Verstaatlichung

Größenwahn trieb Finanzhaus Dexia in den Ruin

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A. Rexer, E. Steiner und G. Wüpper

Die belgisch-französische Dexia ist das erste Opfer der Euro-Krise. Frankreich, Luxemburg und Belgien einigen sich auf Milliarden-Hilfen.

Dexia fällt als erste Bank der europäischen Schuldenkrise zum Opfer. Das durch Liquiditätsprobleme in Schwierigkeiten geratene belgisch-französische Finanzinstitut soll zerschlagen und teilweise verstaatlicht werden. Der Verwaltungsrat Dexias stimmte der geplanten Aufspaltung zu. Belgien, Frankreich und Luxemburg erklärten sich bereit, weitere 90 Milliarden Euro als Garantien für riskante Wertpapiere zu stellen.

Diese sollen in eine „Bad Bank“ – eine Art Abwicklungsanstalt – ausgelagert werden. Belgien will für vier Milliarden Euro den vor allem auf das Privatkundengeschäft spezialisierten belgischen Teil des Finanzinstituts übernehmen. Der luxemburgische Arm Dexia Banque Internationale (BIL) soll nach Angaben der Regierung des Herzogtums an eine Investorengruppe der Königsfamilie des Emirats Katar gehen.

Schicksal der Dexia-Töchter unklar

Und die auf Finanzierung von Gebietskörperschaften spezialisierte französische Sparte könnte mit der staatlichen französischen Bank Caisse des Dépôts et Consignations (CDC) und der Postbank Banque Postale verschmolzen werden. Der Dexia-Verwaltungsrat beauftragte Bank-Chef Pierre Mariani, Verhandlungen mit den beiden Instituten aufzunehmen. Noch unklar ist dagegen das Schicksal der türkischen Dexia-Tochter Deniz-Bank. Die russische Sberbank dementierte Gerüchte, an einer Übernahme interessiert zu sein.

Dexia hatte noch im Juli den Stress-Test für Banken bestanden. Und doch kommt das Ende der belgisch-französischen Bank für Experten nicht überraschend. Immerhin stand sie bereits während der Finanzkrise 2008 kurz vor der Pleite und musste damals von Belgien, Frankreich und Luxemburg mit einer staatlichen Finanzspritze in Höhe von 6,4 Milliarden Euro gerettet werden.

Das Schicksal der vor 15 Jahren gegründeten Bank lasse sich als Chronik eines angekündigten Todes zusammenfassen, urteilte die französische Tageszeitung „Le Monde“ deshalb in Anspielung auf einen Roman von Gabriel Garcia Marquez.

Dexia leide nicht unter der derzeitigen Konjunktur, sondern unter strukturellen Problemen, heißt es in Pariser Bankenkreisen: Innerhalb der Gruppe habe es zu viele unterschiedliche Aktivitäten gegeben, aber keine finanzielle Einheit oder geographische Kohärenz. Belgien, Frankreich und Luxemburg hätten die Bank deshalb bereits vor drei Jahren zerschlagen sollen, statt sie künstlich am Leben zu erhalten.

Den deutschen Behörden war Dexia bereits seit der staatlichen Rettung 2008 suspekt. Deshalb hat die deutsche Bankenaufsicht BaFin offenbar rechtzeitig Vorsorge getroffen. Die Aufseher hätten bereits vor vielen Monaten von der Muttergesellschaft Garantien und Eigenkapitalspritzen für die deutsche Tochter verlangt, heißt es in informierten Kreisen.

Auch in Deutschland hat sich Dexia auf die Finanzierung öffentlicher Haushalte spezialisiert. Sie leiht einerseits deutschen Kommunen Geld, andererseits hat sie stark in europäischen Staatsanleihen investiert. Mit einer Bilanzsumme von 47 Milliarden Euro und einem Eigenkapital von 330 Millionen Euro ist sie allerdings weit davon entfernt, ein Schwergewicht der deutschen Bankenlandschaft zu sein. Zum Vergleich: Die größte deutsche Sparkasse hat eine Bilanzsumme von knapp 40 Milliarden Euro.

Probleme reichen weit zurück

Die Probleme Dexias reichen bis zu ihrer Gründung zurück. Die Bank entstand 1996 aus der Fusion der auf die Finanzierung von Gebietskörperschaften spezialisierten Institute Crédit Communal de Belgique und Crédit Local de France, einer 1993 privatisierten Tochter der staatlichen französischen Bank CDC. Damals träumte Dexia davon, eine „richtige Bankengruppe“ zu werden. Doch hinter den Kulissen kam es immer wieder zu Spannungen zwischen der belgischen und der französischen Seite.

Aus Furcht, der jeweils andere könnte seine Macht vergrößern, legten sie immer wieder ihr Veto ein, wenn Dexia eine europäische Universalbank wie den Crédit Lyonnais oder CIC aus Frankreich übernehmen wollte. Stattdessen musste sich das Institut mit kleinen Akquisitionen und Spezialsparten begnügen. Nach Ansicht von Branchenkennern haben Belgien und Frankreich Dexia mit dieser Haltung zu einer gefährlichen Expansion auf internationaler Ebene und in exotische Aktivitäten getrieben.

