Lukratives Geschäft

Weihnachtsmärkte sind eine Lizenz zum Gelddrucken

Die besten Plätze auf dem Weihnachtsmarkt sind hart umkämpft. Das Geschäft verspricht den Händlern einen Millionen-Umsatz.

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Die Puppenhändlerin Theresa Galle lässt sich ihre gute Laune an diesem sonnigen Tag nicht verderben. Sie steht am frühen Morgen auf dem Münchener Marienplatz, wo die Holzhütten für den Christkindlmarkt aufgebaut sind.

Sie blickt in ihre Auslagen: kleine Schutzengel, aus Holz geschnittene Weihnachtsmänner sowie in bayerischer Tracht gekleidete Porzellanpuppen schauen stumm zurück. Galle ist stolz auf ihre Sammlung. Sie ist sich sicher, dass sie sich gut verkaufen. Eurokrise hin oder her, „Weihnachten wird immer etwas Besonders sein“, sagt sie. „Der Geldbeutel wird auch dieses Jahr wieder locker sitzen.“

Da kann sie Recht haben. Die Bayerin hat viel Erfahrung mit dem Weihnachtsgeschäft. Seit 25 Jahren zieht es sie bereits im Dezember auf den Marienplatz. Sie hat Terrorwarnungen, Schneetreiben und gänzlich verregnete Dezemberwochen erlebt. Nichts von alledem hat ihr das Geschäft so verderben können, dass sie auf den Gedanken gekommen wäre, im kommenden Jahr einfach in ihrer warmen Stube zuhause zu verbringen. Stattdessen sitzt sie bei Minusgraden in ihrem Stand, der von einem kleinen Heizlüfter warm gehalten wird.

Geldbeutel sitzt locker

Die Saison der Weihnachtsmärkte hat begonnen. Kollegen strömen in den kommenden Wochen am Feierabend direkt aus den Büros auf die Märkte, Kinder kleben an den Auslagen der Süßwarenstände und andere fahnden nach Geschenken. Aktuelle Zahlen, wie viele Weihnachtsmärkte es denn eigentlich in Deutschland gibt, gibt es nicht. Mehrere Tausend sind es älteren Schätzungen zufolge – die Märkte in Aachen, Dresden, Frankfurt, Leipzig, München, Nürnberg und Stuttgart zählen sich zu den Bekanntesten unter ihnen.

Der Geldbeutel sitzt den Kunden in diesen Wochen tatsächlich locker. Das Weihnachtsgeschäft ist für den Einzelhandel die bedeutsamste Zeit. Wer Spielwaren verkauft, setzt dem Handelsverband Deutschland (HDE) zufolge zwischen November und Dezember im Durchschnitt ein Drittel des Jahreserlöses um. Uhrenhändler, Buchhandlungen sowie Fachgeschäfte für Unterhaltungselektronik machen immerhin noch ein Viertel des Umsatzes in dieser Zeit.

Es scheint, dass die Händler in diesem Jahr ausnahmsweise einmal wieder nicht enttäuscht werden. „Der Start ins Weihnachtsgeschäft ist gut gelaufen“, sagte vor wenigen Tagen auch ifo-Konjunkturexperte Klaus Abberger. Der HDE erwartet im laufenden Weihnachtsgeschäft ein Wachstum von 1,5 Prozent.

Das wäre auch nötig, denn der Einzelhandel hat wenig erfolgreiche Jahre hinter sich gebracht. Der Umsatz im hektischen Geschäft in den Wochen vor der stillen Zeit liegt nun immer unter den Werten des Jahres 2006, als die Läden noch 77,7 Milliarden Euro umsetzten.

