Eigenkapitalquote

Banken wollen den Stresstest hinausschieben

Die Banken in Deutschland sehen sich nicht in der Lage, innerhalb der gesetzten Frist die von der Bankenaufsicht angeforderten Daten abzuliefern.

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Ein Weihnachtsgeschenk ist wohl das letzte, was die deutschen Banken der europäischen Bankenaufsicht EBA gönnen wollen. Eigentlich müssen die Institute bis zum 25. Dezember einen detaillierten Plan nach London schicken, in dem sie auflisten, wie sie ihren Kapitalbedarf decken wollen.

Doch die deutschen Banken wehren sich dagegen, noch vor den Feiertagen ihre Briefe an Andrea Enria, den Chef der EU-Bankenaufsicht, abzuschicken.

In einem gemeinsamen Schreiben bitten die deutsche Institute nun um Aufschub: „Einige Banken finden es extrem schwer, wenn nicht unmöglich, die anvisierte Frist einzuhalten“, heißt es in einem Brief der Deutschen Kreditwirtschaft. Das Gremium vertritt sowohl Privatbanken als auch Sparkassen und Genossenschaftsbanken.

Nicht mehr in diesem Jahr

Als neuen Zeitpunkt schlagen die Branchenvertreter den 13. Januar 2012 vor. Die Gräben zwischen den Aufsehern und der jungen EU-Behörde waren noch nie so tief wie heute. Die EBA hatte den 70 größten europäischen Instituten im Oktober eine Kapitallücke von 106 Milliarden Euro attestiert.

Auf die deutschen Häuser entfielen davon insgesamt 5,2 Milliarden Euro. Die Aufseher hatten bei dem Szenario hohe Verluste bei europäischen Staatsanleihen unterstellt und verlangen obendrein, dass nach dieser Übung die Kernkapitalquote neun Prozent betragen muss.

Bis zum Juni 2012 soll das fehlende Geld aufgetrieben sein – ansonsten werden die Banken zwangskapitalisiert. Doch die Institute haben größte Probleme, das Kapital am freien Markt heranzuschaffen. Die katastrophale Kursentwicklung der Finanztitel schreckt Investoren ab und macht Kapitalerhöhungen fast unmöglich.

Mit dem Brief versuchen die Banken verzweifelt an den Kriterien des derzeit laufenden Bankenstresstests noch etwas zu verändern. Doch dem Vernehmen nach ist die Londoner Behörde in zumindest zwei wichtigen Punkten schon festgelegt. Ein Grund betrifft eine technische Änderung: Anstatt pauschaler Risikogewichte müssen die Banken nun ihre internen Risikomodelle zugrunde legen, die eine strengere Eigenkapitaldefinition anwenden.

Kursgewinne nicht mehr anrechenbar

Eine der wesentlichen Änderungen gegenüber der ersten Stresstest-Runde im Oktober ist, dass positive Kurseffekte von Staatsanleihen nicht mehr voll anrechenbar sind. Weil die deutschen Banken hohe Bestände an deutschen Papieren in ihren Büchern halten, trifft sie diese Regelung besonders hart. Denn die Kursgewinne könnten Kursverluste bei den Staatsanleihen der Euro-Wackelstaaten ausgleichen. Fällt dieser Effekt weg, ist das Loch viel größer als gedacht.

Besonders hart trifft das die Commerzbank. Sie könnte statt bislang 2,9 Milliarden Euro nun fünf bis sechs Milliarden Euro benötigen. Vorstandschef Martin Blessing hat aber jüngst erst ausgeschlossen, erneut Staatshilfe in Anspruch zu nehmen, und eine bei Investoren zu platzierende Kapitalerhöhung gilt angesichts des Aktienkurses als illusorisch.

Auch andere Banken bangen nun, dass bei ihnen doch noch eine Lücke festgestellt werden könnte. Nach den vorläufigen Daten brauchen neben der Commerzbank auch die Deutsche Bank, die LBBW und die NordLB mehr Kapital. Aber die Zahl der betroffenen Institute könnte noch steigen.

Auch Deutsche Bank betroffen

Auch bei der Deutschen Bank könnte der Kapitalbedarf erheblich höher ausfallen als im vorläufigen Test publiziert. Dem Vernehmen nach könnte die Lücke bis zu drei Milliarden Euro ausmachen. Das Institut äußerte sich bislang nicht dazu. Analysten halten den Kapitalbedarf der Deutschen Bank jedoch für unproblematisch: „Die Bank hat soviel Substanz, da muss man sich keine Sorgen um eine Kapitalerhöhung machen“, sagt etwa Konrad Becker, Bankenexperte bei der Privatbank Merck Finck.

Die Deutsche Kreditwirtschaft fordert von EBA-Präsident Enria zudem, die Instrumente zu erweitern, mit denen die Institute die Kapitallücke schließen können. Die Aufseher wollen neben Eigenkapital bisher nur „CoCo“-Bonds erlauben, das sind Anleihen, die sich in der Krise in Eigenkapital verwandeln. Die Bankenverbände wollen jetzt erreichen, dass die EBA auch vergleichbare Papiere dafür zulässt.

Britische Banken rechnen Euro-Crash durch

Noch haben sich die Banken auf europäischer Ebene nicht zusammengeschlossen, um gemeinsam gegen die Stresstests zu protestieren. Aber auch in anderen Ländern wird die Diskussion hitziger.

So müssen sich britische Banken nach dem Willen der Aufsichtsbehörden auf einen ungeordneten Zusammenbruch der Euro-Zone vorbereiten. Zwar seien die Institute direkt nicht so stark in der Euro-Zone engagiert, sollten sich jedoch auf das Schlimmste vorbereiten, sagte Andrew Bailey von der Bankenaufsicht FSA.

„Gutes Risikomanagement bedeutet die Vorbereitung auf unwahrscheinliche, aber folgenschwere Szenarien, und dies bedeutet, dass wir die Aussicht auf einen ungeordneten Abschied einiger Länder aus der Euro-Zone nicht ignorieren dürfen“, erklärte Bailey. „Ich bringe damit keine Meinung zum Ausdruck, ob dies geschehen wird, aber es muss zu den Notfallplänen gehören.“

Unterdessen plant die Europäische Zentralbank (EZB), den Banken stärker bei der Refinanzierung unter die Arme zu greifen. Schon bisher stützt die EZB bei der kurzfristigen Refinanzierung und bietet ihnen Mittel an, die bis zu 13 Monate laufen. Nun wird überlegt, diese Instrumente auf 24 oder sogar 36 Monate auszudehnen. „Das wird gerade diskutiert. Es gibt aber noch keine Entscheidung“, sagte eine Person aus dem Umfeld der Notenbank.