Entsorgungstechnik

Wie deutsche Firmen an Asiens Müll verdienen

Jakarta, Shanghai oder Mumbai drohen an ihrem eigenen Dreck zu ersticken. Deutsche Entsorgungsfirmen wittern ein Milliarden-Geschäft.

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Millionen Fliegen krabbeln auf dem Berg herum. Gas steigt aus der braunen Masse auf, es stinkt nach Verwesung. Jeden Tag bringen Müllwagen aus der 40 Kilometer entfernten indonesischen Hauptstadt Jakarta neuen Abfall auf die Müllkippe Bantar Gebang.

Mehr als 110 Hektar Land sind dort meterhoch mit einem Gemisch aller möglichen Stoffe bedeckt. Nicht nur für die Gesundheit der Slumbewohner am Rande der Müllkippe ist das ein ernsthaftes Problem. Nur 35 Prozent seiner Hinterlassenschaften kann Jakarta bisher sortieren und verwerten, alles andere landet auf Deponien. Das ist die billigste Lösung – und die schlechteste.

Nicht nur Indonesien hat ein gewaltiges Müllproblem, sondern auch Länder wie Indien, China und Vietnam. 1,7 Millionen Tonnen Müll produziert Asien pro Tag. Und nach Schätzung der Weltbank riskiert jedes Land, das ein schlechtes oder gar kein Abfallmanagement hat, fünf Prozent seiner Wirtschaftsleistung (BIP).

Selbst geordnete Deponien sind keine dauerhafte Lösung. So wird auf Hongkongs Müllkippen in absehbarer Zeit kein Platz mehr sein wird. Deutsche Firmen sehen Asiens Abfall deshalb zunehmend als Geschäftsfeld. Ihre Sortiermaschinen, Verbrennungsanlagen und Müllkonzepte sollen verhindern, dass Abfallberge wie der von Bantar Gebang in Indonesien weiter wachsen.

Im Müll schlummert ein Milliarden-Potenzial

„Gerade den mittelständischen Anlagenbau zieht es nach Osten, nach Indonesien, aber auch nach Indien und nach China“, sagt Michael Ludden, Vorsitzender der Abfall- und Recyclingtechniker im Verband der deutschen Maschinenbauer (VDMA). Er ist Geschäftsführer der Ludden&Mennekes-Gruppe, die mit mehreren Firmen im Emsland und in Polen Recyclingtechnik vertreibt. Vor wenigen Wochen eröffnete er ein Büro in Singapur, um den asiatischen Markt zu erschließen. Allein für Indien rechnet die German Trade and Invest (GTAI) mit einem Marktpotenzial von acht Milliarden Dollar (5,9 Milliarden Euro) im Jahr. Nur 500 Millionen Euro werden davon bisher tatsächlich umgesetzt.

Dabei ließe sich das „deutsche Konzept“, also Müll vermeiden, Müll verwenden und Müll verwerten, wegen des wachsenden Umweltbewusstseins in Asien gut verkaufen, meinen Experten. „Es setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass mit den Ressourcen nicht weiter so verschwenderisch umgegangen werden kann“, sagt Peter Kurth, Präsident des Bundes der Deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE). „Entsprechend wächst der Bedarf an Know-how und Anlagen für die Wiedergewinnung von Wertstoffen. Das Interesse aus Asien an deutschem Fachwissen ist deshalb enorm gewachsen.“

Das weiß auch Remondis: Das Unternehmen aus Lünen in Westfalen gründete kürzlich Büros in Shanghai und Singapur. „Die Verstädterung in Asien hat zur Folge, dass die Anforderungen an das Entsorgungsmanagement zunehmen“, sagt Torsten Weber, Geschäftsführer von Remondis International. Daran will der deutsche Müll-Riese verdienen. Schon heute recycelt das Unternehmen in Nan Tou in Taiwan Kunststoff. Bald könnten noch mehr Anlagen hinzukommen.

Konkurrenten aus Deutschland sind schon seit Jahren in Asien aktiv. So hat SSI Schäfer, ein Abfalltechnik-Anbieter aus dem Siegerland, eine Niederlassung in Tokio. Titech verkauft Infrarot-Sortierungssysteme in China, Indien, Korea und Japan. Auch Fichtner, ein Ingenieur-Büro mit 1400 Mitarbeitern, arbeitet in Asien: Die Stuttgarter berieten die Stadt Singapur bei ihrem Restmüll-Konzept, planten zwei Müllverbrennungsanlagen und halfen Indonesien, Krankenhausmüll vernünftig zu entsorgen.