Die Betreiber der Weihnachtsmärkte sind optimistisch. „In den letzten Jahren waren die Besucherzahlen bei drei Millionen konstant. Davon gehen wir auch in diesem Jahr aus“, heißt es von der Tourismus+Congress GmbH, die den Frankfurter Weihnachtsmarkt veranstaltet. In Leipzig und Nürnberg hoffen die Betreiber mindestens das Niveau des Vorjahres mit zwei Millionen Besuchern zu schaffen. Die Organisatoren des Dresdner Striezelmarktes sind mutiger: „Wenn das Wetter mitspielt werden wir die Besucherzahlen vom Vorjahr übertreffen können“, sagt Birgit Monßen, Amtsleiterin der Wirtschaftsförderung - im vergangenen Jahr hatte der frühe Wintereinbruch viele Besucher abgeschreckt. Ähnlich äußern sich auch die Münchener Betreiber.

Für die Städte ist das ein gutes Geschäft. Die Weihnachtsmärkte ziehen vor allem Tagestouristen aus dem ganzen Umland an. Und wer dann schon einmal in der Stadt ist, gibt dann auch gerne Geld aus. In Frankfurt geht man davon aus, dass jeder Besucher im Schnitt um die 35 Euro in Frankfurt lässt – auf die Anzahl der Gäste hochgerechnet sind das 105 Millionen Euro. Die Nürnberger gehen immerhin von 80 bis 100 Millionen Euro aus. Die Münchner haben einen Wirtschaftswert des Christkindlmarktes von sogar 202 Millionen Euro errechnet – immerhin ist der Markt von zahlreichen großen Kaufhäusern umringt.

Nur jede fünfte Bude dürfen Gastronomen besetzen

Nicht umsonst haben viele Städte die Organisation der Weihnachtsmärkte ranghohen Beamten übertragen. Gabriele Weishäupl kümmert sich in München darum. Seit 26 Jahren organisiert sie als Tourismuschefin der Stadt neben dem Oktoberfest auch den Christkindlmarkt. Ein undankbarer Job, denn die grantigen Münchener haben eigentlich immer etwas auszusetzen. Beim Oktoberfest schimpfen sie über zu hohe Preise und zu leere Gläser. Im Winter hingegen machen sie sich über den Weihnachtsbaum vor dem Rathaus lustig. Eine Tradition, die in diesem Jahr besonders aktuell ist. Die Tanne vor dem Gebäude am Marienplatz sieht mit ihren hängenden Zweigen schon sehr kränklich aus.

„Wenn er beleuchtet ist, sieht er gut aus“, sagt Organisatorin Weishäupl. Sie weiß, wie hoch der Wirtschaftswert des Christkindlmarktes für die Stadt ist – und so achtet sie auch streng auf das Image. Es gibt viel Kunsthandwerk und Stände, die sich darauf konzentrieren, Holzkrippen zu verkaufen. Die meisten Anträge der zahlreichen Gastwirte, die hier am liebsten nur noch Glühwein ausschenken würden, lehnt sie rigoros ab. „Wir haben auf allen Volksfesten den Trend zum Essen und zum Trinken. Würden wir dem Raum geben, dann hätten wir reine Fressmeilen“, sagt sie. Nur jede fünfte Bude dürfen Gastronomen besetzen.

Das Geschäft mit dem Glühwein ist allerdings sehr verlockend. Die Budenbesitzer halten ihre Umsatzzahlen streng geheim. Doch Schätzungen zufolge können Verkäufer an guten Plätzen sechsstellige Umsatzzahlen in der Saison erreichen.

Das kommt einer Lizenz zum Gelddrucken gleich, vor allem, wenn die Standmieten gering sind. In Nürnberg zahlt ein Glühweinhändler etwa gerade einmal 904 Euro für einen Frontmeter – die Hütte bekommt er dann auch noch von der Stadt gestellt. Wichtig für die Glühweinstände ist es, dass es nun auch richtig kalt wird. „Das Wetter ist ganz wichtig. Das merkt man auch bei Lebkuchen. Je kälter es ist, desto mehr wird konsumiert“, sagt Stefanie Gerstacker von der gleichnamigen Nürnberger Weinkellerei, die unumstrittener Marktfrührer bei Glühwein ist.

