Energieversorger

Putin schlägt sich auf die Seite Gazproms

Die EU-Wettbewerbshüter haben die Energiekonzerne unter die Lupe genommen. Darunter auch Russlands Energiekonzern Gazprom. Nun reagiert der Kreml.

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Es war die bekannte Mischung aus Zynismus, Zorn und Süffisanz, mit der Russlands Premier Wladimir Putin auf die spektakulären Durchsuchungen europäischer Gasfirmen – darunter Töchter des russischen Konzerns Gazprom – reagierte. „Ich hoffe, man hat in Europa noch niemanden für Verträge mit Gazprom festgenommen und ins Gefängnis geworfen“, sagte Putin bei einem Treffen mit Gazprom-Chef Alexej Miller.

Auch wenn er Miller ermahnte, „mit den Behörden der Länder zu kooperieren, in denen Sie aktiv sind, offen zu sein und Kontrollorganen mit umfassenden objektiven Informationen zu helfen“, so hielt er doch fest: „Die Regierung wird sehr aufmerksam verfolgen, was rund um Gazprom vor sich geht.“

Was vor sich geht, sei eine „peinliche Überraschung“, sagte Miller. Gazprom sei „immer zum Dialog bereit gewesen“. Und der Konzern werde seine vertraglichen Verpflichtungen in vollem Umfang einhalten. Aber er werde sich auch das Recht vorbehalten, seine Position vor Gericht zu verteidigen.

Dass die EU-Wettbewerbsbehörde mit den Razzien offenbar einen Warnschuss in Richtung Russland abgeben wollte, um die aggressiv auf den westeuropäischen Endkunden-Markt vorstoßende Gazprom an die Spielregeln in der EU zu erinnern, hatte die „Morgenpost Online“ bereits vergangene Woche berichtet .

Am Montag bestätigte der „Spiegel“ unter Verweis auf beschlagnahmte Dokumente, dass die Razzien gegen die Marktmacht von Gazprom gerichtet gewesen seien. Gazprom habe sich mit problematischen Konditionen in Verträgen eine Monopolstellung in Osteuropa sichern wollen, wird ein Energiemanager zitiert. Wie aber die deutschen Konzerne RWE und E.on betonen, seien solche Verträge nach der EU-Marktliberalisierung bereinigt und nicht mehr abgeschlossen worden.

Türkei verlängert Gazprom-Vertrag nicht mehr

Spätestens seit Beginn der Marktliberalisierung sieht sich Gazprom im lukrativen Markt Europa mit Problemen konfrontiert. Etwa der Forderung europäischer Vertragspartner, auf Veränderungen auf dem Gasmarkt flexibler zu reagieren und von den starren Langfristverträgen und der Bindung des Gaspreises an den Ölpreis abzurücken. In diesem Zusammenhang erfuhr Gazprom auch einen Schlag von anderer Seite, und zwar von seinem Großkunden Türkei.

Am Wochenende teilte die staatliche türkische Gasgesellschaft Botas mit, dass sie einen der vier Langfristverträge, der Ende 2011 ausläuft, nicht mehr verlängert. Die Türkei hängt zu 64 Prozent vom Gasimport aus Russland ab und kauft dort jährlich 30 Mrd. Kubikmeter (30 Prozent des deutschen Jahresverbrauchs) zu. Ab dem kommenden Jahr droht Gazprom also auf einem Fünftel davon sitzen zu bleiben, es sei denn private türkische Konzerne kaufen diesen Teil anstelle des Staates auf.

Wie viele andere Staaten will auch die Türkei ihren Gasimport diversifizieren. So wird das Land künftig mehr Gas aus Aserbaidschan beziehen, und zwar aus dem Gasfeld Schah-Deniz, aus dem ab 2017 etwa zehn Mrd. Kubikmeter auch nach Europa fließen werden. Am Samstag haben die Betreiber der Pipeline Nabucco und zwei europäische Konkurrenzprojekte ihre Ansuchen um dieses Gas in Aserbaidschan eingereicht. Das Schah-Deniz-Konsortium will bis Ende 2011 entschieden, wer den Zuschlag erhält. Auch die Genehmigung der umstrittenen South-Stream-Pipeline nach Europa, an der Gazprom beteiligt ist, steht in der Türkei noch aus.

Durch die neue Ostseepipeline Nord Stream wird dagegen schon bald Gas aus Russland nach Deutschland strömen. Der erste Strang gehe am 8. November in Betrieb, kündigte Miller an.