Energieversorgung

Südafrika – Am Kap der atomaren Hoffnung

Trotz der Katastrophe in Fukushima forciert Südafrika den Bau neuer Reaktoren, um den wachsenden Energiehunger zu stillen. Kleinere Nationen wollen folgen.

Foto: Infografik WELT ONLINE

Der jüngste Stromausfall in Südafrika kostete Michael Cohen ein Bein. Der in Kapstadt lebende Brite badete in einer Gegend, die gerne von Haien aufgesucht wird. Die Sirene, die stets bei der unmittelbaren Sichtung eines Haies ertönt, würde er schon nicht überhören, dachte der 43-Jährige. Doch beinahe ganz Kapstadt war seit einer Stunde ohne Strom, die Sirene versagte, ein Hai attackierte und schnappte sich Cohens Bein.

Nun wäre es nicht ganz fair, dem staatlichen Stromversorgungsunternehmen Eskom den Beinverlust zuzuschreiben. Doch der Vorfall, der die landesweite Versorgung der Haibeobachtungsposten mit Notstromaggregaten zur Folge hatte, passt ins Bild: Südafrika ist seit Jahren mit dem Energiebedarf seiner wachsenden Volkswirtschaft überfordert. Und steht dafür stellvertretend für das Gros des Kontinents. Nach Angaben der Weltbank sind 30 Länder des Kontinents „von einer akuten Energiekrise“ betroffen, nur einer von vier Afrikanern hat überhaupt Zugang zu Strom.

Besonders südlich der Sahara ist die Infrastruktur erschreckend schwach – in Ländern wie Mali sind abseits der Städte nur 13 Prozent der Menschen an das Netz angeschlossen. Und das ist einer der Hauptgründe für den quälend langsamen Fortschritt in Afrika. Die Kausalkette ist lang: Kein Strom bedeutet keine Investitionen, keine neuen Jobs, weniger Steuereinnahmen für den Staat, kaum technische Entwicklung und zu wenig Geld für Bildung. Auch auf die Gesundheit hat der Strom-Mangel erheblichen Einfluss. Mediziner vergleichen etwa die Folgen des mehrstündigen Einatmens von Petroleum, das auf dem Land für Lampen verwendet wird, mit dem Konsum von zwei Schachteln Zigaretten. Der Tod Tausender Menschen ist darauf jedes Jahr zurückzuführen.

Es überrascht nicht, dass in den Überlegungen vieler Länder auch der Bau von Atomkraftwerken immer wieder eine Rolle spielt. Er ist im Vergleich zur Energiegewinnung von Kohle, mit der 77 Prozent der aktuellen Produktion abgedeckt wird, extrem kostspielig – steht das Werk aber erst einmal, so die vorherrschende Meinung unter afrikanischen Regierungen, läuft die Versorgung schnell und reibungslos. Zumal Afrika über 18 Prozent der weltweiten Uran-Vorkommen verfügt.

Die bisher einzigen beiden Reaktoren des Kontinents stehen in Koeberg, 30 Kilometer nördlich von Kapstadt, sie produzieren fünf Prozent des südafrikanischen Bedarfs. Die Pläne von zehn afrikanischen Ländern, dem Beispiel Südafrikas zu folgen, lagen nach der Katastrophe im japanischen Kernkraftwerk Fukushima auf Eis – allerdings nur für ein paar Monate. Mitte September gaben mit Südafrika und Nigeria die größten Volkswirtschaften des Kontinents beinahe zeitgleich neue Atomprogramme bekannt.

Die südafrikanische Energieministerin Dipuo Peters präsentierte einen Entwurf für weitere Reaktoren. Das Kabinett werde noch in diesem Jahr darüber entscheiden, sagte sie, „die Ausschreibung wird Anfang nächsten Jahres herausgehen“. Der erste Strom solle im Jahr 2024 ins Netz eingespeist werden. 9600 Megawatt (MW) sind eingeplant – ein Viertel des bisherigen Stromverbrauchs. Ihre Partei, der Afrikanische Nationalkongress (ANC), hat inzwischen eingesehen, dass es im großen Stil in seinen Energiesektor investieren muss. Jahrelang verzichtete der ANC auf den Bau neuer Anlagen, obwohl die Zahl der Eskom-Kunden von 1990 bis 2007 von 1,2 Millionen auf vier Millionen Haushalte anstieg. Das Ende der Apartheid erforderte einen gewaltigen Ausbau der Infrastruktur.

Peters Projekt ist ambitioniert, das zeigt schon das Scheitern vergleichbarer Vorstöße im Jahr 2008. Es mangelte vor allem am Geld: Der Bau der neuen Werke erfordert Investitionen von über sieben Milliarden Euro, die wohl ins Ausland fließen werden: Unternehmen aus den Vereinigten Staaten, Frankreich und Japan lauern seit Jahren auf den Auftrag. Der Auftraggeber selbst verfügt nicht über die geeigneten Firmen. Noch im Februar hatte es auch Gespräche von nigerianischen Technikern mit iranischen Kollegen gegeben, um Erfahrungen mit der Gewinnung von Atomstrom auszutauschen.

Fukushima-Schock hält nur kurz

Doch dann geschah das Unglück von Fukushima, und anders als Südafrika gab das westafrikanische Land bekannt, von seinen Atomplänen ganz abzusehen. Der Vorsatz hielt ein halbes Jahr lang: Nun wandte sich Präsident Goodluck Jonathan öffentlich an die Atomare Energiekommission des Landes: „Wir haben Pläne, nukleare Energie zu gewinnen, und wir müssen sie mit Nachdruck verfolgen“, sagte er. Die Regierung werde „die benötigten Ressourcen“ zur Verfügung stellen.

