Thailand

Flut verzögert Markteinführung neuer Autos

Nach Rückrufen, Tsunami und starkem Yen kommt nun die Flut in Thailand hinzu. Honda bringt die neuen Modelle nicht an den Käufer.

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Sie waren gerade dabei, sich zu erholen von der Tsunami- und Reaktorkatastrophe im Heimatland, da müssen die japanischen Automobilhersteller den nächsten Rückschlag hinnehmen – die große Flut in Thailand.

Die schlimmste Flutkatastrophe des Landes seit mindestens 50 Jahren beschert den Herstellern massive Einbrüche, denn anders als die deutschen Autokonzerne produzieren die Japaner auch vor Ort. Bei Toyota konnten bislang 150.000 Fahrzeuge nicht gebaut werden, weil die Produktion in mehreren Zulieferbetrieben und Pkw-Werken unter Wasser steht.

Auch Honda kann seine europäischen Werke nicht wie geplant hochfahren, weil wichtige Bauteile fehlen, die in dem südostasiatischen Land produziert werden. „Die Kunden in Europa müssen sich darauf einstellen, den neuen Civic nicht wie geplant Ende Januar kaufen zu können“, sagt ein Honda-Manager.

Zwar seien die Werke in Thailand selbst von der Flut nicht betroffen. „Aber die Transportwege sind abgeschnitten. Daher kommen wichtige Elektronikbauteile nicht wie geplant zu unseren Produktionsstätten in Großbritannien“, sagte der Sprecher.

Die Einführung des neuen Civic ist für den 28. Januar geplant. „Wir halten an dem Termin fest, bis dahin wird es die entsprechenden Händlerfahrzeuge geben. Aber die Kunden werden den neuen Civic voraussichtlich erst drei Wochen später kaufen können“, so der Sprecher. Das gelte für ganz Europa.

Teile fehlen in europäischen Werken

Honda baut in den zwei britischen Werken für den europäischen Markt den Civic, den CRV und zum Teil den Jazz. Nach dem Tsunami standen die Werk zwei Monate still bzw. wurden mit halber Kraft gefahren, weil nicht mehr genug Teile aus Japan geliefert wurden. Ab August fährt Honda seine Europa-Werke wieder mit voller Kraft, doch aufgrund der Flut in Thailand stockt der Nachschub mit Teile aus dem südostasiatischen Land. „Daher mussten wir ab dem 31. Oktober unsere Wochenproduktion dort erneut drosseln“, sagte der Sprecher.

Die Flut ist nur das jüngste der zahlreichen Probleme, mit denen sich die japanischen Autobauer seit Monaten rumschlagen – von den Rekordzahlen der deutschen Konkurrenz sind sie weiter weg denn je. Die unmittelbaren Auswirkungen des Tsunami und der Kernschmelze in Fukushima haben die Hersteller zwar inzwischen im Griff.

Die Folgen zeigen sich jedoch nun in den Halbjahresbilanzen. Hinzu kommt der starke Yen, der der exportorientierten japanischen Industrie dauerhaft das Leben schwer macht. Zudem bereiten sich die ersten Konzerne auf eine deutliche Abkühlung der Weltwirtschaft vor. „Wir haben unseren Gesamtausblick auf das laufende Geschäftjahr korrigiert“, sagt ein Mitsubishi-Manager.

Neben den genannten Faktoren fürchtet Mitsubishi auch die Folgen der Währungs- und Schuldenkrise in Europa sowie die schwächelnde Nachfrage in den USA. Toyota und Honda haben wegen der weltweiten Unsicherheiten ebenfalls ihre Gewinnprognosen für den Rest des bis Ende März laufenden Geschäftsjahres kassiert.

Schlechte Halbjahresergebnisse

Die Halbjahresergebnisse der japanischen Autobauer sehen schon jetzt durchweg kritisch aus. Das Toyota-Management hatte vor drei Monaten noch einen operativen Gewinn von 450 Milliarden Yen (umgerechnet rund 4,2 Milliarden Euro) in Aussicht gestellt. Für das zweite Geschäftsquartal von Juli bis September gab der Konzern nun einen Rückgang des Betriebsgewinns um fast ein Drittel bekannt.

