Technologiekonzern

Siemens übt sich in neuer Bescheidenheit

Der Technologiekonzern legt ein Rekordergebnis vor und erhöht die Dividende. In dem Tempo wird die Firma aber nicht weiter wachsen.

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"Wir glauben, dass 2011 für Siemens in vielerlei Hinsicht ein verlorenes Jahr war." – "2011 war für Siemens ein ausgezeichnetes Jahr." Ja, was denn nun? Siemens-Chef Peter Löscher entschied sich in seiner Rede bei Vorlage der Bilanzzahlen in einem Münchner Hotel für den zweiten Satz. Den ersten hatten zuvor die Analysten von J.P. Morgan gewählt, um das am 30. September abgelaufene Geschäftsjahr des größten deutschen Industriekonzerns aus ihrer Sicht zu bewerten.

Wie ein strahlender Sieger sah Löscher, der seit 2007 an der Siemens-Spitze steht, nicht aus. Mit dem Gewinn aus fortgeführten Aktivitäten von sieben Milliarden Euro hat Siemens zwar ein "herausragendes Niveau" erreicht. Ein Plus von 65 Prozent kann sich wahrlich sehen lassen. Die "führende Adresse der Realwirtschaft" schreibt also wieder einmal ein Rekordergebnis und schlägt eine Dividendenerhöhung von 2,70 Euro auf drei Euro vor.

Doch der Konzernchef muss heute auch erkennen, dass es nach eineinhalb Jahren ziemlich rasanten Wachstums nun gemächlicher zugehen wird. Ein wichtiger Frühindikator ist da der Auftragseingang, der im vierten Quartal erstmals seit sieben Quartalen wieder rückläufig war. Dennoch, mit Aufträgen für 96 Milliarden Euro in den Büchern ist Siemens gut gerüstet.

Ende der Rekordfahrt

Siemens stellt sich auf härtere Zeiten ein. Für das laufende Geschäftsjahr rechnet Löscher mit einem moderaten Umsatzwachstum – will heißen zwischen drei und fünf Prozent - und einem operativen Gewinn von gut sechs Milliarden Euro. Das Ergebnis soll damit, Sondereffekte herausgerechnet, nur noch das Vorjahresniveau erreichen. Damit wäre die Rekordfahrt erst einmal vorbei.

Das ist in diesem wirtschaftlichen Umfeld – Löscher spricht von einem "Wechselbad im Euro-Raum und der "Verschuldungssituation in den USA" - zwar nicht schlecht. Die Analysten von J.P. Morgan vermissen bei Siemens dennoch etwas: "It needs a story." Eine Wachstumsgeschichte also. Die zu erzählen, tut sich Löscher einigermaßen schwer.

Zwar will Siemens mittelfristig den Umsatz von zurzeit 73 Milliarden Euro auf 100 Milliarden Euro nach oben bringen. Erstmals sagte Löscher, woher genau die Zuwächse kommen sollen. Den Löwenanteil von 45 Prozent soll die Energie-Sparte tragen, gefolgt von Industrie (25 Prozent), der neuen Infrastruktur- und Städtesparte, die für gut 20 Prozent sorgen soll, und der Gesundheitssparte (zehn Prozent).

Es hängt also vorrangig am Verkauf von Windrädern, Stromleitungen und Gasturbinen, ob das Umsatzziel erreicht wird. Doch ob Siemens stark genug ist für diesen Umsatzsprung aus eigener Kraft? Da bräuchte es vermutlich den einen oder anderen großen Zukauf, um in die Hunderter-Liga aufzusteigen. Doch Löscher gibt sich zögerlich. Zwar sei die Zeit nicht schlecht für Zukäufe, es geht ihm da aber wohl eher um punktuelle Verstärkungen und nicht um den großen Wurf.

Großakquisitation steht noch aus

Als erfolgreicher Großakquisiteur hat sich Löscher, dem bei Siemens in seiner Amtszeit bis dato vieles gelang, noch nicht bewährt. Kurz nach Amtsantritt kaufte er für gut fünf Milliarden Euro die Diagnostikfirma Dade Behring – und musste im vergangenen Jahr 1,2 Milliarden Euro abschreiben. Vor zwei Jahren übernahm Siemens für 284 Millionen Euro die israelische Solarfirma Solel.

"In dem stark wachsenden Zukunftsfeld der Solarthermie erschließt sich der grüne Infrastruktur-Gigant ein weiteres entscheidendes Wachstumsfeld", schwärmte damals Löscher. Heute musste er auf Solel eine Abschreibung über 231 Millionen Euro vornehmen. Finanzchef Joe Kaeser fasste das Solar-Desaster in zwei aussagekräftige Zahlen zusammen. Bei einem Umsatz von mickrigen 20 Millionen Euro beliefen sich im vergangenen Jahr die Verluste auf 300 Millionen Euro.

Mit 12,5 Milliarden Euro auf der hohen Kante hätte Siemens eigentlich ausreichend Kapital, um sinnvolle Zukäufe zu tätigen. "Eine beruhigende Ausgangslage speziell in Zeiten wie diesen", wie Kaeser die Kassenlage beschreibt. Er halte das Geld zusammen, um sich Flexibilität zu erhalten. "’Cash is King’ ist nichts Schlechtes", sagt dazu Löscher. Nur Bares ist Wahres also. Doch um eine "Story" zu schreiben, müsste vermutlich mehr geschehen, als die Summen auf verschiedenen Bankkonten zu parken.

