Halbleiterbranche

Infineon will raus aus dem Schweinezyklus

Börsenstar, Beinahe-Pleite, Rekordjahr: Der Chiphersteller Infineon hat zuletzt eine Achterbahnfahrt hingelegt. Das nächste Tal wartet schon.

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Wenn Kurt Aigner zur Arbeit will, hängt er Anzug und Krawatte in einen Spind und zieht erst einmal Turnhose und T-Shirt an. Dann schlüpft er in Pantoffeln, die er wenig später ausziehen wird, um fortan weiße Stiefel zu tragen. Seine Turnbekleidung verschwindet unter einem luftigen Overall, sein Gesicht hinter einem Schleier.

Er wäscht sich akkurat die Hände, fönt sie trocken und zwängt sie in Plastikhandschuhe. Nachdem er eine Luftschleuse passiert hat, die die letzten Staubkörner von ihm bläst, tritt Aigner ein in eine Welt, in der zehn Partikel pro 30 Liter Luft gerade noch tolerabel sind. Aigner ist kein Chirurg auf dem Gang in den Operationssaal, doch Fehler kann er sich genauso wenig leisten.

Aigner ist Projektleiter in einer Chipfabrik. Im Reinraum im österreichischen Villach gilt er als „Mister Power 300“. Für seinen Arbeitgeber, den Münchner Halbleiterhersteller Infineon, soll er einen Technologievorsprung herausholen, an dem sich die Konkurrenz über Jahre abarbeiten wird. Für Infineon soll „Power 300“ zur Lebensversicherung werden, deswegen ist der Dax-Konzern bereit, bis zu eine Milliarde Euro einzubezahlen.

Der Projekttitel steht im Firmenjargon für haardünne und zerbrechliche Siliziumscheiben, Wafer genannt, die nicht mehr wie bisher einen Durchmesser von 200, sondern von 300 Millimetern haben. Aus diesen Scheiben werden Tausende von Leistungshalbleitern gesägt. Die messen den Reifendruck, kontrollieren die Motorensteuerung, sind in Hochgeschwindigkeitszügen ebenso zu finden wie in Windrädern und Solaranlagen.

Energieeffizienz, Mobilität, Sicherheit: In diesen Bereichen will Infineon punkten – und damit weg vom „Schweinezyklus“, wie Konzernchef Peter Bauer, 51, die sensationellen Höhenflüge, aber auch brutalen Preisabstürze in der Chipindustrie bezeichnet. Seine Chips sind in Autos, Industrieanlagen, Kühlschränken zu finden und sollen unter anderem Strom sparen helfen. Ohne Halbleiter ist die moderne Wirtschaft unvorstellbar.

Infineon ist übersichtlich geworden in den vergangenen Jahren. Da fiel Qimonda weg. Da verkaufte man Anfang des Jahres für gut eine Milliarde Euro die Mobilfunkchip-Sparte an den US-Riesen Intel – und damit ein Drittel des Konzerns. Infineon war bis dato ein wichtiger Zulieferer für Handyhersteller. Doch die Schwankungen in diesem Geschäft wollte Bauer nicht mehr mitmachen.

Schwarze Zahlen sollen zur Regel werden

Dauerhaft schwarze Zahlen schreiben, lautet nun das Firmenziel. Schwarze Zahlen, das war in der zwölfjährigen Firmengeschichte eher die Ausnahme denn die Regel. Der Umsatz soll Bauer zufolge in einem normalen konjunkturellen Umfeld um mindestens zehn Prozent Jahr für Jahr zulegen. Und über den gesamten Zyklus hinweg soll die Firma im Durchschnitt eine Marge von 15 Prozent erwirtschaften.

Eine Hauptrolle dabei spielt Aigners 300-Millimeter-Scheibe: In jedem Geometriebuch findet sich die Formel für die Berechnung einer Kreisfläche. Vergrößert sich der Durchmesser um die Hälfte, vergrößert sich die Kreisfläche um das 2,25fache. Dementsprechend mehr Chips können aus Infineons größerer Siliziumplatte künftig gesägt werden.

