Staatsschuldenkrise

Commerzbank-Chef Blessing schrumpft die Bank

Die Staatschuldenkrise trifft das zweitgrößte Geldhaus des Landes mit voller Wucht. Die Bank setzt auf Verkleinerung des Geschäfts und des Risikos.

Eigentlich ist der Hintergedanke eines so genannten „off sites“, dass Mitarbeiter in entspannter Atmosphäre außerhalb des Büros über langfristige Themen sprechen können. Doch entspannt ist derzeit in der Bankenbranche wenig – und wenn die kurzfristigen Probleme drängen, dann spricht man bei Commerzbank-„off sites“ schon mal darüber, wer in welchem Bereich ab sofort am leichtesten Geschäfte aufgegeben werden können.

So versammelten sich am vergangenen Wochenende die Vorstände und Bereichsleiter im Hamburg, um sich darüber Gedanken zu machen, an welchen Stellen die Bank am leichtesten Risiken reduzieren kann. Jede kluge Idee ist willkommen, denn bis Weihnachten muss die Bank einen detaillierten Plan an die Bankenaufsicht überstellen, um zu verhindern, dass sie zum dritten Mal eine staatliche Kapitalspritze bekommt.

Ein Teil dieser gesammelten Ideen stellte Finanzvorstand Eric Strutz bei der Vorlage der Zahlen zum dritten Quartal an diesem Freitag vor. Nach Schätzungen der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) muss die Commerzbank ihr Eigenkapital um 2,94 Mrd. Euro aufstocken. Doch Martin Blessing hatte schon klar gestellt, dass er dazu nicht erneut auf Staatshilfe zurückgreifen will. Stattdessen will er die erforderliche Kernkapitalquote von neun Prozent erreichen, indem er die Bank verkleinert.

30 Mrd. Euro an risikogewichteten Aktiva muss er dazu abbauen. Das bedeutet eine drastische Schrumpfkur: Ab sofort will die Commerzbank keine Kredite mehr vergeben, die nicht direkt mit deutschen oder polnischen Kunden in Zusammenhang stehen. Externe Beratungskosten werden auf den Prüfstand gestellt und die Staats- und Immobilienfinanzierungstochter Eurohypo soll das Neugeschäft fürs erste ganz einstellen.

Nach „Morgenpost Online"-Informationen spielt die Commerzbank derzeit auch eine Aufspaltung der Eurohypo durch. Dabei könnten Geschäftsfelder, die nicht als Kernbereich identifiziert werden, in eine Abbaueinheit verschoben werden. Strutz wollte sich dazu nicht äußern.

Die Eurohypo war es auch, die dem gesamten Konzern die Bilanz verhagelte. Fast 800 Mio. Euro musste die Commerzbank-Tochter auf ihre griechischen Staatsanleihen abschreiben. Jetzt stehen die Papiere nur noch mit 48 Prozent ihres ursprünglichen Wertes in den Büchern. Das gesamte Engagement liegt damit bei 1,4 Mrd. Euro. Bei den Engagements in den anderen Euro-Wackelstaaten setzte die Bank den Rotstift an: Das Volumen der Portfolien in Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien betrug Ende September nur noch 13 Mrd. Euro – das sind rund 20 Prozent weniger als zu Jahresanfang – Wertberichtigungen eingeschlossen.

Insgesamt bezifferte Stutz den Belastungseffekt aus der Staatsschuldenkrise mit 1,2 Mrd. Euro. Unter dem Strich entstand dadurch im Gesamtkonzern ein Minus von 855 Mio. Euro . Nach neun Monaten ist der Gewinn im laufenden Jahr auf nur 344 Mio. Euro vor Steuern zusammengeschmolzen. Damit muss sich der Bund drauf einstellen, dass die Commerzbank auch 2011 die Zinsen von 170 Mio. Euro auf ihre restliche Stille Einlage nicht zahlen wird.

