Europas größter Versicherer

Schuldenkrise bringt Allianz ins Schleudern

Abschreibungen auf Aktien und Staatsanleihen haben Europas größtem Versicherer Allianz die Bilanz verhagelt. Der Gewinn im dritten Quartal brach überraschend ein.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Die Schuldenkrise bringt die Allianz in eine immer heiklere Lage. Abschreibungen auf griechische Staatsanleihen und Aktien, die wegen der überbordenden Defizite zahlreicher Euro-Länder eingebrochen sind, summierten sich im dritten Quartal 2011 auf fast eine Milliarde Euro. Dadurch brach der Nettogewinn von Juli bis September 2011 um 80 Prozent auf 258 Millionen Euro ein – viel stärker als von Analysten erwartet. Europas größter Versicherer muss nun darauf vertrauen, dass Italien die Wende gelingt. Finanzchef Oliver Bäte redete die Krise am Freitag klein. Die Marktverwerfungen rund um Italien seien „total übertrieben“. Das Land werde schon bald wieder eine stabile Regierung haben und Fortschritte machen. Auf Negativ-Szenarien wollte er sich nicht einlassen – schließlich hat die Allianz italienische Anleihen im satten Wert von 25,6 Milliarden Euro in den Büchern. Wenn hier Abschreibungen fällig werden, wird es eng, warnen Branchenexperten.

Sollte Italien das gleiche Schicksal wie Griechenland ereilen, kämen auf den Münchner Dax-Konzern extreme Belastungen zu. „Dann hat die Allianz ein Problem und zwar ein großes“, sagte NordLB-Analyst Constantin Rohrbach. Das wäre zwar noch aus dem Eigenkapital zu decken, die neuen Kapitalvorschriften, Solvency II genannt, könnten dann aber kaum mehr umgesetzt werden. „Das würde ein Erdbeben im Versicherungsmarkt geben.“ Italien und Griechenland würden nun harte Sparprogramme diktiert, was das Wachstum zusätzlich hemme. „Das sieht alles sehr kritisch aus.“

Die Allianz sieht die Lage dagegen viel optimistischer: Abschreibungen gebe es nur, wenn die Schulden eines Landes restrukturiert werden müssten. Das sei in Italien nicht der Fall und werde auch nicht kommen. Die Allianz wolle ihren Bestand daher nicht abbauen, erklärte Bäte. In Griechenland könne es aber auch im vierten Quartal neue Belastungen geben. Von Juli bis September musste der Wert um 198 Millionen Euro reduziert werden, was den Gewinn um 122 Millionen drückte. Der Versicherer hat Hellas-Bonds mittlerweile nur noch mit 39 Prozent ihres Nominalwertes in den Büchern und geht damit weit über den vereinbarten 50-prozentigen Schuldenschnitt hinaus.

Allianz versichert: Lebensversicherung belieben sicher

Vor allem für Lebensversicherer, die den Löwenanteil in Staatsanleihen investieren, ist die Lage momentan unangenehm: Investments in viele Länder sind riskant geworden, sichere Häfen wie Deutschland und die Schweiz bringen nur sehr magere Renditen. „Unsere Kundengelder sind sicher“, betonte Bäte. Ein Zinsniveau von 1,5 Prozent könne das Unternehmen weit mehr als

18 Jahre durchhalten. Kunden mit einer Lebensversicherung müssten sich keine Sorgen machen: „Das ist ein Versprechen.“

Für dieses Jahr bekräftigte das Management, auf einen operativen Gewinn von 7,5 bis 8,5 Milliarden Euro kommen zu wollen. Nach den ersten neun Monaten waren es 5,86 Milliarden Euro. Analysten erwarten, dass die Allianz eher den unteren Teil der prognostizierten Spanne erreicht. Der Überschuss dürfte 2011 deutlich unter den gut fünf Milliarden aus dem Vorjahr liegen. Bis Ende September waren es erst 2,24 Milliarden Euro. Das könnte eine sinkende Dividende nach sich ziehen. Bäte wollte noch nicht konkret werden. Er sagte aber, dass die Allianz nicht wie sonst üblich nur 40 Prozent des Gewinns an die Aktionäre ausschütten werde. Dank der guten Kapitalausstattung sei 2011 - zumindest relativ gesehen – mehr drin.

Bank-Aktien kommen Allianz teuer zu sehen

Ursache des Gewinneinbruchs im abgelaufenen Quartal waren neben einer ungewöhnlich hohen Steuerquote Abschreibungen auf Aktien. Schließlich seien die Börsen um 25 Prozent und der Finanzsektor um 40 Prozent und mehr abgesackt, so Bäte. Das habe die Beteiligungen an der Commerzbank und der italienischen UniCredit getroffen. Die Allianz ist mit sechs Prozent aller Kapitalanlagen viel stärker in Aktien engagiert als die Rückversicherer wie Münchener Rück und Swiss Re, die auf etwa null bis zwei Prozent kommen. Auch die Beteiligung am US-Versicherer Hartford brachte Verluste.

Im operativen Geschäft lief es ebenfalls nicht rund: Hier fiel das Quartalsergebnis um sieben Prozent auf 1,9 Milliarden Euro. Vor allem niedrigere Anlageerträge in der Lebens- und Krankenversicherung wirkten sich mit 224 Millionen Euro negativ aus. Das größte Segment, die Schaden- und Unfallversicherung, blieb stabil. Die Vermögensverwaltung konnte ihr Ergebnis sogar leicht steigern. Händler sagten, im Tagesgeschäft sei es besser gelaufen als erwartet. Deswegen verteuerten sich Allianz-Aktien, die seit Mitte Februar rund ein Drittel ihres Wertes eingebüßt haben, um mehr als drei Prozent auf 74,50 Euro.

Größte Schäden waren im dritten Quartal drei Stürme in Deutschland, die zusammen 230 Millionen Euro Belastung brachten, Hurrikan „Irene“ in den USA noch einmal 82 Millionen. Bei der US-Tochter Fireman's Fund mussten wegen Problemen im Industriegeschäft zudem die Reserven aufgestockt werden.