Umsatzplus

Auch gute Siemens-Zahlen werfen kleine Schatten

Siemens-Chef Peter Löscher kann in Zeiten der Finanzkrise mit hervorragenden Zahlen aufwarten. Er sollte aber nicht von den ungelösten Baustellen im Konzern ablenken.

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Ein exzellentes Jahr? Oder gar ein verlorenes? Leidet nun Siemens-Chef Peter Löscher unter einer selektiven Fehlwahrnehmung, oder sind es die Analysten von J.P. Morgan? Siemens bleibt jedenfalls auf Rekordkurs. Mit einem Gewinnsprung um mehr als die Hälfte auf 6,3 Milliarden Euro kann Löscher auch in Zeiten der Finanzkrise auf eine starke geschäftliche Entwicklung verweisen. Deutschlands größter Industriekonzern steht insgesamt hervorragend da – und wächst. Mit einem Umsatzplus von sieben Prozent auf 73 Milliarden Euro geht das zwar nicht allzu rasant voran, aber immerhin.

Damit Löscher sein mittelfristiges Umsatzziel von 100 Milliarden Euro erreicht, muss da jedoch noch deutlich mehr kommen. Ohne veritable Zukäufe, so scheint es, ist das nicht zu machen. Und da beginnen die Probleme. So gut Löscher das laufende Geschäft im Griff hat, so groß sind die Probleme, wenn es darum geht, Akquisitionen zu tätigen, die auch einen Mehrwert bringen. Jüngstes Negativbeispiel ist der Kauf der israelischen Solarfirma Solel.

Mehr als kleine Schönheitsfehler

Fast 400 Millionen Euro gab Löscher vor zwei Jahren für das Unternehmen aus – und musste nun eine Wertminderung über 231 Millionen Euro vornehmen. Bei seiner ersten großen Übernahme an der Siemens-Spitze, dem Diagnostikgeschäft in der Medizinsparte, mussten bereits im vergangenen Jahr 1,2 Milliarden Euro abgeschrieben werden. Der Siemens-Chef hat zwar gut 12,5 Milliarden Euro auf der hohen Kante. Was er damit anfangen will, ist jedoch weiter unklar.

Mehr als kleine Schönheitsfehler waren im abgelaufenen Geschäftsjahr weitere Abschreibungen im Medizingeschäft, das nun umgebaut werden soll. Davon zeugt auch die Ankündigung, „personelle Anpassungen“ vorzunehmen. Will heißen: Gut 500 Mitarbeiter sind überflüssig.

Auch der enorm teure Ausstieg aus der Atomindustrie, der in eine Strafzahlung an den französischen Areva-Konzern mündete, zeugt von Fehleinschätzungen. Und die Beteiligung an dem Joint-Venture Nokia Siemens Networks bleibt eine milliardenschwere Dauerbaustelle, ohne dass Besserung in Sicht wäre.

Löscher muss solche Probleme in den Griff bekommen, sie belasten das Kerngeschäft. Insofern ist das abgelaufene Geschäftsjahr nicht verloren, aber auch nicht so grandios, wie das Topmanagement glauben machen will.

Erste Anzeichen für eine Eintrübung der Konjunktur werden auch für Siemens sichtbar. Siemens ist da jedoch weiter solide aufgestellt und hat den Vorteil, vor allem in den boomenden Schwellenländern stark zu sein. Daraus nimmt das Unternehmen auch die Hoffnung, 2012 den Umsatz weiter, wenn auch moderat, zu steigern. Die Rekordjagd beim Gewinn dürfte Siemens zufolge hingegen erst einmal vorbei sein. Gerade in Zeiten, da die große Welle des Aufschwungs abebbt, wäre es also umso dringender vonnöten, die offenen Baustellen endlich anzugehen.