Protestbewegung

Amerikas Mittelschicht wehrt sich gegen Bankenmacht

Tausende US-Amerikaner gehen auf die Straße und protestieren gegen Arbeitslosigkeit und die Macht der Wall Street. Sie sind enttäuscht vom Staat.

Foto: Viktoria Unterreiner

New York Als sich Kim F. (23) und Eva P. (23) auf dem Weg zur ersten Demonstration ihres Lebens machten, kamen sie an einem Polizisten vorbei. Sie waren erst etwas eingeschüchtert, doch der Mann lächelte sie an. Kim sagte daher zu ihm, dass er sich doch ihrem Marsch zur Wall Street an der Südspitze Manhattans anschließe solle.

Das tat der Officer in blauer Polizeimontur mit Schlagstock und Waffe zwar nicht, aber er gab den beiden jungen Frauen seine ganz persönliche Empfehlung mit auf den Weg: „Keep on fighting“ – sie sollten den Kampf fortsetzen.

Die Episode zeigt, dass der Rückhalt für die Bewegung wächst, die sich vor knapp drei Wochen in New York gebildet und von da auf das ganze Land ausgebreitet hat. Fernsehsender berichten, dass die Menschen mittlerweile in 50 Städten auf die Straße gehen. Sie haben die Unterstützung von Prominenten wie dem Schauspieler Alec Baldwin. Sogar der legendäre Investor George Soros gab zu, dass er ihre Wut verstehen könne.

Viele kommen spontan, schauen erst einmal zu, bevor sie mitmarschieren. Offiziell lautet das Motto der Proteste „Occupy Wall Street“, also „Besetzt die Wall Street“. Was die Demonstranten eint, ist ein Unbehagen darüber, dass in ihrem Land das soziale Gefüge nicht mehr zusammen passt. „Banks got bailed out, we got sold out“, rufen sie am Mittwochabend auf ihrem Marsch durch den New Yorker Finanzbezirk.

Demonstranten fühlen sich vom Staat im Stich gelassen

Die Banken wurden mit Steuergeldern vor dem Untergang gerettet, während sie sich vom Staat im Stich gelassen fühlen. Es ist ein bemerkenswerter Vorwurf in einem Land, dessen Bewohner stets stolz darauf waren, es aus eigener Kraft zu schaffen. Doch Finanzkrise und Rezession haben den Glauben an diese Chance für jedermann zerstört.

Kim studiert Jura an der Eliteuniversität Columbia. Wenn sie fertig ist, wird die New Yorkerin mit Schulden in Höhe von voraussichtlich 45.000 Dollar ins Berufsleben starten. „Das wäre in Ordnung, wenn die Aussichten auf eine Stelle gut wären“, sagt sie. Doch Kim kennt zu viele Absolventen, die in der schlechten Wirtschaftslage keinen Job finden. „Wir jungen Leute machen all das, was von uns erwartet wird“, sagt sie.

„Aber am Ende gehen wir leer aus.“ Sie glaubt nicht mehr an den amerikanischen Traum, der einem Kind aus einfachen Verhältnissen den Aufstieg nach oben ermöglicht, wenn es sich nur fest genug anstrengt. „Das hat früher funktioniert und die Leute angespornt“, sagt sie. „Unsere Gesellschaft hat sich aber so verändert, dass dieses Versprechen nicht mehr eingehalten wird.“

Wieso die Proteste genau jetzt losbrechen, ist schwer zu sagen. Es gab kein bestimmtes Ereignis, keinen drastischen Einbruch oder eine bestimmte Nachricht, die am 17. September die ersten Aktivisten dazu trieb, sich im Zuccotti Park im Süden Manhattans zu treffen. „Die Ursache der Krise war so komplex, dass die Menschen erst eine Weile gebraucht haben, um sie wirklich zu verstehen “, sagt Eva.

