt hängt wie ein Süchtiger an seiner Droge, und am Mittwoch hat er die nächste Dosis bekommen: In einer abgestimmten Aktion haben die Europäische Zentralbank (EZB), die US-Notenbank Fed und weitere wichtige Zentralbanken in den Geldmarkt eingegriffen , um dem weltweiten Finanzsystem mehr Liquidität zur Verfügung zu stellen und ein Abgleiten in die Rezession zu verhindern. Die Börsen reagierten euphorisch: Der Deutsche Aktienindex legte in der Spitze bis auf 6130 Zähler zu – ein Zuwachs von mehr als fünf Prozent.

Das Statement der Notenbanker war nicht die einzige gute Nachricht, die die Märkte bewegte. Zuvor hatte bereits China angekündigt, seine Geldpolitik zu lockern und dem Dax damit schon vorab zu einem ersten Freudenhüpfer verholfen. Von der positiven Stimmung profitierten vor allem Finanzwerte wie Banken und Versicherungen, aber auch zyklische Werte wie BASF, Thyssen oder BMW. Die Unternehmen haben es jetzt leichter, sich frisches Geld zu beschaffen. Die Erleichterung machte sich auch an anderen Märkten bemerkbar. Die Kurse europäischer Staatsanleihen zogen an, die Renditen fielen, Die Erwartung einer konjunkturellen Belebung trieb den Ölpreis, auch die Notierungen für Edelmetalle zogen an.

Die Hoffnung auf einen nachhaltigen Erfolg im Kampf gegen die Schuldenkrise dürfte allerdings trotz der fulminanten Marktreaktion vergeblich sein. „Das ist nur ein Herumlaborieren am Symptom“, sagt Giuseppe Amato, Marktstratege bei Lang & Schwarz, „fundamental ändert sich nichts.“ Sein Kollege Rainer Sartoris vom Bankhaus HSBC Trinkaus pflichtet ihm bei: „Es muss klar sein, dass viele Probleme damit nicht gelöst sind.“

Eines der akuten Probleme, das die Notenbanker mit dem Schritt am Mittwoch lösen wollten, ist das große Misstrauen der Banken untereinander. Es hat den direkten Handel zwischen den Kreditinstituten, ähnlich wie nach dem Lehman-Schock 2008, ins Stocken gebracht. Diesmal liegt der Grund für das Misstrauen im starken Engagement europäischer Bankhäuser in Staatsanleihen angeschlagener Euro-Länder wie etwa Italien. Die in Euro notierenden Wertpapiere wurden zuletzt kaum noch als Sicherheit für Dollar-Tauschgeschäfte am internationalen Kapitalmarkt akzeptiert, da die Gemeinschaftswährung als gefährdet gilt.

Einfach gesagt: Die Banken bekamen kaum noch Dollars für ihre Euros. Deshalb sahen sich die Notenbanken in der Pflicht, den Dollar für solche Tauschgeschäfte (Swaps) billiger zu machen und senkten entsprechend den Zinssatz um 50 Basispunkte. So soll der Handel zwischen den Banken wieder florieren. Diese hatten ihr Geld zuletzt lieber der EZB geliehen als irgendeinem anderen Geschäftspartner. Zuletzt näherte sich das Volumen der Einlagen bei der EZB der Marke von 300 Milliarden Euro. Die war zuletzt im Sommer 2010 überschritten worden – ein Beleg für die Verspannungen am Interbankenmarkt, die die Notenbanken mit ihrem gemeinsamen Vorgehen auflösen wollen.

In der Hoffnung auf ein Gelingen der Aktion lagen die Finanzwerte denn auch mit an der Spitze der Gewinnerlisten in den Indizes. Im Euro-Stoxx 50 legten Axa, die Deutsche Bank, Intesa, ING, Allianz und BNP Paribas jeweils um mehr als fünf Prozent zu. Das ist kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, das zeigt ein Blick auf die Entwicklung des Branchenindex seit Jahresanfang im Vergleich zum Dax: Die Banken hinken dem Gesamtmarkt rund 30 Prozent hinterher. So mag trotz des jüngsten Kursfeuerwerks kaum mehr jemand die Titel von Banken und Versicherungen zum Kauf empfehlen: Zu groß ist die Skepsis angesichts der Risiken in den Portfolien der großen Geldkonzerne.

Doch auch jenseits der Finanzbranche ist unklar, wie lange die Feierstimmung anhalten wird. Möglich jedenfalls, dass sie schon bald wieder in tiefe Depression umschlägt. Denn die Ursachen der Verschuldungskrise sind weiterhin nicht adressiert. Der Kampf gegen die Finanzkrise allerdings gleicht mittlerweile immer mehr dem Einsatz von Helfern gegen eine Sturmflut, die die aufgeweichten Deiche einzureißen droht: Ist eine Stelle abgedichtet, so tut sich anderswo ein neues Leck auf.

So weist der bekannte Ökonom Nouriel Roubini auf einen Kollateralschaden der Notenbank-Aktion hin, die der Euro-Zone den Kampf gegen die Krise eher erschwere: „Der Euro ist nach der Meldung um gute zwei Cent gestiegen. Die schwachen Euro-Staaten aber bräuchten jetzt einen schwächeren Euro, um wettbewerbsfähig zu werden und damit einen Bruch der Währungsunion zu verhindern.“

Zunächst aber verschaffte die Notenbank-Intervention am Mittwoch den hoch verschuldeten Euro-Staaten Erleichterung. So fielen die Renditen für italienische Staatsanleihen wieder unter die kritische Marke von sieben Prozent. Deutsche Schuldscheine mit einem Jahr Laufzeit rentierten sogar unter null Prozent. Diese Null-Kupon-Papiere werden Händlern zufolge vor allem von Anlegern nachgefragt, die für die Euro-Zone extrem pessimistisch sind. „Die wollen nur ihr Geld wieder haben – und sind bereit, dafür Abstriche zu machen“, erklärte ein Börsianer.

Das Fieberthermometer der Finanzmärkte hat denn auch am Mittwoch zuverlässig angezeigt, wie fragil die Lage trotz der Aktion der Notenbanken weiterhin ist: Der Goldpreis legte analog zu den beiden Meldungen in zwei Schritten um fast zwei Prozent auf knapp 1750 Dollar zu, nachdem er zunächst in negatives Terrain abgetaucht war. Das gelbe Metall profitiert als Anlageklasse nicht nur in seiner Rolle als sicherer Hafen und Inflationsschutz. Zusätzlich kommen dem Gold die weiteren geldpolitischen Lockerungen zugute. Denn je weniger andere Anlageklassen an Zinsen abwerfen, umso weniger fällt es ins Gewicht, dass Gold keine Zinsen bringt.