Der Entwicklungsvorsprung gegenüber der Konkurrenz liegt Aigner zufolge bei zwei Jahren. Das sei in einer schnelllebigen Branche wie der Chipindustrie ein „entscheidender Vorteil“. Die Kosten sollen um 20 bis 30 Prozent sinken. Davon wird Infineon profitieren, aber auch die Kunden, die tendenziell niedrigere Preise verlangen dürften.

In Villach läuft die Pilotlinie für die 300 Millimeter neben der Produktion für die herkömmlichen 200 Millimeterscheiben. Zehn Jahre ist es nun her, dass die kleineren Scheiben ihren Siegeszug antraten. Produktionsleiter Otto Graf war damals dabei, als es darum ging, von 150 auf 200 Millimeter zu kommen. Der technologische Sprung heute sei deutlich größer als der damals, sagt Graf. So sei es enorm kompliziert gewesen, die Leitfähigkeit auf der größeren Fläche zu gewährleisten. Das Grundmaterial Silizium habe erst modifiziert werden müssen. Die Forscher in Villach arbeiten daher auch an neuen Halbleitermaterialien.

Vor drei Jahren entstand die Idee zu „Power 300“ im Konzern, dann kamen Machbarkeitsstudien, der Vorstand wollte alles ganz genau wissen. Graf spricht von einer „Rüttelstrecke“, die es zu absolvieren galt. Dass die Idee technisch machbar ist, zeigte das „Power-300“-Team unlängst, als es die ersten Halbleiter erfolgreich testete. „Entscheidend war, dass auch in Krisenzeiten die Finanzierung niemals infrage stand“, sagt Graf.

Bei Infineon sei man immer entschlossen gewesen, die „Zukunftstechnologie“ mit aller Macht voranzutreiben. Die Anlagen für die 200 Millimeter sollen nun teilweise abgebaut und in das Infineon-Werk im malaysischen Kulym geschickt werden. Infineon ist eine Weltfirma mit gut 25.000 Mitarbeitern, Asien spielt nicht nur als Produktionsstandort, sondern auch als Absatzmarkt eine zunehmend wichtige Rolle.

Daher wird auch dort kräftig investiert . Und dennoch: Werke in Villach, Dresden und Regensburg zeigen, dass auch Standorte in Europa in einer Hochtechnologiebranche wie der Chipindustrie Zukunft haben können, sofern Forschung und Entwicklung eine zentrale Rolle spielen.

Fabrik mit zweifelhafter Historie

Hermetisch abgeriegelte Boxen mit jeweils 25 Scheiben docken im Villacher Reinraum an den einzelnen Stationen an: Am Ofen, in dem die Wafer gut 20 Stunden bei Temperaturen zwischen 400 und 1200 Grad bleiben müssen; in der Nasschemie, wo Schicht um Schicht aufgetragen wird; bei der Fototechnik, wo die Scheiben vielfach belichtet werden. Die aufwändigsten Siliziumscheiben kreisen gut drei Monate in der Fertigung.

Aigner und Graf sollen nicht nur in Villach entwickeln und eine Fertigung aufbauen, sondern die Scheiben später in Dresden als Massenware herstellen. Dort werden sie in einer Fabrik mit zweifelhafter Historie arbeiten: Sie gehörte zu Qimonda, der Pleite-Tochter von Infineon. Die Insolvenz des Speicherchip-Herstellers 2009 bewies, dass auch Staatszuschüsse nichts helfen, wenn der Markt wegbricht und das Management Fehler macht. Aus der Insolvenzmasse kaufte Infineon in diesem Sommer für gut 100 Millionen Euro die Dresdner Fabrik mitsamt Ausrüstung.

Beziehungen zur Ex-Tochter gibt es auch heute noch. Die hält nicht zuletzt Qimonda-Insolvenzverwalter Michael Jaffé aufrecht, der mit Infineon im juristischen Clinch liegt. Es geht unter anderem darum, ob es sich bei der Ausgliederung des Speicherchipgeschäfts in die Qimonda AG um eine wirtschaftliche Neugründung handelte. Anders gesagt: Kann Infineon für die Pleite noch finanziell belangt werden? Die Chancen für Jaffé, an Geld zu kommen, stehen nicht schlecht. Jedenfalls musste Infineon kürzlich erst seine Rückstellungen für Qimonda um 150 auf 300 Millionen Euro erhöhen. Es kann noch teuer werden.

