Euro-Krise

Griechenland sollte von Lettland Sparen lernen

Mit einem harten Sparkurs hat sich Lettland aus der Krise gekämpft. Das Land könnte den Euro-Sorgenkindern als großes Vorbild dienen.

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Dass es wieder aufwärtsging, wurde Jan Brink klar, als sich die Kräne wieder drehten. Brink ist Bauunternehmer, und wenn er durch die lettische Hauptstadt Riga fährt, hat er die Baustellen der Konkurrenz im Blick. In den vergangenen Jahren boten die ein deprimierendes Bild. Die Finanzkrise hatte den Immobilienboom in Lettland im Herbst 2008 abrupt gestoppt.

Die Preise für Büros und Wohnungen fielen teilweise um 50 Prozent, und alle großen Bauprojekte wurden erst einmal abgeblasen. Die Arbeiten dort waren für viele Monate wie eingefroren, einzig der Bau der 80 Millionen Euro teuren Staatsbibliothek ging weiter. Bis zu diesem Frühjahr.

Da begannen die ersten Kräne, sich wieder zu drehen, etwa auf der Baustelle der Z-Towers, zweier Bürotürme, die gegenüber der Altstadt von Riga weiter in die Höhe wachsen. Als Brink an der wieder erwachten Baustelle vorbeifuhr und sah, dass die Arbeiter wieder beschäftigt waren, freute er sich.

Die amtliche Statistik bestätigt Brinks Beobachtungen. Nach dem brutalen Einbruch der Wirtschaftsleistung, einem Hilfsprogramm von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) und einem der härtesten Sanierungsprogramme der europäischen Geschichte wächst die lettische Wirtschaft wieder. Seit Ende 2009 geht es schon wieder bergauf, langsam zwar, aber stetig.

Lettland hat offenbar geschafft, was noch im Herbst 2008 nur wenige Beobachter für möglich gehalten hatten. Damals lag die Wirtschaft am Boden; der Staatsbankrott und ein Kollaps des Finanzsystems schienen wahrscheinlich. Dass Lettland mit drastischen Reformen die schlimmsten Folgen der Wirtschaftskrise abwenden konnte, sollte Griechenland und andere Krisenstaaten an der europäischen Peripherie inspirieren.

Denn wie die Euro-Staaten musste auch das Land an der Ostsee seine Wettbewerbsfähigkeit aus eigener Kraft wiedergewinnen. Die Währung abzuwerten, das kam für die Regierenden in Riga nicht infrage. Dem tiefen Fall ging ein ebenso spektakulärer Boom voraus, in dem die lettische Volkswirtschaft so schnell gewachsen war, wie man es sonst nur von China gewohnt ist.

Die Konsumausgaben explodierten, und der Immobilienmarkt blähte sich auf. „Die Preise von Häusern und Wohnungen stiegen so schnell, dass jeder dachte, er müsste besser heute als morgen kaufen“, erinnert sich Brink, der das Unternehmen Bauplan Nord in Riga leitet. Das vergrößerte nicht nur die Immobilienblase weiter, sondern befeuerte auch den Konsum: Viele Bürger setzten ihre nun wertvolleren Wohnungen als Sicherheit für neue Kredite ein. Sparen hatte in dieser Zeit keine Priorität.

„Vor der Krise sind die Menschen mit Geld völlig verantwortungslos umgegangen“, sagt Bernhard Steingröver. Der Deutsche ist Geschäftsführer der Firma Nordtorf, die in Lettland Torf abbaut und weiterverarbeitet. „Banken waren wie im Rausch und haben Kredite vergeben wie Freibier.“

Eines Tages habe bei ihm im Büro ein Vertreter einer Bank gesessen. Im Gepäck 150 Kreditkarten für die Mitarbeiter des Unternehmens. Auf jeder der Karten war bereits ein Guthaben von 300 Lats, rund 430 Euro. Steingröver verabschiedete den Banker höflich. Zum Konsum auf Pump wollte er seine Mitarbeiter nicht ermuntern.

Hohe Löhne schaden dem Wettbewerb

Diese Entwicklungen brachten die lettische Wirtschaft in Schieflage. Weil gut ausgebildete Arbeitskräfte fehlten, verdoppelten sich die Löhne innerhalb weniger Jahre. Die hohen Gehälter sorgten schließlich dafür, dass lettische Unternehmen international nicht mehr konkurrenzfähig waren. Bauunternehmer Brink beispielsweise ließ sogar von deutschen Betrieben vor Ort bauen, weil lettische Fachkräfte zu teuer und unzuverlässig geworden waren.

Mit der Finanzkrise fand der Boom ein jähes Ende: Nach der Pleite von Lehman Brothers brach der lettische Immobilienmarkt zusammen. Hoch verschuldete Verbraucher gaben kein Geld mehr aus, Unternehmen strichen ihre Investitionspläne zusammen, und die Exporteure des Landes litten unter der globalen Rezession. Die lettischen Banken, darunter viele Tochtergesellschaften ausländischer Institute, saßen plötzlich auf einem Berg fauler Kredite. Ende 2008 musste die Regierung die Parex Bank, das zweitgrößte Institut des Landes, verstaatlichen. Lettland befand sich in der tiefsten Krise seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahr 1991.