Dabei müssen deutsche Abfallfirmen in Asien mit deutlich anderen Bedingungen zurechtkommen als zu Hause: Der Müll wird selten sortiert, er enthält mehr Essensreste und andere organische Bestandteile und ist deshalb feuchter und nährstoffreicher.

Entsorgung ist noch nicht organisiert

„Hausmüll wird fast überall noch in offenen Karren gesammelt, die Trennung findet auf ungeordneten Deponien statt, wo Tausende Sammler davon leben, zwischen dem Müll Wiederverwertbares zu finden“, sagt Jürgen Militz, der in Singapur Firmen wie Ludden&Mennekes und Remondis bei ihrem Asien-Geschäft berät. Der hohe Anteil organischer Stoffe macht Kompostieranlagen profitabel, wie etwa im chinesischen Wuzhou in der Guangxi-Provinz: Dort baut die Teresa Environmental Industry Ltd. eine der größten Anlagen der Welt; der Essener Energiekonzern RWE beteiligte sich mit mehreren Millionen Euro daran.

Auch die Bundesregierung will das deutsche Müllkonzept nach Asien bringen. Das Bundesumweltministerium fördert seit Jahren den Austausch mit Ländern wie Japan, China, Indonesien und Vietnam. „Unser Konzept wurde zuerst in Japan umgesetzt, seit 2005 vermehrt auch in China“, sagt Ministerialrat Andreas Jaron. „Wir haben den Prozess wegen des Umweltschutzes unterstützt.“

Die einheimischen Mittelständler haben folglich längst kein Monopol mehr auf das „3V-Konzept“ – Vermeiden, Verwenden, Verwerten. Auch andere Firmen vertreiben entsprechende Lösungen: Beispielsweise Sita in Hongkong, eine Tochter der französischen Suez Environnement, die von der Müllsammlung bis zur Verwertung in thermischen Kraftwerken alles anbietet – auch die Verarbeitung von gefährlichem Müll wie dem, der in Shanghais Chemieparks anfällt. In einem Joint Venture mit dem Shanghai Chemical Industry Park verbrennt Sita 60.000 Tonnen Sondermüll pro Jahr, die Anlage gilt als beispielhaft für viele der derzeit laufenden Bauprojekte in China.

Sita-Vorstandschef Mark Venhoek rechnet mit mehr als 160 neuen Verbrennungsanlagen in den kommenden fünf Jahren in China. „ Die Chinesen wollen mehr recyceln und schonender mit ihren Ressourcen umgehen“, sagt Venhoek.

Vor allem auf technologischer Ebene sieht er deshalb Potenzial für westliche Unternehmen. „Gebaut werden die Verbrennungsanlagen heute schon vielfach von lokalen Anbietern – mit europäischer Technik“, sagt er. Auch der US-Anbieter Waste Management (WM), der in Nordamerika mehr als 130 Recyclinganlagen und über 280 Deponien betreibt, ist mit einem Joint Venture in Shanghai tätig. Und auch WM will in den kommenden Jahren mehrere Müllheizkraftwerke in China bauen und betreiben.

Singapur, die laut einer Siemens-Studie umweltfreundlichste Stadt Asiens, mit einer Müllabfuhr, die 365 Tage im Jahr fährt, ist ebenfalls dabei, die asiatischen Nachbarländer mit Technik zu versorgen. „Wir wollen anderen Städten zeigen, wie wir mit unserem Müllproblem fertig geworden sind“, sagt Andrew Tan, Chef der nationalen Umwelt-Agentur in Singapur.

Natürlich bringt das auch Marktanteile im Wettbewerb mit den europäischen und amerikanischen Konkurrenten: „Gerade im Bereich Müllmanagement ergeben sich daraus viele Geschäftsmöglichkeiten für unsere Firmen“, sagt Tan. Mehr als drei Milliarden Singapur-Dollar (1,5 Milliarden Euro) haben die Firmen schon mit dem Export ihrer Müll-Technik umgesetzt.

China und Indien sind lukrative Märkte

Ernste Konkurrenten sind auch Firmen wie Zhongde Waste Technology, die an der Deutschen Börse gelistet ist und Firmensitze in Frankfurt und Peking hat. Seit Mitte der 90er-Jahre hat Zhongde – Zhong heißt in Mandarin China, De steht für Deutschland – rund 200 Müllverbrennungsanlagen in China gebaut. „Zhongde soll den hohen Standard deutscher Ingenieurskunst und die Kostenvorteile Chinas kombinieren“, sagt Finanzvorstand William Wang. „Dank der massiven Anreize der chinesischen Zentralregierung sind wir zuversichtlich, zwei Projekte bis zum Ende 2011 und drei weitere 2012 fertigzustellen. Es gibt noch viele Wachstumschancen für uns in China.“ 400 Mitarbeiter zählt sein Unternehmen bereits.