Konkurrenz mit mehr Umsatzwachstum

"One Siemens", heißt ein Zielsystem, das Löscher vor genau einem Jahr einführte. "Sie sollen uns im Vergleich zum Wettbewerb messen", bat er damals die Öffentlichkeit und führte verschiedene Zielgrößen ein. Bei Kennziffern wie der Marge oder der Kapitalrendite macht Siemens bislang eine gute Figur. Nicht jedoch beim Umsatz.

Wuchsen Wettbewerber wie ABB, General Electric, Philips, Rockwell und Schneider, mit denen sich Siemens vergleicht, in den vergangenen vier Quartalen im Schnitt um 9,9 Prozent, konnten die Münchner lediglich um 6,6 Prozent zulegen. Einer der Gründe: Die anderen kauften kräftig zu und sorgten so für gestiegene Erlöse.

Siemens hat zwar unterm Strich im vergangenen Jahr 6,3 Milliarden Euro verdient, dennoch aber auch kräftig Geld verbrannt. Der Rechtsstreit mit dem französischen Areva-Konzern über den Atomausstieg kostete gut 700 Millionen Euro; auf das Geschäft mit der Partikeltherapie zur Krebsbekämpfung mussten rund 400 Millionen Euro abgeschrieben werden; nun noch Solel mit mehr als 200 Millionen; nicht zu vergessen das Gemeinschaftsunternehmen Nokia Siemens Networks (NSN), das von Siemens eine Kapitalspritze über 500 Millionen Euro erhält.

Nokia Siemens Networks ohne Konzept

NSN ist so eine Baustelle, die Löscher nicht in den Griff bekommt. Addiert man die operativen Verluste des Netzwerkausrüsters seit Gründung im Jahr 2007 auf, kommt man inzwischen auf mehr als vier Milliarden Euro. Bei Siemens ist inzwischen offen die Rede davon, dass NSN eigentlich nie ein Unternehmenskonzept gehabt habe. Eine späte Einsicht.

Eine andere Problemzone will Siemens mit einer "Agenda 2013" angehen. Die Gesundheitssparte wird in den kommenden zwei Jahren umgebaut, um auch in Zukunft anständige Renditen abzuwerfen. Gut 500 Stellen werden dabei gestrichen. Betroffen sein könnten Werke in Bayern und Thüringen. Jedem Mitarbeiter solle aber ein Ersatzarbeitsplatz im Siemens-Konzern angeboten werden, erklärte Löscher.

Schließlich gibt es mit den Arbeitnehmervertretern die Vereinbarung, dass auf unbefristete Zeit betriebsbedingte Kündigungen in Deutschland ausgeschlossen sind. Siemens beschäftigt heute 360.000 Mitarbeiter weltweit und hat weiterhin alleine in Deutschland 3500 offene Stellen .

Börsengang von Osram verschoben

NSN, die Gesundheitssparte, die Solarenergie: Das werden auch teure Großbaustellen bei Siemens im kommenden Jahr bleiben. Kommt noch eine hinzu, die man eigentlich fast schon ausgelagert wähnte: Osram. Die Lichttochter sollte eigentlich im Herbst an die Börse gebracht werden, doch das Marktumfeld ließ das nicht mehr zu. Das Projekt "Börsengang" ist, wenn nicht aufgehoben, so doch auf unbestimmte Zeit aufgeschoben.

"Wir halten an den Plänen fest", sagte Kaeser. Doch den richtigen Zeitpunkt für den Börsengang habe man verpasst, räumte der Siemens-Finanzchef unumwunden ein. Hätte man ein halbes Jahr früher den Börsengang vorbereitet, dann wäre Osram heute börsennotiert – und Siemens um vermutlich gut drei Milliarden Euro reicher.

So gilt es nun, den Konjunkturzyklus im Lichtgeschäft abzuwarten, sprich: die nächste Aufschwungphase zu nutzen, um Osram wieder in Position zu bringen. Das könnte jedoch dauern. Den ein kompletter Zyklus dauert gewöhnlich 18 bis 24 Monate, und davon ist erst ein halbes Jahr vorbei. Osram ist mit 40.000 Mitarbeitern ein Gigant, der zwar noch zu Siemens gehört, aber nicht mehr so recht dazu gezählt wird.

Globale Rezession wird nicht erwartet

Der Umsatz betrug fünf Milliarden Euro, der operative Gewinn 400 Millionen Euro. Doch die richtig guten Zeiten sind für das Traditionsunternehmen erst einmal vorbei. Das erste Halbjahr war jedenfalls deutlich stärker als das zweite Halbjahr. Dazu stehen gewaltige Investitionen in neue Generationen von Beleuchtungstechnologien an. Die Summen wollte Siemens eigentlich nicht mehr tragen, daher auch die Idee, Osram in die Freiheit zu entlassen. Nun könnte es sein, dass Siemens der Tochter bei Neuinvestitionen mehr als gedacht zur Seite stehen muss.

Eine Botschaft, die Löscher und Kaeser bei der Vorlage der Bilanzzahlen verkündeten, lautete: Siemens rechnet 2012 nicht mit einer globalen Rezession. Aufstrebende Volkswirtschaften wie China oder Russland hätten ausreichend Dynamik, um die globale Wirtschaft auf Kurs zu halten. Es gebe, so Löscher, noch genügend Orte auf der Welt, "in denen die täglichen Nachrichten ganz und gar nicht von Krisengipfeln und Notoperationen geprägt sind, sondern von wachsendem Selbstbewusstsein, von Erfolgen und weiterer Zuversicht". Übersetzt auf Siemens heißt das: Noch ist in den Fabriken genug zu tun.