Beteiligungkampf

BMW hält Volkswagen bei SGL Carbon auf Abstand

Im Wettbewerb um den Leichtbau kontert BMW die VW-Attacke mit einem namhaften Anteilskauf bei SGL Carbon. Beiden geht es um wichtige Zukunftstechnologien.

Foto: PR/Welt Online

Es hätte das Superjahr für Volkswagen werden können: Noch nie hat der Konzern so viele Autos verkauft, so viel verdient wie 2011. In den ersten zehn Monaten hatten die Wolfsburger allein von der Kernmarke VW 4,24 Millionen Modelle verkauft, zwölf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Doch abseits der Absatzzahlen häufen sich die Probleme: Die Einsprüche von Anlegern ziehen die geplante Fusion mit Porsche in die Länge. Die Konzernspitze überlegt inzwischen, als Alternative zu einer Verschmelzung den Kauf von Porsche. Daneben rüttelt die EU Kommission erneut am VW-Gesetz, das das Unternehmen vor Übernahmen schützt. Der Konflikt mit Suzuki ist derweil endgültig eskaliert. Und als ob das nicht reichen würde, hat BMW nun beim Zankapfel SGL Group zum Gegenschlag ausgeholt.

Die Münchner haben sich erstmals direkt an SGL beteiligt und 15,16 Prozent der Anteile gesichert. Der Coup folgt rund acht Monate, nachdem sich Volkswagen mit gut acht Prozent bei SGL eingekauft hatte – was von BMW als unfreundlicher Akt angesehen wird, weil zu befürchten ist, dass VW mehr Einblick in die Carbon-Produktion bekommen, als den Münchnern lieb sein kann. Leichtbau gilt als eines der wichtigsten Zukunftsthemen in der Autoindustrie.

Vor dem Einsteig von VW hatte sich BMW-Großaktionärin Susanne Klatten an SGL beteiligt, sie kontrolliert inzwischen knapp 29 Prozent der Anteile und kann damit entscheidend Einfluss auf die Weichenstellungen des Faserherstellers nehmen. Offiziell heißt es, BMW wolle mit dem Einstieg seine Gemeinschaftsunternehmen bei SGL absichern – eine wichtige Rolle dürfte aber auch spielen, VW auf Abstand zu halten. Würde Susanne Klatten aufstocken, müssten sie ein Übernahmeangebot abgeben. Daher wird es als geschickten Schachzug von BMW gesehen, sich selbst zu beteiligen, das Vorgehen bei SGL aber abzustimmen. In München weist man dererlei Spekulationen zurück: Der Einstieg sei nicht mit der Beteiligungsgesellschaft Skion von Susanne Klatten abgestimmt worden.

An der Börse gehörte SGL Carbon zu den größten Gewinnern des BMW-Coups. "Dort wird auf einen Bieterwettbewerb zwischen BMW und VW spekuliert", sagte ein Analyst. Die Autobauer liefern sich derzeit ein Rennen um die beste Versorgung mit einem der entscheidenden Werkstoffe für den Fahrzeug-Leichtbau der Zukunft. BMW hat dabei derzeit die Nase vorn, scheint es. Schon 2013 sollen die beiden Elektroautos BMWi3 und BMWi8 auf den Markt kommen, deren Karosserie weitgehend aus Karbonfasern besteht. Der Dax-Konzern hat dazu ein Joint-venture mit SGL Carbon gegründet. Das allerdings hält den Materiallieferanten nicht davon ab, auch mit anderen Autoherstellern zusammenarbeiten, betont Vorstandschef Robert Koehler regelmäßig. Mit VW etwa gibt schon seit mehr als zehn Jahren eine enge Zusammenarbeit im Bereich Karbon-Bremsscheiben.

Seit der Beteiligung von VW an SGL soll es von Seiten der Wolfsburger zwar noch keinen Vorstoß für eine weitere Material-Partnerschaft gegeben haben. Die Niedersachsen hatte allerdings auch betont, es handele sich um ein reines Finanzinvestment. Darauf will man sich bei BMW allerdings nicht verlassen. Daher ist die nun gesicherte Beteiligung möglicherweise auch nicht das letzte Wort. Ein Sprecher jedenfalls schloss nicht aus, dass es weitere Aktienkäufe geben wird. "BMW zeigt damit ganz klar, dass sie SGL als ihr Unternehmen sehen", wertet Stefan Bratzel, Autoexperte von der FH Bergisch-Gladbach.

Bei SGL Carbon gibt man sich zurückhaltend. "Wir sehen den Einstieg von BMW als Wertschätzung der gemeinsamen Zusammenarbeit", sagt ein Sprecher. Auswirkungen auf das operative Geschäft befürchten die Hessen dadurch nicht. Und tatsächlich will BMW keine Ansprüche stellen – zumindest noch nicht. "Aus heutiger Sicht strebt BMW keinen Sitz im Aufsichtsrat der SGL Carbon an", heißt es.

Hersteller kämpfen um Vorherrschaft bei Karbon-Technologie

Ein Platz in diesem Kontrollgremium gehört bereits Susanne Klatten. Die Miteigentümerin von BMW vertritt dort allerdings nicht den Autobauer, sondern ihre Investmentgesellschaft Skion. Als Einheit will die Quandt-Erbin die Engagements von Skion und BMW allerdings nicht verstanden wissen. "Die Entscheidung zu einer Beteiligung an SGL wurde vom BMW-Vorstand in alleiniger Verantwortung getroffen", versicherte auch ein Skion-Sprecher. Und das überrascht nicht. Denn ein solches Vorgehen wäre aktienrechtlich relevant, könnte es doch als Bündelung von Interessen interpretiert werden.

Das Ringen um die Vormachtstellung bei SGL ist für Branchenexperten eine logische Konsequenz. Immerhin gelten die Hessen als der weltweit führende Hersteller von Kohlenstofffasern für die Autoproduktion. Zudem sind sie der einzige Anbieter in ganz Europa. Ernsthafte Konkurrenten gibt es insgesamt sieben, davon vier in Japan und drei in den USA. Die Wettbewerber sind dabei vor allem stark im Bereich der Luft- und Raumfahrtindustrie.

SGL Carbon holt aber auch hier auf. Dazu hat das Unternehmen zu Forschungszwecken in Meitingen bei Augsburg eine Karbonfaser-Pilotanlage in Betrieb genommen. "Wir wollen das führende Karbonfaser-Unternehmen der Welt werden", hatte Gerd Wingefeld, der Entwicklungsvorstand von SGL, bei der Einweihung Ende Mai 2011 gesagt.

Lachender Dritter im Wettstreit der Autohersteller ist derzeit der Anlagenbauer Voith. Das Familienunternehmen besitzt nach eigener Aussage 9,14 Prozent der SGL-Anteile. Dabei betont Voith allerdings stets, dass es sich um ein Finanzinvestment handelt. Darüber hinaus wollen die Süddeutschen vorerst nichts sagen. Angebote für das seit 2007 zusammengekaufte Aktienpaket dürften über kurz oder lang aber eingehen.