Faber-Castell

"Das alltägliche Schreiben wird nie verschwinden"

Der Schreibgerätehersteller ist bekannt für seine Traditionsprodukte. Einen iStift wird es bei Firmenchef Graf von Faber-Castell nicht geben.

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Es ist ein schöner Herbsttag im Fränkischen. Das Laub der Buchen färbt sich gelb. Anton-Wolfgang Graf von Faber-Castell geht in Stein bei Nürnberg im Schlosspark spazieren. Der Wald ist sein Grund und Boden, das Schloss gehört seiner Familie seit Generationen. 3000 Hektar Wald besitzt der 70-Jährige in Deutschland, 10.000 Hektar in Brasilien. Bei solchen Ausflügen, oft mit seinem Golden Retriever Teddy, sammelt der Graf Energie: für seine Arbeit als Chef des bekannten Schreibgeräteherstellers, der seinen Namen trägt.

Morgenpost Online: Graf von Faber-Castell, von Ihnen ist der Satz überliefert: „Ich kann mir für mein Leben etwas Interessanteres vorstellen, als eine Bleistiftfirma zu führen.“

Anton-Wolfgang Graf von Faber-Castell: Da war ich 18 oder 19, als ich das sagte, und damals fand ich es eher langweilig. Ich konnte mir in der Tat nicht vorstellen, eine Bleistiftfirma und dann auch noch eine in Stein zu leiten. Allerdings herrschten damals auch andere Umstände. Ich war eines von zehn Geschwistern, mein Vater war fit und noch voll aktiv. Da lag es in weiter Ferne, irgendwann einmal den Familienbetrieb zu übernehmen. Inzwischen habe ich realisiert, dass der Bleistift zwar archaisch und einfach, aber auch ein sehr interessantes Produkt ist.

Morgenpost Online: Sie sind in der Schweiz aufs Internat gegangen und haben in London und New York gearbeitet. Fühlen Sie sich heute hier in Franken, fernab der großen Weltmetropolen, verwurzelt?

Von Faber-Castell: Jetzt ja. Das war am Anfang sicher nicht so. Aber Nürnberg ist ja heute ein attraktiverer Platz zum Wohnen als noch vor Jahrzehnten. Und in Stein zu arbeiten, habe ich auch nicht bereut.

Morgenpost Online: Wir stehen hier auf Ihrem Land und vor Ihrem Schloss. Ist es beruhigend in unruhigen Zeiten wie diesen, über eigene Wälder zu verfügen?

Von Faber-Castell: Unsere Forstwirtschaft ist nicht sonderlich lukrativ. Man muss schon froh sein, wenn man auf Dauer kein Geld verliert. In Deutschland gehören mir rund 3000 Hektar Forst in der Nähe von Nürnberg. Aus einem fränkischen „Steckerleswald“ – Kiefernbestände auf sandigen Böden – lässt sich allerdings nur sehr schwer attraktiver Mischwald machen.

Morgenpost Online: Verwenden Sie für Ihre Bleistifte heimische Hölzer aus Ihrem Forst?

Von Faber-Castell: Nein, wir haben ein großes Forstprojekt in Brasilien. Dort gehören uns 10.000 Hektar Wälder. Wir pflanzen schnellwüchsige Pinien für die dortige Fertigung holzgefasster Stifte an. Für hochwertige Stifte, wie Künstlerstifte, kaufen wir kalifornische Zeder ein und setzen vermehrt auf Gmelina-Holz aus eigenen Plantagen.

Morgenpost Online: Ließe sich denn aus jedem Baum ein Bleistift machen?

Von Faber-Castell: Da brauchen Sie schon Holz mit einer gewissen „Spitzbarkeit“. Die deutsche Eiche ist nicht geeignet. Weichholzarten wie Linde oder Erle hingegen schon. Letzten Endes hängt es aber davon ab, zu welchen Kosten man die Holzbrettchen herstellen kann. Deutschland ist da nicht mehr konkurrenzfähig. Mit einer Ausnahme: Weimutskiefernholz für Zimmermannsstifte stammt gelegentlich noch aus heimischen Wäldern.

Morgenpost Online: Sie haben 14 Produktionsstandorte in zehn Ländern. Ist der Standort Deutschland im Reich der Faber-Castells noch fest verwurzelt?

