Euro-Krise

Peinliches Buch eines US-Starautors über Europa

Für sein neues Buch "Boomerang" hat Michael Lewis die Euro-Länder bereist. Über die Mentalität der Deutschen schreibt er: "Sie sehnen sich nach Scheiße."

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Zwei griechische Mönche fanden in den Archiven ihres Tempels eine Besitzurkunde für einen See. Dafür wollten die Klosterbrüder Bares vom Finanzministerium haben – in Milliardenhöhe. Als sich der zuständige Beamte im Finanzministerium diesem Deal aus verständlichen Gründen verweigerte, nutzten die Mönche ihre Beziehungen zum griechischen Premierminister – und erhielten 73 Immobilien.

„Man meint doch, das sind Heilige“, sagte der Beamte im Finanzministerium noch voller Hoffnung. „Vielleicht wollen sie ja ein Waisenhaus gründen.“ Wollten sie nicht. Mithilfe eines griechischen Bankiers zogen die Klosterbrüder einen Immobilienfonds auf, mit dem sie viele Milliarden Euro bewegten.

Dieser Fall steht für Michael Lewis stellvertretend für den griechischen Nationalcharakter. Die Griechen sind korrupt und leben auf Kosten anderer, lautet das Urteil des amerikanischen Bestsellerautors. Lewis hat für sein neues Buch „Boomerang“, das Montag in Deutschland erscheint, verschiedene europäische Länder bereist, darunter auch Deutschland. Er geht der Frage nach: Was für eine Mentalität haben die krisengeplagten Nationen? Lewis tut das wie immer hochgradig unterhaltsam. Allein die Beschreibung des mönchischen Deals ist ein Grund, das Buch zu kaufen.

Doch leider verfällt Lewis bei seinen Urteilen über die Euro-Staaten so sehr in Klischees, dass der Leser nur noch mit dem Kopf schütteln kann. Dabei ist der Ansatz interessant. In der Zeit der billigen Kredite zwischen 2002 und 2007 hatten komplette Gesellschaften plötzlich die Möglichkeit, ihre Charakterzüge auszuleben, argumentiert Lewis: „Es war, als hätte man ganzen Ländern gesagt: Das Licht ist ausgeschaltet. Macht, was ihr wollt – keiner wird’s erfahren.“

Die meisten gaben sich der Konsumlust hin. Nur Deutschland nicht. Dafür habe die Bundesrepublik aber den Konsumrausch der anderen über ihre Banken finanziert, schreibt Lewis. So weit, so richtig. Bei der Erklärung dieses Verhaltens aber greift Lewis daneben. So zieht er für sein Urteil über den deutschen Charakter den Anthropologen Alan Dundes heran.

Der schrieb, dass die Deutschen eine Vorliebe für Fäkalien hätten. Darauf deuteten schon die vielen Kraftausdrücke in der deutschen Sprache hin. Dundes spekulierte gar, schreibt Lewis, dass Hitler den Deutschen deshalb so sympathisch erschienen sei, weil er eine Vorliebe für die Begutachtung seiner Exkremente hatte.

"Außen sauber, innen schmutzig"

„Diese Mischung – außen sauber, innen schmutzig – gehört zum nationalen Charakter der Deutschen“, behauptete Dundes. Und so erklärt Lewis auch das Verhalten der Deutschen in der Finanzkrise: „Die Deutschen sehnen sich nach Scheiße – aber sie wollen nicht drin sitzen.“

Aus diesem Grund wollte sich Lewis bei seinen Recherchen Frauenschlammcatchen auf der Hamburger Reeperbahn anschauen – nur um zu erfahren, dass es das seit 30 Jahren schon nicht mehr gibt, mangels Nachfrage. (Was es über den amerikanischen oder britischen Nationalcharakter aussagt, dass in den USA oder England seltener „shit“ gesagt wird, dafür aber umso häufiger das F-Wort benutzt wird: Dieser Frage geht Lewis seltsamerweise nicht nach.) Noch peinlicher ist die Beschreibung von Jörg Asmussen geraten: Der Finanzstaatssekretär muss für Nazi-Anspielungen herhalten.

Asmussen, ein Sozialdemokrat, wird von Lewis nach einer kurzen Einführung nicht mehr mit Namen genannt, sondern des Öfteren als „durchtrainierten Kahlkopf“ bezeichnet. Am Ende ist das einzig Brauchbare von Lewis Beschreibung des deutschen Charakters die Feststellung, dass die Deutschen naiv an Regeln glauben.

Sobald eine Regel besagt, Wertpapiere seien sicher oder der Euro stabil, würden die Deutschen das für bare Münze nehmen , so Lewis. Da ist etwas dran. Nur neu ist das nicht. Lewis geht übrigens mit allen Nationen in seinem Buch so um, Iren und Isländer kommen auch nicht viel besser weg als Deutsche oder Griechen. Aber das ist nur ein schwacher Trost.