Das Projekt hat Priorität, es geht nicht zuletzt um Prestige. Auch der Senegal präsentierte vor einigen Tagen entsprechende Pläne. In Uganda sind die notwendigen Gesetze bereits im Jahr 2008 verabschiedet worden. Kenias Regierung ist bereit, 750 Millionen Euro für eigene Reaktoren auszugeben. Und Ghana, der wirtschaftliche Aufsteiger der letzten Jahre, will sein erstes Werk im Jahr 2018 in Betrieb nehmen. Hinzu kommen nordafrikanische Länder wie Algerien, Tunesien und Ägypten, deren Pläne selbst produzierten Atomstrom im Jahr 2020 vorsehen.

Atomkraftwerk ist Anschlagsziel für Terroristen

Gegner gibt es reichlich, zumal es besonders in Nigeria an politischer Stabilität mangelt. Das Land wurde zuletzt von Anschlägen der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram erschüttert, ein Atomkraftwerk wäre ein potenzielles Ziel. „Nicht die Technik ist das Problem“, sagte Igor Khripunov vom Zentrum für Internationalen Handel und Sicherheit in Athen der Zeitung „Christian Science Monitor“. Der Bau von nuklearen Anlagen sei „eine landesweite Herausforderung“. International bereiteten die Pläne Sorgen, sagte der Wissenschaftler: „Die meisten Länder sind gegen eine Nuklearstruktur in Nigeria, es gab sogar ein entsprechendes Statement, in dem die Europäische Union ihrer Sorge Ausdruck verlieh.“

In Südafrika ist die Situation stabiler. Dort stimmen Umweltschützer zwar mit der Regierung überein, nicht noch mehr auf Kohle zu setzen. Das Land hat gewaltige Vorkommen, doch durch den extremen Verbrauch des fossilen Brennstoffes belegt es in der Tabelle der Kohlendioxiderzeuger weltweit Rang 13 – und trägt so beachtlich zum Treibhauseffekt bei. Die Schäden für Umwelt und Gesundheit sind gewaltig. Eine Alternative muss her, aber muss es wirklich Atomkraft sein?

Debatte um erneuerbare Energie tobt

Rianne Teule von der Umweltorganisation Greenpeace Afrika sagt: Nein, es gebe sichere und umweltfreundlichere Alternativen. „Südafrika hat große erneuerbare Energieressourcen – Wind, Wasserkraft und Solarenergie“, sagt sie: „Und wir haben die Chance, eine grün geprägte Energie-Wirtschaft zu schaffen, die bis zu 50 Mal mehr Arbeitsplätze sichert, als wenn wir auf Atomkraft setzen.“ Der Preis erneuerbarer Energien sinkt, aber das gilt auch für den Preis von Atomanlagen, mit der Afrikas Bedarf schneller zu decken wäre.

Die Debatte tobt. Ein Atomunfall würde im strukturschwachen Afrika einen noch größeren Schaden als in einer Industrienation wie Japan anrichten, gibt Peter Becker zu bedenken. Er ist Sprecher der Bürgerinitiative Koeberg Alert, die seit 1983 gegen das südafrikanische Kernkraftwerk argumentiert. Das Werk war gebaut worden, als das Apartheid-Regime angesichts der zunehmenden Sanktionen um seine Energiesicherheit bangen musste. Lange vor dem Tschernobyl-GAU, nur 20 Minuten Fahrt von der Touristenmetropole Kapstadt entfernt.

„Eskom argumentiert, dass es in dieser Gegend keine Erdbeben gibt. Aber es gab in den fünfziger Jahren eines, das die Stärke hatte, um ein Atomkraftwerk zu beschädigen.“ Er redet sich in Rage: Es gebe viel zu wenig Fluchtwege für eine Stadt wie Kapstadt. Die drei Millionen Einwohner würden bei einer Kernschmelze in der Falle sitzen.“ Die Initiative habe mehrfach die Herausgabe entsprechender Pläne gefordert – und habe nur ein paar unzureichende Skizzen bekommen.

Die landen auch einmal pro Jahr in den Briefkästen der Siedlung Duynefontein, sie liegen auch auf dem Tresen einer Bar aus. Viele der rund 500 Anwohner sehen von ihrem Vorgarten aus das Atomkraftwerk, das direkt an der Küste steht. Jacobus van Zyl ist einer von ihnen. Der frühpensionierte Versicherungsfachmann zog vor 13 Jahren in den Vorort, der in den achtziger Jahren von Eskom für die Mitarbeiter des Kraftwerkes aus dem Boden gestampft wurde. Die Kaufpreise hier sind deutlich billiger als in anderen Vororten. Und noch immer arbeiten viele Anwohner in dem Werk – Anti-Atomkraft-Proteste sind in Duynefontein nicht zu erwarten.

Der 56-Jährige sitzt auf seiner Schaukel und trinkt eine Tasse Kaffee. Er erzählt von der Energiekrise Anfang des Jahres 2008, als die Produktion in den Kohlewerken für Tage brach lag – dem Land entstand ein Milliardenschaden und seine Bürger saßen im Dunklen. „Das Werk bereitet mir keine großen Sorgen“, sagt van Zyl. Südafrika habe andere Probleme, die schlimmere Folgen haben würden. Die hohe Kriminalität, Aids, Arbeitslosigkeit – „wir können uns nicht auch noch darum sorgen, dass hier das nächste Fukushima passiert“.