Von Faber-Castell: Wir stellen in Deutschland hochwertige Produkte her. Das sind unter anderem Künstlerstifte, aber auch Stifte für den Schulbedarf. Auch die ausgewählten Minen, die für die Qualität von Stiften ganz entscheidend sind, produzieren wir hier in Stein. Natürlich ist das eine relativ kleine Fertigung im Vergleich zu unseren Werken in Brasilien oder Indonesien, aber dafür orientiert sie sich an „Klasse statt Masse“.

Morgenpost Online: Heißt das, an den hiesigen Standorten Stein und Geroldsgrün, wo Sie 1000 Mitarbeiter beschäftigen, wird nicht gerüttelt?

Von Faber-Castell: Wir glauben an das „Made in Germany“. Die Zielsetzung ist ganz klar: Wir wollten Stein und Geroldsgrün erhalten, aber natürlich müssen wir konkurrenzfähig bleiben und uns auch künftig im globalen Wettbewerb behaupten. Eine Fertigung in Deutschland muss sich natürlich rechnen. Aber dazu braucht man auch den Willen, für die Fabriken zu kämpfen. Rückblickend war es für Faber-Castell die richtige Entscheidung, am Standort Deutschland festzuhalten. Eines Tages werden wohlhabende Chinesen für ihre einzigen Kinder lieber hochwertige Stifte „made in Germany“ kaufen als in China erzeugte Produkte.

Morgenpost Online: Wie sieht der ideale Bleistift aus?

Von Faber-Castell: Er darf beim Schreiben nicht auf dem Papier kratzen, die Mine darf nicht brechen, man muss sauber radieren können. Dieser hier hat außerdem einen platinierten Verlängerer mit einem gefederten Clip, sodass man ihn in die Tasche stecken kann und nicht hinters Ohr klemmen muss. Und er hat noch einen in der Kappe integrierten Spitzer. Wir nennen ihn den „perfekten Bleistift“.

Morgenpost Online: Die EU-Kommission plant, die Vergabe von Herkunfts-Siegeln wie „Made in Germany“ deutlich einzuschränken. Manche Unternehmer sind darüber empört.

Von Faber-Castell: Zum Teil wird das Siegel „Made in Germany“ aber auch unverfroren missbraucht. Für mich ist klar, dass das Label nur verliehen werden darf, wenn auch die Wertschöpfung zum überwiegenden Teil hier in Deutschland erfolgt. Natürlich braucht auch Faber-Castell Rohstoffe, die wir importieren, in unserem Fall Holzbrettchen und Grafit. Aber der Wertzuwachs sollte schon hier in Deutschland geleistet werden.

Morgenpost Online: Wir hatten im Sommer bei Morgenpost Online eine Serie mit dem Titel „Marken von einst“, in der es unter anderem um inzwischen leicht verstaubte Topmarken von früher ging. Faber-Castell war nicht darunter.

Von Faber-Castell: Ich zitiere da gerne Manfred Schmidt vom Institut für Markentechnik. Er sagt, dass Marken sehr selten von außen zerstört werden, aber oft von innen heraus. Fehler in der Strategie, Arroganz, Überheblichkeit, die Weigerung, sich mit dem Markt zu befassen, sind die Hauptübel. Eine Marke muss sich immer wieder bestätigen. Es hilft natürlich nichts, wenn das Produkt nicht tadellos ist.

Morgenpost Online: Ihr Unternehmen wird in diesem Jahr 250 Jahre alt, Sie leiten es in der achten Generation. Wie schwer wiegt die Bürde, die Führung an Ihre Kinder weiterzugeben?

An sich lastet diese Bürde nicht schwer auf mir. Natürlich will keine Generation die letzte sein. Den Druck spürt man erst, wenn auf einmal überraschende Ereignisse wie beispielsweise vor drei Jahren das Währungsdesaster in Brasilien eintreten, welches uns seinerzeit stark getroffen hat. Bei globalen Krisen ist es inzwischen ja gang und gäbe, dass man in Situationen kommt, die man nicht verschuldet hat und die einen gelegentlich ins Grübeln kommen lassen.

Morgenpost Online: Seit Jahren wird spekuliert, wer die Nachfolge antreten könnte. Haben Sie schon entschieden?

Von Faber-Castell: Mein Sohn Charles ist 31 Jahre alt. Er arbeitet bei einer renommierten Unternehmensberatung in München, nachdem er seinen MBA an der Columbia University in New York erfolgreich absolviert hat. Er sollte aber noch zwei, drei Jahre Erfahrungen sammeln, bevor er bei Faber-Castell mit einer klar definierten Aufgabe einsteigt. Bei diesem Thema ist im Übrigen auch mein Aufsichtsrat einbezogen. Meine Tochter Katharina ist 23, sie muss erst noch auf eigenen Füßen stehen, und meine Zwillingstöchter sind erst 15 Jahre alt.