Im Sommer hatte die Bank von den über 16 Mrd. Euro an Stillen Einlagen 14 Mrd. Euro zurückgeführt – übrig blieben nur noch 1,9 Mrd. Euro. „Wir gehen derzeit nicht davon aus, dass wir in diesem Jahr nach deutschem Bilanzrecht Gewinn schreiben werden“, sagte der Finanzvorstand. Das wäre die Voraussetzung für die Zinszahlung gewesen. Ein Grund dafür ist, dass die Bank gut eine Mrd. Euro als Abgeltung gezahlt hat, weil sie den Löwenanteil der Staatshilfen vorzeitig getilgt hat. Mit dem Ausfall der Zinszahlung sind die Gehälter der Vorstände auch 2011 wie in den beiden Vorjahren auf 500.000 Euro gedeckelt.

Blessings Roadmap ist auf unbestimmte Zeit verschoben

Das große Ziel eines Vorsteuergewinns von vier Mrd. Euro, das Blessing in der „Roadmap 2012“ ausgegeben hatte, ist ebenfalls auf unbestimmte Zeit verschoben: Strutz sagte, man fühle sich dem Ziel weiterhin verpflichtet, die Bank werde es aber „aufgrund der Marktgegebenheiten noch nicht im nächsten Jahr erreichen können“.

Bankexperten zeigten sich von den Zahlen durchwegs enttäuscht. „Wir finden es ziemlich schwierig, in diesen Zahlen auch nur irgendetwas positives zu finden“, schreibt etwa Thomas Stögner, Bankexperte des Investmenthauses Macquarie. Zwar hatten alle mit einem Verlust gerechnet, jedoch nicht in diesem Ausmaß. Das Geschäft mit Staats-, Immobilien- und Schiffsfinanzierungen wird für die Commerzbank immer mehr zum Fass ohne Boden. Die Konzernsparte ABF (Asset Based Finance) weitete ihren Vorsteuerverlust im dritten Quartal auf 1,5 Mrd. Euro aus von 403 Mio. im Vorjahreszeitraum. Nach neun Monaten lag das Minus in der Sparte bei stattlichen 2,5 Mrd. Euro.

Auch der Gewinn der Kernbank ist rückläufig

Die Kernbank erwirtschaftete immerhin ein positives Ergebnis von 851 Mio. Euro – wenn auch der Gewinn im Vergleich zum letzten Quartal rückläufig war. Zur Kernbank zählt die Commerzbank die Sparten Privatkunden, Mittelstand, Osteuropa sowie das Investmentbanking. Im Investmentbanking bekam der Konzern wie viele andere Banken das flaue Kapitalmarktgeschäft im Zuge der Schuldenkrise zu spüren. Der Betriebsgewinn der Sparte schrumpfte um über 70 Prozent auf 35 Mio. Euro.

Immerhin konnte das Privatkundengeschäft mit einem Plus von 71 Mio. aufwarten – das ist zwar drei Mal so viel wie noch vor einem Jahr, aber etwas weniger als im Vorquartal. Auch die Mittelstandsbank, die traditionell den höchsten Ergebnisbeitrag abliefert, erwirtschaftete ein solides, aber niedrigeres Ergebnis ab als im Vorquartal.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Osteuropa-Sparte: Das operative Ergebnis von 92 Mio. Euro war im Vergleich zum Vorquartal leicht rückläufig, aber im Jahresvergleich deutlich besser. Finanzvorstand Strutz betonte, dass die polnische BRE-Bank eine strategische Beteiligung sei – die ukrainische Bank Forum hingegen dürfte auf der Verkaufsliste stehen: „Sie haben richtig gehört, dass ich die Bank Forum bei den strategischen Beteiligungen nicht genannt habe“, sagte Strutz auf Nachfrage. Die Märkte goutierten die Quartalszahlen der Commerzbank nicht: Mit einem Minus von über fünf Prozent bildeten die Titel das Schlusslicht im deutschen Leitindex Dax.