In dieser Situation mussten IWF, Europäische Union und einige nordische Länder dem kriselnden Staat mit einem Kredit von 7,5 Milliarden Euro aushelfen – einem Betrag, der fast 40 Prozent der lettischen Wirtschaftsleistung entsprach. Eine Möglichkeit, den heimischen Unternehmen zu helfen, schloss die damalige Regierung aber aus: Eine Abwertung des Lats’ , dessen Wert an den Euro gekoppelt ist, werde es nicht geben.

Die Entscheidung war überraschend, denn andere Länder in vergleichbaren Situationen hatten sich in der Vergangenheit häufig entschieden, ihre Währung abzuwerten, um international preisgünstiger und damit konkurrenzfähiger zu werden.

Selbst der IWF hatte Riga die Abwertung empfohlen. Die damalige lettische Regierung wollte allerdings dem Land nicht den Weg in die europäische Währungsunion verbauen. Durch eine Abwertung wäre das Land in den Bemühungen um eine Euro-Mitgliedschaft um etliche Jahre zurückgeworfen worden. Hinzu kam, dass rund 85 Prozent der in Lettland vergebenen Kredite auf Euro lauteten. Bei einer Abwertung hätten Unternehmen und Privathaushalte die Euro-Schuldenlast mit der schwächeren Währung abzahlen müssen. Eine Pleitewelle wäre kaum vermeidbar gewesen.

Das befürchteten auch die Regierungen von Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden. Banken aus diesen Ländern hatten in Lettland viel Geld verliehen; hohe Kreditverluste hätten im Falle einer Lats-Abwertung die Finanzsysteme der reichen nordischen Länder in Schieflage bringen können. Auch deswegen gab die lettische Regierung eine andere Parole aus: „intern abwerten“.

Ein Fünftel der Beamten entlassen

Was nett klingt, bedeutete vor allem stark verringerte Staatsausgaben, niedrigere Löhne und Strukturreformen, um die Wirtschaft wettbewerbsfähiger zu machen. Fast ein Fünftel der Staatsdiener wurde entlassen, die Löhne der verbliebenen wurden in mehreren Runden um bis zu 40 Prozent gekürzt. Schulen und Krankenhäuser schlossen, Steuern und Abgaben stiegen; die Mehrwertsteuer von 18 auf 21 Prozent heraufgesetzt.

Nur die Kürzung der ohnehin schmalen Renten stoppte das lettische Verfassungsgericht. Insgesamt strich die Regierung Staatsausgaben im Umfang von mehr als 15 Prozent der Wirtschaftsleistung – ein schmerzhafter Prozess, der die Wirtschaft um ein Viertel schrumpfen ließ.

Einen ähnlich schmerzhaften Weg geht derzeit Griechenland. Dem Land ist der Weg der Abwertung ebenfalls versperrt, solange es Mitglied der Euro-Zone ist. Und Athen muss Staatsausgaben in ähnlicher Höhe einsparen wie damals Lettland. Das Ergebnis der Rosskur am Golf von Riga könnte die Griechen aber durchaus in ihrem Kurs bestärken. Inzwischen gilt Lettland als Modell, wie eine Volkswirtschaft wieder auf Wachstumskurs kommen kann. In diesem Jahr wird die lettische Wirtschaftsleistung Prognosen zufolge um 4,5 Prozent zulegen, vor allem dank der boomenden Exporte.

Seit Frühjahr haben sich die Ausfuhren mehr als verdoppelt – die Wirtschaft hat ihre Wettbewerbsfähigkeit wiedergefunden. Das ist inzwischen auch auf dem Arbeitsmarkt zu sehen: Die Arbeitslosigkeit, die 2010 den Rekordwert von 21 Prozent erreichte, sinkt wieder und liegt aktuell bei – immer noch hohen – 16 Prozent.

Polizisten und andere Angestellte im öffentlichen Dienst bekommen bereits wieder Prämien, um die stark gekürzten Gehälter aufzubessern, im kommenden Jahr sollen die Löhne in der gesamten Wirtschaft wieder leicht steigen. „Wir haben in der Krise die Löhne nicht gesenkt“, sagt der deutsche Torf-Manager Steingröver. „Jetzt, nach zwei Jahren, kommen die ersten Fragen nach Lohnerhöhungen.“ Auch Bauunternehmer Brink spürt, dass die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt anzieht: „Vor einem Jahr hatten wir überhaupt kein Problem, auch kurzfristig Firmen mit vielen Mitarbeitern für Aufträge zu bekommen. In einigen Bereichen wird das jetzt schon schwieriger.“

Dafür ist allerdings nicht nur die wirtschaftliche Dynamik in Lettland verantwortlich. In den vergangenen 20 Jahren haben Hunderttausende das Land in Richtung Großbritannien, Irland und Skandinavien verlassen. Allein seit 2009 sind schätzungsweise 40.000 Menschen aus dem 2,3-Millionen-Einwohner-Land ausgewandert.

Ähnlich wie Irland profitiert Lettland bei seiner wirtschaftlichen Erholung nun davon, dass es eine sehr offene, international vernetzte Volkswirtschaft ist – und davon, dass die Menschen dorthin wandern, wo es Jobs gibt. Notfalls eben auch ins Ausland.