Weihnachtsmärkte sind lukratives Geschäft

„Für einen Weihnachtsmarkt sind fünf Grad angenehm. Das wäre optimal.“ Große Sorgen macht sie sich angesichts der milden Temperaturen derzeit nicht. Die Erfahrung zeigt, dass die Kunden den Konsum an Glühwein einfach in kälteren Monaten nachholen. Mehr als eine bestimmte Menge des warmen Weins trinke man im Jahr ohnehin nicht.

Viele Städte haben trotzdem regelmäßig mit wütenden Antragstellern zu kämpfen, die sich ihre Standplätze vor Gericht erkämpfen wollen. Dresden etwa hat in den vergangenen Jahren stets Standbetreiber nach erfolgreichen Klagen zulassen müssen – immer wieder hatte das Gericht eine unklare Vergabepraxis moniert. Die Behörde für Wirtschaftsförderung besserte jedes Mal nach. Mit Erfolg.

In diesem Jahr wies das Verwaltungsgericht in dieser Woche erstmals alle drei anhängigen Klagen ab. Die Münchnerin Weishäupl hat da deutlich mehr Erfahrung als die Dresdner. Sie lächelt nur über solche Versuche. „Bei uns hat noch keiner mit Klagen Erfolg gehabt“, sagt sie. Wer klare und transparente Vergaberegeln hat, kann sich gegen Klagen wehren.

Für geschäftstüchtige Gastronomen gibt es allerdings auch immer mehr Ausweichmöglichkeiten. Hatten früher die Städte nur einen zentralen Weihnachtsmarkt, sind die Glühweinbuden heute über das ganze Stadtgebiet verteilt. Es reicht ein Blick nach München: Es gibt einen Mittelaltermarkt am Wittelsbacher Platz, den Schwulenmarkt „Pink Christmas“ im Szeneviertel rund um den Gärtnerplatz sowie gut 17 weitere Märkte im ganzen Stadtgebiet. „Die Konkurrenz nimmt zu“, sagt Weishäupl.

WeihnachtsZauber verlangt Eintritt

Für die privaten Organisatoren ist das ein lohnendes Geschäft. So etwa für Helmut Russ, der seit vielen Jahren den „WeihnachtsZauber“ am Gendarmenmarkt in Berlin betreibt. Die Konzession hatte damals die Stadt ausgeschrieben, die einen beschaulichen Weihnachtsmarkt wollte, den man bei Touristen vermarkten kann. Er bekam den Zuschlag mit seinem Konzept. Er verlangt Eintritt von den Besuchern, bietet dafür aber auch Vorführungen und beheizte Zelte an. Der Weihnachtsmarkt am Hamburger Rathaus wird vom Zirkusbetreiber Roncalli organisiert.

Wie sehr sich die Lust auf Weihnachtsstimmung zum Geschäft wird, zeigt indes das Tollwood-Festival in München. Was einst als kleines, alternatives Winterfestival begann, auf dem sich Münchener Himalaya-Strickwaren und fernöstlichen Heil- und Duftkräuter kauften, ist heute eine gigantische Großveranstaltung geworden, die nur noch auf der großen Theresienwiese stattfinden kann.

600.000 Besucher kommen mittlerweile dahin. Weishäupl sieht das allerdings nicht als Konkurrenz zum Christkindlmarkt. „Das ist eine andere Klientel“, sagt sie, die auch Schirmherrin des Tollwood-Festivals ist.

Das sind alles Dimensionen, in denen die Puppenhändlerin Galle auf dem Münchener Marienplatz gar nicht mehr denken mag. Sie mag ihren kleinen Stand. Und für sie geht es auch gar nicht allein darum, im Weihnachtsgeschäft viel Geld zu verdienen. Das sagt zumindest ihre Freundin, die sie heute am Stand besucht. „Wenn das keine Freude machen würde, dann würde sie das doch nicht durchhalten“, sagt sie. Auch sie scheint Freude zu haben: Beim Auspacken der Puppen hat sie ja bereits tatkräftig mitgeholfen.