Gewerkschaften

Ende der Harmonie von IG Metall und Arbeitgebern

In der vergangenen Krise hat die IG Metall mit den Arbeitgebern den Schulterschluss geübt. Doch die Zeit der Harmonie scheint vorüber.

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Morgenpost Online: Herr Wetzel, als die Wirtschafts- und Finanzkrise im Jahr 2008 ausbrach, haben Sie mit den Arbeitgebern den Schulterschluss geübt. Wird die nächste Rezession auch gemeinsam bewältigt?

Detlef Wetzel: Es war ein Glücksfall der Geschichte, dass der Korporatismus in dieser Phase funktioniert hat. Wer jetzt angenommen hätte, damit wäre ein neues Buch dieses Modells aufgeschlagen, liegt falsch. Wir haben nie dran geglaubt, denn wir wussten durch die Erfahrungen der Vergangenheit, dass es irgendwann heißen würde: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.

Morgenpost Online: Alle freuen sich über die sinkende Arbeitslosigkeit, die Arbeitgeber haben, wie vereinbart, Entlassungen in der Krise verhindert.

Wetzel: Die Situation ist inzwischen leider alles andere als harmonisch. Die Arbeitgeber sind dabei, mit der Leiharbeit eine zweite Billiglohnlinie in den Betrieben einzuziehen. Gesamtmetall hat eine unverantwortliche Haltung zum Thema Leiharbeit. Inzwischen haben wir eine Vielzahl von Konflikten, die in einem funktionierenden System anders geklärt werden müssten. Das Modell, das sich in der Krise bewährt hat, hat Schaden genommen.

Morgenpost Online: Warum?

Wetzel: Es setzt voraus, dass jeder von einer gesicherten Position aus seine Interessen vorbringt und man Kompromisse findet. Das Thema prekäre Beschäftigung zerstört aber unsere gesicherte Position. Irgendwann gibt es keine Gespräche mehr auf Augenhöhe. Denn Korporatismus setzt ja auch voraus, dass, wenn man sich nicht einig ist, auch mal um Positionen gestritten wird. Stellen Sie sich vor, die deutsche Industrie bestünde aus 40 Prozent Leiharbeitern und befristet Beschäftigten. Da hätten wir doch keine Möglichkeit mehr, unsere Interessen zu behaupten.

Morgenpost Online: Derzeit gibt es in der Metall- und Elektroindustrie rund fünf Prozent Leiharbeiter. Noch ist der feste, unbefristete Arbeitsvertrag in Ihrer Branche die absolute Norm.

Wetzel: Aber die Strategie der Arbeitgeber, die prekäre Beschäftigung wie Leiharbeit, Werkverträge und befristete Verträge zu fördern, ist ein elementarer Angriff auf jegliche vernünftige Umgehensarten. Das ist nicht akzeptabel.

Morgenpost Online: Woran machen Sie das fest? Am Anteil der Zeitarbeiter?

Wetzel: Nein, denn ich bin nicht per se gegen Leiharbeit. Als Krankheitsvertretung oder um Auftragsspitzen abzudecken, sind Leiharbeiter insbesondere für die kleinen und mittleren Betriebe wichtig. Dazu habe ich immer gestanden. Wenn ein solches Instrument aber einen Funktionswandel erlebt und als Lohndumpinginstrument genutzt wird und um Stammarbeitsplätze zu ersetzen, dann ist das bedrohlich.

Morgenpost Online: Diese Entwicklung ist schwer zu belegen, denn die Metallarbeitgeber haben, wie sie sagen, seit dem Ende der Krise ihre Stammbelegschaften vier Mal so stark ausgebaut wie die Zeitarbeit.

Wetzel: Der Ausbau der Leiharbeit ist ein Generalangriff auf gute Arbeits- und Lebensbedingungen, und zwar nicht nur von den Arbeitgebern, sondern auch von der Politik.