Vor allem um einen Vorteil beneiden ihn viele deutsche Mülltechniker: „In Asien läuft viel auf der persönlichen Ebene vor Ort“, sagt VDAM-Mann Ludden. „Es kommt darauf an, dass Sie die richtigen Leute kennen, die Sie wiederum an die richtigen Kunden vermitteln.“ Dieses Networking hält der Unternehmer für überlebenswichtig, geht es bei seinen Müllsortieranlagen doch schnell um zehn oder 20 Millionen Euro, mit denen er in Vorleistung tritt.

„Bis die Anlage einwandfrei läuft, halten viele Kunden einen Teil des Honorars zurück“, sagt er. Deshalb will Ludden dazu übergehen, nur noch einen Teil der Bauteile selbst zu liefern – was ihn aber von lokalen Anbietern abhängig macht. „Verlässliche Informationen sind für so ein Engagement ganz wichtig“, sagt Ludden. Fünf oder sechs Monate, mehr Zeit hat er nicht, um eine große Sortieranlage fertigzustellen.

„Da kommt es drauf an, dass Sie den Markt richtig einschätzen.“ Weil das aufgrund der Distanz und der Sprache oft schwer ist, scheuen viele deutsche Entsorger den Schritt nach Asien noch, weiß Luddens Berater Jürgen Militz: „Allein von Europa aus tun Sie sich schwer, wenn Sie für Manila oder Karatschi ein Angebot machen wollen.“

Michael Ludden ist deshalb noch vorsichtig, was Prognosen über die Zahl seiner Aufträge in Asien angeht. Zwei bis drei Jahre dauert es im Schnitt, bis eine Kommune einen Auftrag erteilt hat, „in einer Wirtschaftskrise können Sie noch ein Jahr drauf rechnen“, sagt er. Dennoch ist er optimistisch, nicht nur, weil viele Müllkippen in Asien bald voll sein werden, sondern auch, weil Länder wie China und Indien ihr Müllproblem erkannt haben.

Vor allem Indien scheint vielen Unternehmern interessant. Während China einer Studie der Germany Trade und Invest (GTAI) zufolge eher für heimische Anbieter attraktiv wird, hat Indien aufgrund der gerade erst begonnenen Privatisierung der Müllentsorgung einen großen Bedarf an Sortier-, Recycling- und Verbrennungsanlagen. Dazu kommen rund neun Milliarden Euro, die das Land bis 2012 für neue Abwassersysteme ausgeben will.

Weitsicht – das ist es, was Jürgen Militz zögernden deutschen Kunden rät. „Wenn die Städte weiter so wachsen, sind die Regierungen noch mehr gezwungen, etwas zu ändern“, sagt er. In Singapur beispielsweise sei schon heute zu erkennen, dass die Semakau-Insel, auf der bis 2065 die Aschen aus den Müllverbrennungsanlagen der Stadt gelagert werden sollten, bereits 2045 voll sein wird. „Das bedeutet schon heute Großalarm“, sagt Militz. Die Stadt prüft derzeit, wie sich das Problem lösen lässt.

In anderen asiatischen Städten ist diese Weitsicht noch nicht vorhanden. Der stinkende Berg, der sich in Bantar Gebang in Indonesien erhebt, wächst weiter, auch wenn die Regierung erste Schritte angekündigt hat. „Wilde Müllkippen sind immer die billigste Lösung“, sagt Ludden, „zumindest kurzfristig.“ Das langfristige Denken, das in Deutschland in den 90er-Jahren zum Kreislaufwirtschafts-Gesetz führte, fehle gerade in den ärmeren Ländern Asiens noch: „In Vietnam, Kambodscha und Malaysia haben die Stadtverwaltungen andere Probleme“, sagt Ludden. „Das rächt sich leider nach einigen Jahren.“

In Bantar Gebang sind die Folgen der ungeregelten Abfallbeseitigung schon heute leicht nachzuweisen: Mehrere Studien haben gezeigt, dass der stinkende Müllhaufen die Luft und das Wasser im Umkreis von mehr als einem Kilometer verschmutzt hat. Trotzdem wächst der braune Berg weiter.