Energieversorgung

Polen klagen gegen Gaspreise von Gazprom

Das polnische Energiekonzern PGNiG akzeptiert die hohen Forderungen der Russen nicht mehr und zieht vor Gericht. Damit stehen die Polen nicht alleine.

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Der Büroturm des russischen Erdgasmonopolisten Gazprom in Moskau ist imposant. Dagegen verkörpert der Sitz des polnischen Gaskonzerns PGNiG mit seinem kleinen Ziegelsteinbau Bescheidenheit, geradezu Schüchternheit. PGNiG ist eine von mehreren europäischen Firmen, die mit Gazprom derzeit eine schwierige Beziehung verbindet: Sie ziehen im Streit um den Gaspreis vor Gericht. Am Montag haben die Polen ihre Klage bekanntgegeben, einen Tag vor der Inbetriebnahme der Ostsee-Pipeline, deren Mehrheitseigner Gazprom ist.

Radoslaw Dudzinski, stellvertretender Vorstandschef bei PGNiG und für Strategiefragen zuständig, kennt die Geschichte der russisch-polnischen Erdgasbeziehungen fast auswendig. Russland deckte 2010 mit seinen Lieferungen 64 Prozent von Polens Gasbedarf von 14,4 Mrd. Kubikmeter. Damit ist Polen in der EU der viertgrößte Abnehmer russischen Gases. Der junge Ingenieur erinnert sich an den Jahresbeginn 2006.

Damals endete ein Liefervertrag mit dem russisch-ukrainischen Zwischenhändler RosUkrEnergo über jährlich 2,3 Mrd. Kubikmeter. Gazprom sprang in die Bresche und machte ein Angebot, das man mitten im Winter besser nicht ablehnen sollte: Man könne die Lücke füllen, wenn Warschau eine Preiserhöhung um elf Prozent für das gesamte Gas aus der Jamal-Pipeline akzeptiere. Die Polen stimmten zähneknirschend zu. Fünf Jahre danach ist die Lage eine völlig andere.

PGNiG hat ein Verfahren gegen Gazprom vor dem Schiedsgericht in Stockholm eröffnet. Die Polen fühlen sich dabei auf der sicheren Seite. „Eine Gruppe renommierter europäischer Firmen geht gegen Gazprom vor Gericht“, sagt Dudzinski. „An Stelle des Beklagten würde ich mir schon Gedanken machen, warum mehrere Großkunden gleichzeitig Grund zur Klage sehen.“

E.on und RWE klagen ebenfalls

Zwei der Kläger sind die deutschen Energieunternehmen E.on Ruhrgas und RWE. Der italienische Konzern Edison hatte ebenfalls geklagt, doch vor dem Schuldspruch eine Verhandlungslösung erzielt – nach Dudzinskis Informationen einen Preisnachlass von etwa 20 Prozent. Eine solche Lösung für seine Firma will auch der stellvertretende PGNiG-Chef nicht ausschließen.

Dass PGNiG gerade jetzt klagt, hat seine Gründe nicht nur im allseits bekannten Überangebot an Erdgas und dem Bestreben, die Bindung des Gaspreises an den Ölpreis und die langfristigen Lieferverträge zu knacken. Im Falle Polens kommt ein besonderer Grund hinzu: In diesem Monat kauft PGNiG erstmals von den deutschen Firmen russisches Gas zurück.

Erdgas, das in der Jamal-Pipeline nach Deutschland fließt, doch faktisch gar nicht über die Oder gelangt sein muss, um „zurückgekauft“ zu werden: „virtual reverse flow“ nennt sich dieses Geschäftsmodell, nach dem allein im Monat November 190 Mio. Kubikmeter Gas in Polen bleiben sollen. Aufgrund der relativ günstigen Preise, die Gazprom den deutschen Abnehmern gewährt, kommt das Polen immer noch billiger, als das Gas direkt aus Russland zu beziehen.

Welche Auswirkungen die Ostsee-Pipeline im Osten Europas haben wird, kann Dudzinski nicht voraussagen. „Es ist eine große Frage, ob es in Westeuropa wirklich einen Mehrbedarf von 27 Mrd. Kubikmetern geben wird, die jetzt durch die Pipeline fließen könnten. Eher wird das Überangebot weiter steigen, woraufhin die Preise sinken müssten.“ Oder aber Gazprom drosselt die Lieferungen über Land. Die Pipeline war in Polen als Versuch gesehen worden, Druck auf das Transitland Ukraine auszuüben. Kaum war sie fertiggestellt, hatte die Moskauer Regierung mit scharfen Worten gegen Kiew diese Sichtweise bestätigt.

Das Transitland Polen muss sich da inzwischen weniger Sorgen machen; zumindest seine eigene Versorgung wird von Jahr zu Jahr sicherer. Ab Januar, so rechnet Dudzinski vor, würden die Kapazitäten für Gaslieferungen aus Deutschland und Tschechien insgesamt mehr als vier Mrd. Kubikmeter betragen, auch Dank einer Verbindungsleitung in der Nähe von Görlitz, die bald eröffnet werden soll. 2014 wird an der Ostsee Polens Flüssiggas-Terminal in Betrieb gehen, das zunächst auf fünf Mrd. Kubikmeter ausgelegt ist.

Polen setzt auf Schiefergas

Der größte Hoffnungsträger in Polen sind jedoch die Vorkommen von Schiefergas und anderem unkonventionellen Gas. Geologische Untersuchungen lassen vermuten, dass das Land in Europa über die größten Schiefergasvorkommen verfügt. 23 in- und ausländische Firmen haben mehr als 100 Konzessionen für Erkundungsbohrungen bekommen. „Unsere Firma hat davon 15, vielleicht bemühen wir uns um weitere“, sagt Dudzinski.

Als im Oktober an einem Bohrturm nahe Danzig zum ersten Mal die symbolträchtige Flamme brannte, schaltete PGNiG ganzseitige Anzeigen mit dem Aufruf, die „Flamme der Hoffnung“ nicht erlöschen zu lassen. Das war an die Adresse des Europaparlaments gerichtet, wo vor allem deutsche und französische Abgeordnete ökologische Bedenken gegen die Schiefergasförderung vorbringen.

Demnächst werde PGNiG bei Danzig einen Versuch des „green fracking“ unternehmen: Damit ist die Zertrümmerung der gashaltigen Gesteinsschichten auf umweltfreundliche Weise gemeint. „Die dabei verwendeten Chemikalien sind nur solche, wie sie auch in unseren Lebensmitteln zugelassen sind“, behauptet Dudzinski. Rentable Schiefergasförderung erwartet er schon ab 2014, spätestens 2015. „Wenn es dann gut läuft“, hofft PGNiG-Vizechef Dudzinski, „können wir eines Tages vielleicht zum Nettoexporteur werden und Gas nach Deutschland liefern.“