Doch die Eigner trifft nicht die alleinige Schuld. Auch der französische Co-Bankenchef Pierre Richard, der Dexia zusammen mit dem Belgier Axel Miller leitete, hatte äußerst ehrgeizige Ziele. Überzeugt davon, dass sich mit der Finanzierung von Gebietskörperschaften überall in der Welt Geld verdienen lasse, eröffnete er reihenweise Niederlassungen – von China über Japan bis nach Israel.

Er entwickelte Partnerschaften mit Spanien und Italien, übernahm kleinere Banken und Versicherungen in Belgien, Luxemburg, den Niederlanden und der Türkei. Im Jahr 2000 schließlich kaufte er für 2,6 Milliarden Dollar die amerikanische Kreditversicherungsgesellschaft FSA.

Der Zukauf, den damals die Märkte, die Presse und belgische und französische Politikern bejubelten, sollte sich für Dexia als fatal herausstellen. Denn als 2007 in den Vereinigten Staaten die Subprime-Krise ihren Lauf nahm, wurde die US-Tochter der europäischen Bank hart getroffen. Nach dem Fall von Lehman Brothers fürchteten Investoren, dass der Dexia-Mutterkonzern Finanzierungsprobleme bekommen könnte. Schließlich mussten Belgien, Frankreich und Luxemburg dem angeschlagenen Institut zu Hilfe eilen und ihm erst staatliche Garantien, dann eine Finanzspritze in Höhe von 6,4 Milliarden Euro geben.

Diese Rekapitalisierung sei zu teuer gewesen, argwöhnt die französische Seite. Belgien habe aus Angst vor einer Verwässerung seines Anteils einen zu hohen Preis je Aktie verlangt. Doch im Gegenzug konnte Frankreich das Führungsduo Richard/Miller absetzen und Pierre Mariani an der Spitze Dexias installieren. Der ehemalige Büroleiter des französischen Haushaltsministers stammt aus dem gleichen Dorf wie die erste Ehefrau von Staatspräsident Nicolas Sarkozy, zu dessen engsten Vertrauten er zählt.

Dexia seit langem in desolatem Zustand

Mariani habe Dexia in einem desolaten Zustand vorgefunden, heißt es im Umfeld der staatlichen französischen Bank CDC. Das Institut hätte sich nur noch vier Tage lang finanzieren können, die Buchführung sei abenteuerlich gewesen. Mariani versuchte eine Rosskur, verkaufte Sparten und strich Stellen – vor allem in Belgien, wo der Großteil der 38.500 Mitarbeiter angesiedelt ist.

Dadurch waren neue Spannungen programmiert: Immerhin argwöhnt man im Königreich seit langem, dass der größere Nachbar zu viel Macht bei Dexia habe und belgische Privatkunden die Finanzierung französischer Gebietskörperschaften subventionierten. Die Staatsfinanzierungs-Sparte ist zuletzt auch in Frankreich stark in die Kritik geraten, da sie mehr als 5500 französische Kommunen mit spekulativen Produkten an den Rand des Ruins getrieben haben soll.

Zwar hat Dexia auf Druck der Europäischen Kommission die Bilanz seit Ende 2008 von 651 Milliarden Euro auf 527 Milliarden Euro Ende März reduziert. Doch die Bank muss noch immer für ihre an Größenwahnsinn grenzende Expansionsstrategie der Vergangenheit büßen. Im Mai kündigte sie deshalb an, den Verkauf risikoreicher Aktivitäten zu beschleunigen. Abschreibungen über 3,6 Milliarden Euro drückten das ohnehin negative Ergebnis im zweiten Quartal auf Minus vier Milliarden Euro.

Bank-Chef Pierre Mariani versprach bei der Präsentation der Zahlen im August für das dritte Quartal dennoch eine Rückkehr in die Gewinnzone. Noch vor zwei Wochen dementierte er zudem Gerüchte über eine drohende Aufspaltung der Bank, die Ende Juni in ihrer Bilanz griechische Staatsanleihen in Höhe von 1,8 Milliarden Euro auflistete.

Ähnlich wie die gescheiterte Hypo-Real-Estate-Tochter Depfa hatte sich Dexia darauf spezialisiert, den Kauf langfristig laufender Staatsanleihen mit kurzfristigen Krediten zu finanzieren. Ein riskantes Geschäft, das seit 2008 nicht mehr funktioniert.

Obwohl sie ihren Bedarf an kurzfristigen Finanzierungen zwischen 2008 und 2011 von 265 Milliarden Euro auf 96 Milliarden Euro reduzierte, konnte die Bank ihren Problemen nicht mehr Stand halten: Nachdem die Ratingagentur Moody’s Dexia vor einer Woche abstufte, gerieten belgische Sparer in Panik und zogen massenhaft Ersparnisse von ihren Konten ab. Das war Dexias Untergang.