Morgenpost Online: Die Bundesarbeitsministerin hat doch ein Gesetz gegen den Missbrauch der Leiharbeit wie bei Schlecker durchgesetzt.

Wetzel: Das ist das größte Scheingesetz, was je verabschiedet worden ist. Es regelt einen Sachverhalt, den es gar nicht gibt.

Morgenpost Online: Bei Schlecker wurden Stammarbeiter entlassen und als Zeitarbeiter wieder eingestellt.

Wetzel: Es gab doch nur ein paar vereinzelte solcher Fälle. Da kann Frau von der Leyen doch nicht sagen, sie hätte Missbrauch bei Leiharbeit bekämpft. Das ist unredlich.

Morgenpost Online: Was soll sie denn machen? Die Unternehmen sagen, sie brauchen die Leiharbeit, um flexibel reagieren zu können, und viele schlecht qualifizierte Arbeitslose bekommen auf diesem Wege eine Chance auf einen Job.

Wetzel: Sie müsste dafür kämpfen, dass „Equal Pay“ gesetzlich verankert wird. Stattdessen ist Ursula von der Leyen die Wegbereiterin von schlecht bezahlter Leiharbeit. Wenn man sie an ihren Taten und nicht nur an ihren Worten misst, macht sie gar nichts. Sie ist eine Erfüllungsgehilfin des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall und der Zeitarbeitsverbände.

Morgenpost Online: Ihrer Wortwahl entnehme ich, dass das harmonische Krisenmanagement und die zahme, geräuschlose Tarifrunde von 2010, in der Geld gegen sichere Arbeitsplätze getauscht wurde, passé sind?

Wetzel: Wir waren nicht zahm, sondern vernunftbegabt. Wenn man sieht, dass die wirtschaftliche Lage dramatisch ist, dann weiß man, was wichtig ist: Beschäftigungssicherung. Trotzdem hatten wir noch eine ordentliche Lohnerhöhung. Es geht ja nicht darum, um jeden Preis laut zu sein, sondern darum, etwas zu erreichen.

Morgenpost Online: Gehen Sie denn auch vernunftbegabt in die nächste Tarifrunde, die Anfang des Jahres ansteht?

Wetzel: Unsere qualitativen Forderungen sind ja schon formuliert: mehr Mitbestimmung beim Einsatz von Leiharbeit, die unbefristete Übernahme von Azubis, Einstiegschancen auch für Schüler, die keine Topnoten haben. Was ich dazu bisher aus den Gesprächen mit den Arbeitgebern gehört habe, ist unerfreulich. Erst im Februar diskutieren wir über Geld und schauen uns dann an, wie die wirtschaftliche Lage dann ist.

Morgenpost Online: Die IG Metall hat es als einzige Gewerkschaft geschafft, bei den Mitgliedern wieder zuzulegen. Wie haben Sie das erreicht?

Wetzel: Die Mitglieder sind seit vier Jahren unsere allererste Priorität. Die Belegschaften zu beteiligen und sie zu motivieren, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, hat uns einen guten Zugang verschafft. Wir haben auch versucht, die Konflikte, die es in den Betrieben gibt, zusammen mit den Beschäftigten aufzugreifen und zu lösen. Da sind wir auch ganz strategisch mit Organizing-Methoden herangegangen. Die Zeit der reinen Stellvertreterpolitik ist vorbei.

Morgenpost Online: Organizing kommt aus den USA. Eigens dafür angestellte Gewerkschaftsmitarbeiter gehen auf Mitgliederfang. Haben Sie sich daran orientiert?

Wetzel: Wir haben unser German Organizing entwickelt. Wichtig ist dabei vor allem die Kommunikation: 70 Prozent zuhören, 30 Prozent reden. Wir haben viel investiert und neue Leute angestellt, Schulungen gemacht, eine Kampagnenabteilung gegründet. Allein bei den Leiharbeitern konnten wir bei den Mitgliedern von null auf 35.000 zulegen.