Zudem hat die US-Wirtschaft die Rezession nur auf dem Papier beendet. Die Arbeitslosenrate verharrt bei rund neun Prozent. Zählt man all die dazu, die sich aus Hoffnungslosigkeit gar nicht mehr beim Amt melden, sind es noch mehr. Schätzungen gehen von 25 Millionen US-Amerikanern aus, die Arbeit suchen oder ihre Stelle zeitlich aufstocken würden, wenn sie könnten.

Gewerkschaften beteiligen sich

Auch in den Monaten unmittelbar nach der Finanzkrise hatte es Demonstrationen gegeben. Doch sie fanden nur zu Beginn Zulauf. Das ist dieses Mal anders. Mehrere Gewerkschaften, darunter die mächtige Automobilgewerkschaft UAW und eine Lehrervereinigung, haben sich der Initiative angeschlossen. Die Polizei zählte beim jüngsten Marsch rund 5000 Teilnehmer. Die Gewerkschaften gehen von rund doppelt so vielen Demonstranten aus.

Dabei verhielten sie sich erstaunlich friedlich. Zwar sollen mehr als 700 Protestierende seit Beginn der Proteste festgenommen worden sein. Die meisten wurden von der Polizei abgeführt, als sie den Verkehr auf der Brooklyn Bridge zum Erliegen brachten. Doch der Marsch verlief weitgehend ruhig. „Randalierer sind bislang kaum darunter“, sagt der Polizist. Ihre Wut bringen sie stattdessen auf Plakaten zum Ausdruck. Höhere Steuern für Reiche fordern sie dort.

Sie bezeichnen sich als „die 99 Prozent“, die nicht mehr länger „Gier und Vetternwirtschaft der reichsten ein Prozent“ der Bevölkerung hinnehmen wollen. Sie tragen T-Shirts, auf denen sie Banken als Geld saugende Vampire bezeichnen. Dazu kommen alle möglichen Anliegen, die von mehr Rechten für Arbeitnehmer bis hin zum Umweltschutz reichen. Erstaunlich viele junge Leute sind darunter. Sie tragen enge Jeans und Ray-Ban-Brillen. Dies ist kein Marsch der sozialen Randgruppen und ewigen Verlierer. Hier geht die Mittelschicht auf die Straße, die sich von der Politik im Stich gelassen fühlt.

Ihre Aktionen planen sie über das Internet. Dort wird der Marsch in New York in Echtzeit mit einer eigenen Kamera übertragen, so dass sie auf die Berichterstattung der Medien nicht zwingend angewiesen sind. Auf der Internetseite geben sie künftige Aktionen bekannt. Ein Klick genügt, um den Termin in seinen Kalender einzutragen, und wer den Treffpunkt nicht kennt, wird einfach auf Googlemaps verlinkt.

Sie wollen, dass sich etwas ändert

Auf diese Weise hat auch Semira Kayabas ihren Weg gefunden. Die 24-Jährige befindet sich in der Ausbildung zur Sozialarbeiterin. Um sich diesen Berufswunsch zu erfüllen, wird sie am Ende Schulden in Höhe von 35.000 Dollar angehäuft haben.

„Die ersten zehn Jahre werde ich nur arbeiten, um die Kredite abzubezahlen“, sagt sie. Erst dann könne sie anfangen, sich ein eigenes Heim aufzubauen. Dass ihre Arbeit so wenig wert ist, empfindet sie als ungerecht. Vor einigen Jahren hätte Semira dies vielleicht einfach so hingenommen. Doch die Finanzkrise hat diese Akzeptanz bei ihr zerstört. Mit ihrem Plakat hat sie sich daher auf den Weg in den Finanzbezirk gemacht.

„Ich will, dass sich etwas ändert“, sagt sie. Die Solidarität der Kioskbesitzer im Finanzbezirk ging jedoch noch nicht so weit. Ein besonders Geschickter nutzte die Gelegenheit und erhöhte den Preis für die Wasserflasche um einen Dollar.