Morgenpost Online: Können Sie loslassen?

Von Faber-Castell: Ich denke schon. Es geht aber nicht per se ums Loslassen, sondern darum, dass man sich bei der Nachfolgeregelung auch wohlfühlt, weil man weiß: Es geht vernünftig weiter.

Morgenpost Online: Sind Sie beim Wachstum in diesem turbulenten Jahr auf Kurs?

Von Faber-Castell: Es wird wohl wie geplant zwischen fünf und sechs Prozent Umsatzwachstum sein, das ist aber nicht so wichtig. Mir geht es in erster Linie um die Qualität des Wachstums, sprich nachhaltig ertragreiches Wachstum.

Morgenpost Online: Ist ein Bleistift- und Buntstifthersteller vor der Euro-Krise sicher?

Von Faber-Castell: Wir haben den Vorteil, dass wir vorrangig Produkte für den privaten Gebrauch und den alltäglichen Verbrauch herstellen. Ein Beispiel: In jedem Jahr gibt es einen Schulanfang, und die Kinder brauchen dann auch Stifte. Beim Geschäft mit gewerblichen Kunden kann es hingegen schon anders aussehen, weil die Firmen beim Einkauf von Büroprodukten oder bei Werbeartikeln eher sparen. Generell sollte ein Unternehmen in der Lage sein, ein, zwei Jahre, die nicht so gut laufen, „wegzustecken“. Wir sollten solche Zeiten vielmehr nützen, um unsere Position im Markt auszubauen. Wir haben in den letzten Jahren unsere Investitionen in die Modernisierung der Fertigung holzgefasster Stifte erhöht, um besser auf eine mögliche Rezession vorbereitet zu sein.

Morgenpost Online: Als Vertreter der sogenannten Realwirtschaft und ehemaliger Investmentbanker: Sind Sie sauer auf die Finanzwirtschaft?

Von Faber-Castell: Ich kann sauer sein auf die verantwortungslosen Gesellen, die Produkte entwickeln und vermarkten, die man nicht mehr versteht und deren Hebelwirkung niemand kennt. Aber doch nicht auf die Finanzwirtschaft generell. Würde man die Schuldigen nur bei den Banken suchen, würde man es sich viel zu einfach machen. Es liegt auch an den Regierungen, sprich der Politik, stärker regulierend einzugreifen.

Morgenpost Online: Setzen Sie mit dem Stift nicht auf ein Produkt, das im digitalen Zeitalter dem Untergang geweiht ist?

Von Faber-Castell: Selbstverständlich setzen wir in Zukunft nicht nur auf holzgefasste Stifte, aber holzgefasste Stifte wird es immer geben. Es stellt sich aber die Frage, in welchen Mengen sie noch gebraucht werden. Hier müssen wir unterscheiden zwischen Blei- und Farbstiften. Insbesondere Farbstifte werden aufgrund des globalen Megatrends Schule und Ausbildung auch weiterhin über Jahrzehnte ihre Existenzberechtigung haben, auch wenn Kinder immer häufiger einen Computer benutzen.

Auch Produkte für Künstler und Hobbykünstler werden weiterhin nachgefragt werden, und angesichts des demografischen Wandels und des Älterwerdens der Gesellschaft wird das Potenzial für diese Produkte wachsen, da Malen und Zeichnen schon jetzt ein Hobby für viele Erwachsene ist. Aufgrund der Digitalisierung wird das alltägliche Schreiben im Büro zwar reduziert, aber nicht vollständig verschwinden. Vor 20 Jahren hat man auch das papierlose Büro vorausgesagt, das es bis heute noch nicht gibt. Im Gegenteil! Auch für hochwertige Schreibgeräte sehen wir weiterhin Marktchancen, vor allem in Fernost.

Morgenpost Online: Können Sie mit den neuen Technologien etwas anfangen?

Von Faber-Castell: Ich benütze ein iPad, das ich im Übrigen sehr praktisch finde, und natürlich besitze ich auch ein iPhone. Aber eines steht fest: Faber-Castell wird nicht in die Herstellung von digitalen Produkten investieren. Da gibt es heute Bessere und Stärkere als uns.

Morgenpost Online: Einen iStift wird es nicht geben?

Von Faber-Castell: Sicher nicht aus unserem Haus.