Morgenpost Online: Sie haben auch mit harter Hand regiert und 200 Stellen in Ihrer Verwaltung abgebaut, die so gewonnenen 20 Millionen Euro sollen in die Mitgliedergewinnung fließen. Wie haben Sie das intern gerechtfertigt?

Wetzel: Es ja kein Geheimnis, dass die Bereiche, wo wir traditionell stark sind, kleiner werden. Das müssen wir natürlich durch Engagement in anderen Bereichen kompensieren und dort stark werden, wo wir bisher nicht so gut aufgestellt sind. Das umfasst bestimmte Personengruppen, neue Branchen und Betriebe. Die Zukunft der IG Metall liegt in den Betrieben, nicht auf der Straße, hat der Erste Vorsitzende Berthold Huber mal gesagt. Das ist unsere Legitimation, dass wir auch alle Ressourcen darauf lenken.

Morgenpost Online: Aber fit für die Zukunft sind Sie doch noch nicht. Oder kann man bei einem Plus von 15.000 Mitgliedern davon schon sprechen?

Wetzel: Wir sind auf halbem Weg.

Morgenpost Online: Wo ist das Ziel?

Wetzel: Wir werden weiter wachsen. Wir haben eine muntere Industrie, wir haben die Zukunftsbranchen, denken Sie an die Jobs, die durch die Energiewende entstehen.

Morgenpost Online: Schaffen Sie wieder drei Millionen?

Wetzel: Wir haben keine Zielmarke. Wir wollen jedes Jahr ein Stück stärker werden. Mit welcher Dynamik, das wird man sehen.

Morgenpost Online: Geht die Konzentration auf die Mitgliedergewinnung auf Kosten der politischen Einflussnahme? In Ihren Entschließungen zum Gewerkschaftstag kommt die Abschaffung der Rente mit 67 nicht mehr vor. Gibt die IG Metall die Forderung auf?

Wetzel: Wir haben bestimmte Erkenntnisse, die für alle Gewerkschaften wichtig sind. Erstens: Verlass dich nie auf die Politik. Egal, wer regiert, es könnte schiefgehen. Zweitens: Mach das, was du selber machen kannst, selbst, aufgrund eigener Stärke. Und drittens: Versuch das, was du nicht selbst machen kannst, wirkungsvoll in einer gesellschaftspolitischen Debatte zu thematisieren, so wie wir mit der Leiharbeit. Über allem steht aber bei uns die betriebliche Verankerung. Ich halte die Rente mit 67 noch immer für Unsinn. Aber die Politik hält daran fest. Also überlegen wir, wie wir das Problem lösen. Wie können die Menschen, die nicht so lange arbeiten können, anständig ausscheiden, ohne arm zu werden? Das versuchen wir zu beantworten, indem wir ein Konzept für flexible Altersübergänge vorlegen.

Morgenpost Online: Die IG Metall ist also ganz pragmatisch geworden?

Wetzel: Wir wollen Probleme lösen.

Morgenpost Online: In zwei Jahren will die IG Metall an der Spitze einen Verjüngungsprozess beginnen, wahrscheinlich ist, dass Berthold Huber dann abtritt in einem ersten Schritt. Wollen Sie Erster Vorsitzender werden?

Wetzel: Diese Frage habe ich mir noch nicht gestellt.

Morgenpost Online: Aber ich stelle Sie Ihnen.

Wetzel: Können Sie ja, aber jetzt kandidiere ich für das Amt des zweiten Vorsitzenden. Berthold Huber und ich haben als Team einen schönen Beitrag für die IG Metall geleistet, indem die IG Metall aus der negativen Mitgliederentwicklung eine positive gemacht hat. Das ist mir das Wichtigste, ich bin ja nicht zur IG Metall gekommen, um erster Vorsitzender zu werden, sondern um gute Arbeit zu machen. Damit bin ich zufrieden und ein bisschen stolz. Die andere Frage stelle ich mir, wenn sie sich stellt.