Honda hatte im ersten Halbjahr weltweit 1,3 Millionen Autos abgesetzt, das sind rund eine halbe Million Fahrzeuge weniger als im Vorjahreszeitraum. Entsprechend sank das Vorsteuerergebnis von 422,3 Milliarden Yen in den ersten sechs Monaten des Geschäftsjahres 2010/11 auf 105,8 Milliarden Yen. „Vor allem Toyota und Honda sind angeschlagen. Die haben neben dem Yen- und Naturkatastrophen-Problemen auch noch die Auswirkungen der zahlreichen Rückrufe zu verkraften“, sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer.

Doch auch Mazda und Suzuki mussten Rückschläge hinnehmen. Suzuki konnte seine Absatzzahlen zwar annährend stabil halten, verdiente aber operativ im ersten Halbjahr mit 64,7 Milliarden Yen 5,9 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Mazda fuhr in die Verlustzone und kam auf ein Minus von 21,6 Milliarden Yen. Im Vorjahreszeitraum hatte das Unternehmen noch 12,2 Milliarden Yen operativ erwirtschaftet. „Für das gesamte Geschäftsjahr gehen wir jetzt im operativen Geschäft von einer schwarzen Null aus“, sagte ein Mazda-Manager.

Nissan und Mitsubishi schlagen sich besser

Besser als die Konkurrenten aus dem Heimatland haben sich nur Nissan und Mitsubishi geschlagen. Der Mitsubishi-Konzern, der stark auf Elektroautos setzt, konnte in den ersten sechs Monaten des Geschäftsjahres weltweit 519.000 Autos absetzen, neun Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. „Unsere Erwartungen waren allerdings höher“, räumt ein Mitsubishi-Manager ein.

Der zweitgrößte japanische Autohersteller Nissan hat in den vergangenen drei Monaten ebenfalls weniger verdient als im Vorjahreszeitraum, seine Gewinnprognose für das Gesamtjahr aber erhöht. Immerhin hatte der mit Renault verbundene Konzern mit seinen letzten Zahlen die Gewinnerwartungen der Analysten übertroffen – und Anerkennung der Konkurrenz eingeheimst. „Ich kann nicht leugnen, dass Nissan einiges richtig macht“, räumte Toyotas Finanzvorstand Satoshi Ozawa ein. „Wenn wir davon etwas lernen können, werden wir dies tun.“

Nissan ist es schneller als der Konkurrenz gelungen, sich von den Auswirkungen des Erdbebens und des Tsunamis im März im Nordosten Japans zu erholen. Grund war, dass der Konzern mehr Teile auf Lager hatte, als in der Branche üblich ist. Damit war es möglich, nach den Aufräumungsarbeiten schnell die Produktion wieder hochzufahren. Das Gros der japanische Autobauer hat seine Werke im Südwesten Japans, war also von der Naturkatastrophe nicht unmittelbar betroffen. Hauptproblem war, das zahlreiche kleine Zulieferer der großen Zulieferkonzerne ausgefallen waren.

Starker Yen macht Autos teuer

Gegen den Höhenflug des Yen sind die Konzerne jedoch allesamt machtlos. Die starke japanische Währung macht Exporte teuer, die Produkte für Kunden weniger attraktiv. „Die Autobauer werden verstärkt mit Produktionsverlagerungen darauf reagieren“, glaubt Ferdinand Dudenhöffer. Suzuki und Mitsubishi beispielsweise bauen derzeit neue Autowerke in Thailand. Ein Mazda-Manager kündigt an: „Wir beginnen derzeit mit dem Bau eines Werks in Mexiko. Von dort sollen zunächst Südamerika, perspektivisch auch die USA und Kanada beliefert werden.“

Auch bei Toyota machen Experten die Standortpolitik des Konzerns für die Probleme verantwortlich. „Toyota ist zu stark von Japan abhängig“, sagt Stefan Bratzel vom Center of Automotive in Bergisch Gladbach. Der Konzern müsse mehr Autos in den Regionen produzieren, wo sie verkauft werden.

Andere Experten fordern, dass Toyota den Bezug von Zulieferteilen auf mehr Quellen verteilt, um bei Naturkatastrophen weniger anfällig zu sein. Dieses Problem hat auch der Toyota-Vorstand erkannt. Er fühlt sich aber durch seine Zusage an die japanische Regierung gebunden, einen hohen Anteil seiner Autos im Heimatland zu produzieren. Als Reaktion sollen die Lieferanten mehr Teile in regionalen Märkten außerhalb Japans beziehen