Der Österreicher Aigner hat eine ganze Reihe ehemaliger Qimonda-Mitarbeiter in seinem Team. Sie entwickeln die neuen Scheiben in Villach und werden später den Reinraum in Dresden mit Leben erfüllen. Bis 2014 sollen 250 Millionen Euro investiert werden, 250 Arbeitsplätze werden geschaffen.

Im Villacher Kernteam sind heute 50 Mann tätig, die Investitionen im Kärntner Werk belaufen sich für „Power 300“ auf 50 Millionen Euro. Bauer zufolge könnte über die Jahre das Gesamtvolumen auf eine Milliarde Euro steigen, sollte die Nachfrage nach Leistungshalbleitern anhalten.

Party könnte bald schon wieder zu Ende sein

Doch das ist nicht sicher. Zwar wird Bauer, ein früherer Siemens-Manager, am kommenden Mittwoch auf der Bilanz-Pressekonferenz von einem Rekordjahr berichten. So dürfte der Umsatz im abgelaufenen Geschäftsjahr um ein Fünftel auf vier Milliarden Euro gestiegen sein und das operative Ergebnis gut 800 Millionen Euro betragen. Doch das Abschlussquartal ist schon nicht mehr so großartig. Die Analysten von Unicredit rechnen mit einem Umsatzrückgang von rund zwei Prozent für das aktuelle Geschäftsjahr.

Ist die Party schon zu Ende, bevor sie richtig angefangen hat? „Konjunkturelle Unsicherheiten“ hätten zu mehr Vorsicht bei den Kunden geführt, heißt es bei Infineon. Dennoch ist im Unternehmen keine Angst vor dem Absturz zu spüren. Vielleicht fühlt man sich auch sicherer, weil der Konzern 2,3 Milliarden Euro auf der hohen Kante hat. Die große Einkaufstour hat Vorstandschef Bauer bislang nicht gestartet. Analysten sehen das bisweilen kritisch, weil Infineon mit so viel Barem in der Kasse zum Übernahmekandidaten werden könnte. Diese Gefahr hält Bauer jedoch für nicht akut.

Es ist gut zwei Jahre her, da nur eine Kapitalerhöhung über rund 600 Millionen Euro Infineon vor dem Aus rettete. Die Zeichen standen auf Untergang. Damals diskutierte man über Staatshilfen und führte als ein Argument ins Feld, die Autoindustrie müsste ohne die Halbleiter von Infineon die Bänder stoppen. Die Aktie war so gut wie nichts mehr wert und flog zeitweilig aus der Dax-30-Liga. Dann kam der Aufschwung, der sich allerdings nun schon wieder abschwächt.

Der globale Halbleitermarkt hat zurzeit ein Volumen von etwa 300 Milliarden Dollar. Doch obwohl Infineon in den Anwendungsfeldern Auto, Energie und Chipkarten Nummer eins oder zwei ist, spielt der Konzern mit einem Gesamtumsatz von vier Milliarden Euro eher die Rolle eines Nischenanbieters.

Das bringt auch eine gewisse Ruhe mit sich. Vorbei die Zeiten, da ein Vorstandschef nebenbei Autorennen fuhr und der Kampf um den Aufsichtsratsvorsitz in einer beispiellosen Kampfabstimmung gipfelte. Das Unternehmen, 1999 aus dem Siemens-Konzern hervorgegangen, ist heute nicht mehr der Intrigantenstadel von einst. Das mag auch damit zu tun haben, dass der frühere Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber den Aufsichtsrat unaufgeregt leitet.

Ingenieure wie Graf und Aigner müssen nun daran arbeiten, Infineon die Zukunft zu sichern. 2012 wollen sie von den ersten Kunden aus der Industrie die sogenannte Qualifikation bekommen – die Bestätigung, dass der aus der großen Scheibe gesägte Chip auch in der Praxis funktioniert. Erst danach kann die Serienfertigung starten.

150, 200, 300 Millimeter: Es könnte noch größer gehen. Inzwischen denken Experten schon über Scheiben mit 450 Millimeter Durchmesser nach. Graf und Aigner beobachten das. Für sie hat aber erst einmal Vorrang, „Power 300“ wirtschaftlich zum Erfolg zu verhelfen. Man sei, sagt Aigner, sehr gut im Zeitplan.