Tabakindustrie

Die Deutschen rauchen wieder mehr

Erstmals seit 2008 ist der Zigarettenabsatz gestiegen. Die Industrie freut sich. Dank Steuererhöhung wird Rauchen ab 2012 wieder teurer.

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Diese Nachricht hat sogar die Tabakbranche überrascht. Erstmals seit mehreren Jahren steigt in Deutschland der Zigarettenabsatz. Nach Berechnungen von Reemtsma wurden von Anfang Oktober 2010 bis Ende September 2011 rund 122 Milliarden Zigaretten geraucht. Das ist eine Steigerung um gut zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr. In den vergangenen zehn Jahren ging der Trend in die andere Richtung.

„Wir haben keine klare Antwort darauf. Aber wir vermuten, dass dies mit dem schönen Frühjahr und dem bislang guten Herbst zusammenhängt“, sagte Reemtsma-Deutschlandchef Marcus Schmidt in Hamburg. Seit Einführung der Rauchverbote in der Gastronomie spielt das Wetter für die Tabakbranche eine immer größere Rolle.

„In diesem Jahr konnten Raucher viel draußen sein, das wirkt sich positiv auf unser Geschäft aus“, sagte Schmidt. Zudem herrsche in Deutschland derzeit ein „unglaublich gutes Konsumklima“. Die Deutschen würden es sich einfach gut gehen lassen – auch die Raucher.

Die Trendwende ist tatsächlich interessant: Die 122,3 Milliarden Zigaretten unterteilen sich in 37,6 Milliarden Feinschnitt-Einheiten und 84,7 Milliarden Fabrikzigaretten. Die erste Zahl bezieht sich auf die aus Feinschnitttabak selbst hergestellten Zigaretten.

Absatz der Fabrikzigaretten steigt

Sie steigt seit Jahren, weil Feinschnitt vergleichsweise günstig ist: Aus dem modernen Volumentabak lassen sich 19 Stück für 1,20 Euro herstellen – im Unterschied zum Packungspreis von fast fünf Euro. Nun aber ist zum ersten Mal seit dem Jahr 2001 der Absatz der Fabrikzigaretten gestiegen, wenn auch nur um knapp ein Prozent. Erstmals wächst also nicht allein das Einstiegs- und Billigangebot der Tabakkonzerne, sondern auch die teure Markenware.

Reemtsma-Manager Schmidt hat in den vergangenen 13 Jahren in verschiedenen Ländern Osteuropas gearbeitet und war zuletzt von Moskau aus für den russischen Markt des Konzerns verantwortlich. Vielleicht auch deshalb hat er auf den deutschen Markt eine ausgeprägt positive Sicht: So hält Schmidt das deutsche Tabaksteuersystem für „phänomenal“. „In Deutschland wird bei den Steuern nicht aus der Hüfte geschossen, sondern gut kalkuliert“, sagte der Manager. Er meint damit die in den kommenden vier Jahren noch anstehenden Steuererhöhungen, die im Unterschied zu früheren Anhebungen nicht in großen Schritten erfolgen.

Ziel des Bundes ist es, das Tabaksteueraufkommen von rund 14 Milliarden Euro jährlich um „nur“ 200 Millionen Euro zu steigern . „Das ist verkraftbar für den Zigarettenmarkt und den Zigarettenabsatz“, sagte Schmidt. Kleine Schritte bei Steuererhöhungen helfen nach Auffassung der Tabakmanager dabei, dass der Anteil der Schmuggelware nicht noch weiter steigt. Derzeit ist jede fünfte in Deutschland gerauchte Zigarette nicht hierzulande versteuert, sondern gelangt durch legale oder illegale Einfuhren in das Land. Dem Staat entgehen dadurch nach eigenen Berechnungen gut vier Milliarden Euro an Steuereinnahmen.

Doch der nächste Steuerschritt folgt in wenigen Wochen: Anfang 2012 wird die Tabaksteuer erhöht und verteuert rein rechnerisch die Packung mit 19 Stück um rund vier Cent. Die Tabakbranche nennt eine Auswirkung von bis zu sieben Prozent auf die unterschiedlichen Produkte.

Generelle Verteuerung ist wahrscheinlich

Nachdem British American Tobacco (Marken wie Lucky Strike oder Pall Mall) angekündigt hat, dies an die Kunden weiterreichen zu wollen, ist eine generelle Verteuerung wahrscheinlich. „Wir denken darüber nach, den Steueraufschlag weiterzugeben“, sagte Reemtsma-Manager Schmidt. Auch Marktführer Philip Morris (Marlboro, L&M) hat sich ähnlich geäußert. Wie hoch die Preisanhebung ausfallen wird, ist offen. Bei der jüngsten Steuererhöhung vom Mai 2011 haben alle großen Tabakkonzerne bis zu 20 Cent je Packung aufgeschlagen. Das ist etwa das Dreifache des eigentlichen Steueraufschlags.

Der Zigarettenkonzern Reemtsma (West, John Player Special) profitiert kräftig vom Aufwärtstrend der Branche. Die Tochtergesellschaft des britischen Konzerns Imperial Tobacco erhöhte im vergangenen Geschäftsjahr (bis Ende September 2011) in Deutschland den Umsatz um 3,5 Prozent auf gut eine Milliarde Euro.

Hier sind die Tabaksteuern bereits herausgerechnet. Und der deutsche Markt ist hoch lukrativ: Reemtsma steigerte das Betriebsergebnis um fast sieben Prozent auf 532 Millionen Euro. Das heißt: Aus einem Euro Umsatz erwirtschaftet der Zigarettenhersteller gut 50 Cent Gewinn vor Steuern.

Vor allem mit günstigen Tabakangeboten ist Reemtsma erfolgreich . Bei Feinschnitttabak ist das Unternehme mit rund einem Drittel Anteil Marktführer. Bei teuren Angeboten der Marken Gauloises Blondes oder Davidoff sinkt dagegen der Marktanteil. Insgesamt kommt Reemtsma als Nummer zwei auf rund 24 Prozent. Das ist ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr.

Ein anderer Trend zeigt, wie stark der Wettbewerb über den Preis geführt wird: Konkurrent BAT hat gerade eine Großpackung mit 40 Zigaretten auf den Markt gebracht, bei der jede einzelne Zigarette etwas günstiger ist als in der Standardpackung. „Wir finden das äußerst unglücklich.

Das gießt doch nur wieder Öl ins Feuer im Preiswettbewerb“, sagte Reemtsma-Chef Schmidt. Sein Konzern werde sich nicht „aktiv an der Entwicklung der verdeckten Preisreduktion“ beteiligen. Die Standardpackung macht mittlerweile nur noch 20 Prozent des Absatzes aus, der Rest verteilt sich auf alle möglichen Größen. „Das ist ein sehr deutsches Phänomen und im Ausland nicht der Fall“, beklagte sich der Reemtsma-Manager.